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Rainald Goetz notiert ein Jahr
Die Arbeiten von Rainald Goetz suchen nach etwas Unmöglichem: sie wollen sich die Gegenwart einverleiben. Das Jetzt, der Augenblick, die Unmittelbarkeit sie sollen in seinen Büchern keinen «Ausdruck» finden, sondern sich gleichsam von selbst in Szene setzen. Goetz will nicht darstellen, nicht porträtieren, nirgends in Distanz zum Moment geraten, vielmehr soll der geheime Moment, in dem «alles stimmt», sich seine eigenen Sprach-Szenen schaffen, unverwechselbar, treffend.
Die von Goetz erlebte Gegenwart, könnte man sagen, spricht sich in seinen Büchern selbst aus, und damit wäre angedeutet, warum Goetz nicht «literarisch» werden will. In den Formen der «Literatur», in ihren Sprechweisen und Gattungen, lauert für ihn die Kontrolle der Objekte, ihre Beherrschung und Glättung. Goetz jedoch will diesen Objekten einen freieren Raum erhalten, einen Raum, in dem sie aus sich selbst Konstellationen eingehen können, die keinen Vorgaben folgen.
Für die Arbeit am Text bedeutet das: immer von neuem anfangen, keine Methode, keine Sprache haben, nie in ein «Werk» hineinfinden, es dauernd belauern. Diese Unruhe wirkt auf den Autor zurück, nervös, überanstrengt, immer wieder zur Strecke gebracht, tanzt er vor seinem Werk, mit dem er sich nicht anfreunden kann. Lange Zeit bedeutet «Arbeiten» nur Notieren, Sammeln von Momenten, kurzes Protokoll, bis sich aus all dem Notierten so etwas wie eine vage Andeutung von Spuren ergibt. Die aber dürfen nicht ausgezogen werden, sie ähneln denen einer offenen Topographie, in der das Material selbst dominiert.
1998 hat man Rainald Goetz gebeten, das alles genauer zu erklären, in Frankfurt. Und Goetz hat eingewilligt, in Frankfurt Poetik-Vorlesungen zu halten, fünfmal, Woche für Woche. Wie nicht anders zu erwarten, wurde es zu einer Tortur besonderer Art, für den Autor und seine Zuhörer. Denn für Goetz musste von Anfang an klar sein, dass es in Frankfurt nicht darum gehen konnte, von einem Katheder aus Poetik zu lehren. Auch hier galt das Gebot, das Unmögliche in Szene zu setzen, und das bedeutete in diesem Fall: Kein Abstand, weder zu den Zuhörern noch zum Text!
Der Text sollte sich aus dem Augenblick heraus herstellen, als gleichsam im Sprecher durch Ort, Moment und Publikum gezeugtes Sprechen, als Selbstaussprache der Gegenwart. Das alles aber nicht als «Performance» und auch nicht als «Vorführung des Nachdenkens», sondern als Sprechen aus dem Moment, als Installation eines Sprechenden, der das Publikum einschaltet in den unermüdlichen Kreislaufprozess seines Arbeitens.
Die erste Vorlesung misslang, und sie warf den Autor zurück auf den Halt und den Vorratsspeicher, den er sich bereits seit Monaten zugelegt hatte. Am 4. Februar 1998 hatte Goetz damit begonnen, täglich Aufzeichnungen ins Netz zu stellen. Fast ein Jahr lang wurden diese Notate dann weitergeführt, über den Zeitraum der Frankfurter Vorlesungen, für die sie als Reservoir von Ideen dienen sollten, hinaus. Jeder Internet-Kundige konnte diese Aufzeichnungen Tag für Tag lesen, sie wurden vor den Augen eines imaginären Publikums und im Blick auf seine Gegenwart geschrieben. Später wurden diese Texte dem Netz entzogen und liegen jetzt als Buch vor, als «Roman eines Jahres».
Auch die Tagesnotizen folgen in ihrer ursprünglichen Form dem Anspruch der Unmittelbarkeit und des Spontanen. Daher unterscheiden sie sich fundamental von Tagebuchaufzeichnungen. Statt ein Tagebuch zu führen, installiert sich Goetz als eine Art Empfangsstation. Aus Fernsehen und Zeitungen, den flüchtigsten und vergänglichsten Medien überhaupt, empfängt diese Station ganz konsequent ihre zentralen Impulse. Das Diktat lautet: Jetzt, im Augenblick des Empfangs, reagieren, knapp, das Gesehene und Gelesene auf den Punkt bringen, im Bild, im Satz.
