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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Der Anwalt der Hähne
OT Advocaat van de hanenOA 1990 DE 1995 Form Roman Epoche Moderne
Der Anwalt der Hähne von A(drianus) F(ranciscus) Th(eodorus) van der Heijden ist ein von überschwänglicher Fabulierlust diktierter Roman, der am Beispiel Amsterdams gesellschaftliche Spannungen und psychologische Orientierungslosigkeit beschreibt, wie sie als typisch für die westeuropäische Kultur in den 1980er Jahren gelten dürfen. Obwohl das Buch als vierter und (vorläufig) letzter Teil des Zyklus Die zahnlose Zeit fungiert, war es ursprünglich als unabhängiger Roman konzipiert. Es ist daher nur lose durch wenige Personen und Handlungsstränge mit den übrigen Teilen des Zyklus verbunden.
Inhalt: Ernst Quispel betreibt als wohl situierter Rechtsanwalt eine Kanzlei in Amsterdam. Sein Privatleben ist äußerlich geordnet, seine bildhübsche Frau Zwanet erwartet ein Kind. Regelmäßig überkommt ihn jedoch der unwiderstehliche Drang, seinem bürgerlichen Dasein zu entfliehen, indem er sich in einer Phase vollkommener Euphorie dem Alkohol hingibt und dabei seiner Lebensgier und sexuellen Obsessionen freien Lauf lässt. Während dieser Zeit schläft er in einer als Arbeitsraum angemieteten Zelle eines ehemaligen Gefängnisses, in dem auch eine Gruppe von Punkern Unterschlupf gefunden hat, die wegen ihrer kammartigen Frisuren »Hähne« genannt werden.
Nachdem die Punker ein von der Stadt gesetztes Ultimatum zur Räumung haben verstreichen lassen, wird das Gebäude von der Polizei gestürmt. Der betrunkene Quispel wird Augenzeuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen der Anführer der Hähne Kiliaan Noppen festgenommen wird. Noch in derselben Nacht stirbt Noppen unter ungeklärten Umständen im Polizeigewahrsam.
Die Eltern des Opfers betrauen Quispel mit der Wahrnehmung des Falls, über den der Anwalt offensichtlich mehr weiß, als er zugeben will. Vor Gericht kommt er in dieser Sache jedoch nicht recht weiter; er widmet sich zunächst einem anderen Fall. Unterdessen hat sein Familienleben durch die Geburt der Tochter Cynthia neu an Bedeutung gewonnen. Die Punker bedrohen das private Glück, indem sie Cynthia entführen, um Quispel zu zwingen, in der Sache Noppen nicht locker zu lassen.
Quispel sieht ungeachtet der absehbaren beruflichen Folgen keinen anderen Ausweg, als sich als Kronzeuge im Fall Noppen zu erkennen zu geben: Er war selbst am Rande der Auseinandersetzungen wegen Trunkenheit und Behinderung der Polizei festgenommen worden und hatte von seiner Zelle aus mit angesehen, wie zwei Polizisten dem toten Noppen eine Überdosis Heroin injizierten, um von der wahren Todesursache abzulenken. Durch die Aussage Quispels wird der Fall wieder aufgerollt, bei einer erneuten Autopsie wird eine durch äußere Gewalt verursachte Hirnverletzung als eigentliche Todesursache festgestellt.
Während Bürgermeister und Justizminister zurücktreten müssen, wird Quispel von der Anwaltskammer mit einem befristeten Berufsverbot belegt. Als in der Folge auch die Beziehung mit Zwanet zerbricht, beginnt er eine neue Trinkperiode, die zum Beginn einer langsamen Selbstvernichtung wird.
Aufbau: Der Roman gliedert sich in zwei Bücher, die mit den Titeln Die Euphorie und Saturiert überschrieben sind. Innerhalb einer komplex gegliederten, zwischen verschiedenen Zeitebenen wechselnden Erzählstruktur durchziehen drei thematische Hauptstränge das Buch: der Fall Kiliaan Noppen, die Alkoholeskapaden Quispels und seine glücklose Beziehung zu Zwanet.
Der Anwalt der Hähne kann gleichermaßen als fesselnder Kriminalroman und als breites Gesellschaftspanorama gelesen werden, vor allem aber entfaltet er in der Person Quispels das psychologische Porträt einer »verlorenen Generation«, deren Leben in seiner Saturiertheit jeden ursprünglichen Reiz verloren hat. Auch die Flucht in den Alkohol kann hierüber nicht dauerhaft hinwegtäuschen. Unter diesem Gesichtspunkt reiht sich Der Anwalt der Hähne in die Thematik des gesamten Romanzyklus ein, erweist sich doch Quispels Existenz als vergebliche Sinnsuche in einer »zahnlosen« Zeit.
Wirkung: Der Anwalt der Hähne ist von der Literaturkritik einhellig als ebenso tiefgründiger wie spannender Roman gefeiert worden. 1996 wurde er in den Niederlanden mit großem Erfolg verfilmt. H. E.
Ernst Quispel, auf die Vierzig zugehend, verheiratet, werdender Vater, betreibt in Amsterdam eine Anwaltskanzlei und arbeitet an seiner Karriere. Dieses bürgerliche Leben wird auch nicht zerstört durch Quispels Quartalstrinkerei. In solchen Phasen zieht er von einer Kneipe zur nächsten, versucht er, seine Depressionen loszuwerden, will er aller Welt sein Glücksgefühl vermitteln, seiner unbändigen sexuellen Lust nachgehen. Trinken ist für Quispel das Mittel, um die fade Welt wieder prickelnd zu machen. Im April 1985 wird er im Verlauf einer Trinkperiode in Ereignisse verstrickt, die seine ganze Existenz in Frage stellen. Der Kontakt mit den 'Hähnen', einer Gruppe Amsterdamer Jugendlicher mit rotgefärbtem Haarkamm, deren juristischer Berater er wird, bringt ihn in eine verhängnisvolle Zwickmühle. Bei der gewaltsamen Räumung eines von den 'Hähnen' besetzten Gebäudes kommt einer von ihnen zu Tode.