Neue Zürcher Zeitung
Anfangsvertrag
Eine Studie von Amos Oz
«Eine Geschichte anfangen bedeutet immer, eine vertragliche Bindung zwischen Autor und Leser anzuknüpfen»: von diesem Gedanken ausgehend, analysiert der israelische Schriftsteller Amoz Oz die Anfänge verschiedener Romane und Erzählungen der Weltliteratur und die darin versteckten Verträge. «Effi Briest» von Fontane und «Die Nase» von Gogol, «Der Landarzt» von Kafka und «Rothschilds Geige» von Tschechow, «Im Mittag ihrer Tage» von S. J. Agnon, «Auftakte» von S. Yishar und «Der gestreifte, furchteinflössende Tiger» von Jaakow Shabtai, schliesslich «La Storia» von Morante, «Niemand sagte irgendwas» von Carver und von Marquez «Der Herbst des Patriarchen» dienen Oz als Beispiele dafür, dass jeder Anfang als «Auskunftsschalter am Eingang der Geschichte» fungiert: Erzählhaltung und Stil lässt er ebenso erahnen wie die Handlung und die psychologische Beschaffenheit der Figuren. Aber im Anfang kann auch Täuschung liegen, wenn nämlich ein unzuverlässiger Erzähler weniger zu wissen vorgibt, als er wirklich weiss, oder wenn er sich objektiv gibt, während er subjektiv bleibt. Dabei versucht Oz keineswegs, eine literarische Theorie zu formulieren, sondern will die erzähltechnischen Manöver nachvollziehbar machen, mit denen Autoren ihre Leser ködern. Als aufmerksamer Leser, der sich auf den Anfangsvertrag mit dem Autor einlässt, und zugleich als textimmanenter Interpret, der der Sprache jede verborgene künstlerische Dimension entlockt, tritt Oz in diesen Essays auf, die auf seine Lehrtätigkeit an Schulen und Hochschulen in Israel nzurückgehen und nun auf deutsch erschienen sind. Als Lehrer muss Oz überzeugend gewirkt haben, weil seine Lesebegeisterung immer deutlicher bleibt als die pädagogische Absicht. In den Essays gelingt es ihm, diese Begeisterung auch seinen Lesern mitzuteilen.
Stefana Sabin
Kurzbeschreibung
"Wer hat denn noch nie so vor einem weißen Blatt gesessen, das einen mit zahnlosem Maul anbleckt: Bitte schön, laß mal sehen, ob du das Zeug hast, mich anzurühren.
Aber der Kopf birst doch angeblich schier vor Gedanken, Gefühlen, Intrigen, Ideen und Ereignissen, die darauf drängen, zu Papier gebracht zu werden! Ja, aber was hilft das? Das leere Blatt liegt öd und leer da und sagt einem nicht, womit man anfangen soll. Ein leerer Bogen ist praktisch eine durchgehende Wand. Ohne Tür oder Fenster. Es ist so ähnlich, als wollte man mit einem fremden Mann oder einer fremden Frau im Cafe anbändeln. Erinnern Sie sich an Tschechows Gurow in der Erzählung Die Dame mit dem Hündchen? Er lockt den Hund zu sich heran, und als jener folgt, droht er ihm mit dem Finger. Der Spitz knurrt, Gurow droht ihm wieder, die Dame sagt errötend: "Er beißt nicht." Gurow fragt, ob man ihm einen Knochen geben dürfe, und damit ist ein Faden geknüpft, für Gurow wie für Tschechow, das Werben geht los,und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Fast jede Erzählung ist eigentlich ein Werben um das Hündchen, das einen vielleicht der Dame näherbringt."
Amos Oz versetzt sich in die Rolle des Lesers und forscht nach, warum Schreibende genau diesen einen Satz wählen, um ihren Roman zu beginnen. Dabei kommt der lesende Schriftsteller Oz dem Grundgeheimnis allen Erzählens auf die Spur: "Eine Geschichte anfangen bedeutet fast immer, eine vertragliche Bindung zwischen Autor und Leser anzuknüpfen." So erfahren wir hier nicht nur etwas über andere Autoren, sondern über den Schriftsteller Oz selber, über seine Poetik und seine Leseethik.Amos Oz, geboren 1939 in Jerusalem, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie an der hebräischen Universität in Jerusalem. Er gehört zu den großen israelischen Schriftstellern der Gegenwart und unterrichtet hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beesheva. Seit 1986 lebt er mit seiner Familie in Arad in der Negey-Wüste.