Das kann scheitern und führt dann unweigerlich zum Abbruch, zur Unterbrechung oder zur Blödelei. Oder es kann, wie ein Durchbruch in die «Echtzeit», zu völlig überzeugenden, konzisen Treffern führen, die so dicht am Gesehenen sind, dass sie es fast auslöschen. In der Sprache von Goetz:
| . . . nicht die vom mündlichen Erzählen schon ganz | |
| abgeschliffenen, fertig gemachten Geschichten | |
| auftischen und verzapfen wollen, im Schriftlichen, im | |
| erzählenden Text aber eben umgekehrt auch nicht | |
| aus den finster geheimnisvollen Tiefen des ganz und | |
| gar Stummen der Dinge und den menschenfernen | |
| freien Höhlen der Abstrakta her sprechen wollen | |
| sondern so einen Mittelort suchen, wo das | |
| ausgesprochene Wort sensationell ist, Diskretionsgrenzen | |
| berührt, das Denken verändert, Bilder schafft und | |
| präzisiert wo also die gesprochene Sprache als | |
| etwas Tolles erlebt wird . . . | |
Wenn dieser «Mittelort» getroffen wird, strahlen die Goetzschen Notate kurz auf, und man liest Passagen, die man mehrmals lesen muss, weil etwas so gesagt wurde, dass man sich an eigene, ähnliche Wahrnehmungen erinnert. Alles andere aber ist Arbeit, harte Spracharbeit, ununterbrochenes Abtasten, Suchen, Vergleichen. Auch der Leser steht mit der Zeit unter einer Art Dauerstrom, eine nervöse, aber hellwache Aufmerksamkeit entsteht, eine Aufmerksamkeit dafür, wie etwas genauer, einzigartiger und unverstellter gesagt und betrachtet werden könnte.
Indem sie sich ausschliesslich der «Arbeit» verschreiben, kennen diese Notate wieder ganz konsequent keine Privatheit und erst recht nichts «Intimes». Es gibt keine «Geschichten», auch Freundschaften formulieren sich in Telefongesprächen, Faxen, also in Sende-Angeboten. Der Leser verbindet sich eben nicht wie sonst bei der Lektüre von klassischen Tagebüchern von Eintragung zu Eintragung mehr mit dem Autor, er fügt die Eintragungen nicht zu einem Puzzle (einer «Lebensgeschichte») zusammen, und er gerät erst recht nicht in den starken Sog einer sich die Welt zurechtrückenden Betrachtung. Was von ihm verlangt wird, ist etwas ganz anderes: mitarbeiten, einsteigen, der Einladung zum momentanen Sprechen/Denken folgen!
Daher sind die Tagesnotate (mit exakten Stunden- und Minutenangaben) so etwas wie eine Kleinform der Frankfurter Poetikvorlesungen, deren Text das geheime Zentrum dieses Internet-Tagebuchs bildet. Denn auch in diesen Notaten wird vor den Augen eines Publikums die Spracharbeit installiert. Was dem Projekt fehlt, sind die Antworten, das Mitsprechen des Publikums. Dafür hat Goetz in Frankfurt eine Form gesucht, um am Ende dann aber doch zurückzufinden zum monologischen Sprechen, zum Vortrag, dem man höchstens noch Spuren von Improvisation beimengen konnte, um ihn nicht erstarren zu lassen.
Die Buchform von «Abfall für alle» ist ein entsprechender Schritt zurück, fort, aus den Augen des Publikums. Denn mit der Zeit hat der Autor Goetz die imaginären Blicke von draussen zu spüren bekommen. Ein Jahr lang vor den Augen anderer Notizen zu machen bedeutete schliesslich: dem Diktat ausgeliefert sein, sich in einem selbstgezimmerten Käfig aufhalten, in dem die Begrenzung eine Macht wird. «Abstrakte Nähe» nennt Goetz diese Annäherung an den Leser, der nicht zu nah herangelassen wird, aber doch immer wieder eingefangen werden soll, täglich von neuem.
Und so endet das Ganze in der Stummheit, beim Leser, wo es neue Texte hervorrufen soll: «Meine Lieblingsvorstellung vom Effekt der Täglichkeit einer so abstrakten Nähe ist das Verschwinden des Texts im Leben des Lesers . . .» Genau, verstanden, vollkommen begriffen, das Schreiben geht weiter, schon hier, als Kritik.
Hanns-Josef Ortheil