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Amos Oz' anti-epischer Roman «Allein das Meer»
Vor mehreren Jahren hat Amos Oz, israelischer Schriftsteller und Literaturprofessor, die Anfänge mehrerer Romane und Erzählungen der Weltliteratur analysiert und die narrativen Anstrengungen, die sich dahinter verbergen, als «eine vertragliche Bindung zwischen Autor und Leser» beschrieben. Oz deckte die Manipulationen auf, mit denen die grossen Dichter ihre Leser ködern, und schuf eine Art angewandter Literatur, indem er wiederum die Interpretationen als Leserköder auslegte. Dass der Anfang einer Geschichte blosse Einführung oder vorsätzliche Täuschung ist; dass darin Stil und Erzählhaltung angekündigt werden oder das psychologische Umfeld abgesteckt wird; dass darin die Figuren vorgestellt werden oder schon die Handlung einsetzt in seiner schon langen Schriftstellerkarriere hat Amos Oz alle diese Anfangsstrategien und -stile ausprobiert und stets einen narrativen Weg zwischen den formalen Anforderungen und den inhaltlichen Notwendigkeiten gefunden.
In «Allein das Meer» greift Oz zu einem inhaltlich traditionellen Anfang, indem er die Hauptfigur vorstellt und ihre Befindlichkeit beschreibt, und konterkariert zugleich die Erwartungen auf emotionalen Realismus, indem er freie Verse schreibt und einen lyrisierenden Ton anschlägt. «Nicht weit vom Meer wohnt ein Herr Albert Danan / in der Amirim-Strasse, allein. Er isst gern / Feta und Oliven; dieser sanfte Steuerberater hat / kürzlich seine Frau verloren.» Oz praktiziert ein minimalistisches Erzählen, dem er jede epische Breite ausgetrieben hat, und nennt sein Vorhaben dennoch «Roman», weil er in der Tat eine Handlung aufbaut und mehrere Figuren darin verwickelt. Er portioniert das Geschehen in kurze Kapitel, die mal als Alltagsprosa und mal als Alltagslyrik, einmal im realistischen Stil und dann wieder als Bewusstseinsstrom gestaltet sind, und kontrolliert den Gang des Geschehens, indem er selbst als Erzähler auftritt. «Der Erzähler steckt seine Kappe wieder auf den Stift und schiebt den Schreibtischblock weg. Er ist erschöpft. Der Rücken tut ihm weh. Er fragt sich, wie er bloss auf so eine Geschichte kam.» Dieser Erzähler stellt eine prekäre Verbindung her zwischen der Realität der Fiktion, die er selber entwirft, und der Fiktion der Realität, aus der er schöpft. Denn Geschehnisse aus dem Leben der Figuren bezieht er auf autobiographische Momente und strebt eine Horizontverschmelzung an, wenn er vorgibt, in Realzeit zu schreiben. Aber dieser Erzähler ist auch ein Vertrauter der Figuren, die sich manchmal bei ihm über die Entwicklung der Handlung beklagen.
Den Hauptstrang der Handlung bildet die Beziehung von Albert, der gerade Witwer geworden ist, zu Dita, der Freundin seines Sohnes Rico, der nach Tibet gefahren ist. Nebenhandlungen ergeben sich aus der Beziehung von Albert zu Bettine, die, selber verwitwet, ihn über seine Trauer hinwegtröstet, und aus derjenigen von Dita zu Giggy, der ihr finanziell helfen soll. «Man kann das auch als eine Reihe Dreiecke, sich überschneidend, sehen», kommentiert der Erzähler in seiner «Synopse» der Handlung. Deren Hauptschauplatz ist Bat Yam, ein Städtchen am Meer bei Tel Aviv. Yam ist das hebräische Wort für Meer, und so betrachten die Figuren stets das Meer: Als Spiegel ihrer seelischen Befindlichkeit und als Spiegel der klimatischen Lage ist das Meer subjektives und objektives Korrelat der Handlung. Während sich Beziehungen verändern und Stimmungen wechseln, bleibt das Meer bei ständig wechselnder Farbe doch immer gleich. Wie in keinem seiner Romane zuvor räumt Amos Oz der Landschaft eine besondere Funktion als Abbild emotionaler Zustände ein. War die Natur in «Ein anderer Ort» (1966) eher Kulisse und stand das grossstädtische Labyrinth in «Der dritte Zustand» (1992) für eine Welt, von der sich die Figur absetzte, so stellt das Meer nun einen Gegensatz zur urbanen Landschaft und zugleich eine Projektionsfläche für Wünsche dar. Von diesen Wünschen und von ihrem Aufprall auf die Wirklichkeit erzählt Amos Oz in diesem Roman, indem er die Stimmen seiner Figuren zu einem festen Gewebe verknüpft. «Und was verbirgt sich hinter der Geschichte?» lautet eine Kapitelüberschrift, und der Erzähler antwortet: «Die Liebe ist mal so, mal so. Am Ende bleiben wir allein.» Thema dieses Romans ist die Banalität der Liebe. Der Stilwechsel zwischen Realismus, Psychologismus und Expressionismus, der Gattungswechsel zwischen Prosa und Versen, der Registerwechsel zwischen einer mal saloppen, mal prätentiösen Sprache passen zu der bruchstückhaften Handlung und der Konstellation ihrer Figuren. So gerät diese postmodernistische Übung von Amos Oz zu einer Skizze moderner emotionaler Befindlichkeit. Stefana Sabin
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