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Durs Grünbeins Essays
Unter dem anspruchsvollen wie zweideutigen Titel «Galilei vermisst Dantes Hölle und bleibt an den Massen hängen» ist eine Sammlung von Texten erschienen: «Aufsätze 1989 bis 1995» des Büchnerpreisträgers Durs Grünbein. Ein Blick in die Drucknachweise entdeckt, was zu vermuten war: der Band versammelt eine sehr gemischte Gesellschaft von langen oder kurzen Äusserungen, die der junge Dichter (er wird im Herbst 34 Jahre alt) in den letzten sechs Jahren aus den verschiedensten Anlässen an den verschiedensten Orten publiziert hat.
Epiphanien
So finden sich in den «Aufsätzen» das 15zeilige Prosagedicht «Vision in Gent», das Europa «als zerstörte Kathedrale» imaginiert und plötzlich in der Epiphanie des knienden Engels endet, oder der mit Emphase geschriebene fast 30seitige Essay «Ans Ende der Linie» über den Dichter und Essayisten Eugen Gottlob Winkler, der 1936 mit 24 Jahren aus dem Leben schied. Durs Grünbein hatte 1993 einen Winkler-Band im Reclam-Verlag herausgegeben und damals mit dem nun wiedergedruckten Nachwort begleitet. In die «Aufsätze» eingebunden lassen sich nochmals Grünbeins Reden zur Verleihung von Preisen lesen; Heiner Müller muss gewusst haben, welche Rituale des Marktes auf den zu etablierenden Autor zukommen würden, als er ihm «ein Jahr ohne Kritiker, Lobredner und Leser» wünschte.
Neben Poetologischem finden wir in dem Sammelband auch Kulturtheoretisches und -geographisches, so etwa ein sehr subjektives Porträt der Geburtsstadt des Dichters, «Chimäre Dresden», aus einem Merian-Heft, oder den impressionistischen «Manhattan-Monolog» aus einer Nummer des «du». Der Dichter hat sich in grossen Zeitungen, edlen Kunstkatalogen, Magazinen, Anthologien, Festschriften und Broschüren geäussert. Poetisches ist dabei entstanden wie die wunderbare Überblendung «Vulkan und Gedicht», die das alte, vom Vesuv verschüttete Pompeji mit dem kokelnden Müllberg vor Dresden verbindet (einem inversen Vulkan) und vom verschlossenen und wieder aufgebrochenen Stoff spricht, aus dem Dichtung werden kann.
Aber in dem Band findet sich ebensosehr seltsame Prosa, die an anderem Ort ihren schrillen, ihren draufgängerischen, ihren unverschämten Charme entfaltet haben mag und jetzt nüchtern nacheinander gedruckt in Buchform etwas ungeschützt, gar nackt daliegt. Man hätte diese Stücke wohl einst im Verschollenen wiedergefunden mit Wehmut und Dichterliebe toleriert. Nun aber, sich frisch präsentierend, provozieren sie die entlarvende Kinderfrage nach des Kaisers neuen Kleidern. Der Leser staunt mit offenem Mund und fragt: Was soll das heissen? «Dante ist der delische Taucher, als den Sokrates sich gesehn hat, er ist aber auch Jonas im Bauch des Wals, ein zweiter Theseus im Labyrinth, und dann wieder, ganz modern, eine gelebte Verkörperung aller Unterweltfahrer und Bergsteiger von Odysseus bis Empedokles.»
Nur wer Theseus und Odysseus gleichermassen nicht ernst nimmt, kann so vergleichen, als greife er in den Grabbeltisch europäischer Kulturgeschichte und zupfe ein wenig nach glitzerndem Stoff. Das geht so weit, dass das Vergleichen des nicht Ähnlichen nicht nur als poetologische Methode vertreten wird (ein professioneller Werbetexter, der den Zigaretten Flügel gibt, würde das übrigens stringenter entwickeln können), sondern als denkerisches, als erkenntnisleitendes Prinzip.
Herz-Schmerz-Poesie
«Was ist der Unterschied zwischen einer Lektion und einer Läsion? Wahrscheinlich derselbe wie zwischen einem Traum und einem Trauma. Eine leichte Verschiebung, und schon zeigen die Dinge sich von ihrer hässlichen oder gefährlichen, je nachdem heimlichen oder feindlichen Seite.» Wer das ernst nähme, wäre theoretisch auf der Ebene einer Herz-Schmerz-Poesie, in der sich Gott auf Schrott reimt und Müll wiederum auf Tüll.
Mit einer «leichten Verschiebung» ist in der Sprache tatsächlich alles alles. Das kann, wenn es klug kalkuliert wird, ästhetisch reizvoll sein, nur ist damit noch nicht unbedingt etwas gesagt.
«Das Gedicht, idealerweise, führt das Denken in einer Folge physiologischer Kurzschlüsse vor. Jeder Entladung folgt sofort wieder ein Spannungsaufbau und umgekehrt. Die Energie hierfür liefert ein Komplex, der eigentlich nur unzulänglich mit Körper bezeichnet ist, weil er sehr viel tiefer unter die Haut geht.»
Mit Verlaub, das ist stilistisch ein Kalauer und inhaltlich entweder banal (natürlich sind Gehirnströme bei der Verfertigung von Gedichten aktiv) oder Unsinn, denn der «physiologische Kurzschluss» bleibt eine Metapher und erklärt eben nicht wirklich, wie ein spezifisches Denken (Empfinden, Sprachgefühl) beschaffen sein soll, das bei der Entstehung von poetischen Zeilen beteiligt ist. Es ist eines, aperçuhaft eine Metaphorik für den dichterischen Vorgang zu entwerfen, die Anleihen bei der Physiologie vornimmt. Es ist aber etwas anderes, solchen Metaphern so weit zu vertrauen, dass man daraus in Essays eine scheinargumentative Lehre vom dichtenden Körper macht.
Die Verliebtheit in medizinische und andere Fachsprachen bei mitunter erstaunlicher Abstinenz in Hinsicht auf deren konkrete Bedeutung ist aus der deutschen Poetiktradition bekannt. Wer bei der Lektüre Grünbeins einen Echoeffekt vernimmt, schlage noch einmal bei Gottfried Benn nach, etwa im Umfeld der Marburger Rede (und anderswo); er wird dort im O-Ton genau jenen Körperslang finden können, der ihm bei Grünbein mit frischem Zeitgeist entgegenhaucht: «Der Körper bestimmt, was die Methode ist. Hinter der semantischen Ordnung zeigt sich die anatomische; unter den Schichten, die Hermeneutik wälzt, kommt das lebendige Gewebe zum Vorschein, der Stoff, aus dem die Zeilen seit dem Beginn lyrischen Tastens sind.»
«Flimmerhaare», die die Worte «herantasten», waren es bei Benn. Da wir so gut wie nichts über das wirkliche Zusammenspiel von Körperfunktionen und Bewusstseinsqualitäten wissen, werden solche Bilder eine Berechtigung behalten. Man sollte aber in Äusserungen, die unweigerlich einen theoretischen Anspruch erheben, bescheidener und vorsichtiger damit umgehen.
«Präzise, doch ungenau», charakterisiert Grünbein im kurzen abschliessenden «Erratum» die «Stimme» des Gedichts. Mit der Neigung, allein aus paradoxen Formulierungen den Funken der Erkenntnis zu schlagen, lassen sich aber Probleme wie die Körper-Geist-Beziehung argumentativ nicht vermessen.
Angelika Overath
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