Als das Wünschen noch geholfen hat
Antonia Byatts Märchen aus neuester Zeit
Von Ursula Zeller
Es war einmal eine Frau, die vom Geschichtenerzählen lebte. Und da dies in Zeiten «sekundärer Art» den 1990er Jahren geschah, war auch die Frau keine Scheherazade, sondern eine Narratologin. Gillian Perholt, eine Frau in den Fünfzigern, hat eine Scheidungsgeschichte hinter sich, wie sie das Leben zu Dutzenden schreibt (Mann verlässt Frau für eine viel Jüngere) und die in einem Märchen nichts zu suchen hat. Entsprechend flott wird sie abgehakt; der Weg ist frei für Wichtigeres. Dr. Perholt fährt zu einem Kongress von Erzählforschern in Ankara, zum Thema «Geschichten vom Leben der Frauen».
WEST-ÖSTLICHE TAPISSERIE
Schon befinden wir uns mitten auf Byattschem Terrain, jener Mischung aus sattem Erzählen, Ironie, philosophischer und textueller (Selbst-)Refle xion: eine west-östliche Tapisserie, deren Güte sich ebenso an den rückseitigen Knoten wie am reich verschlungenen Muster vorne ablesen lässt.
Der akademische Basar beschert uns einen regen Geschichtenaustausch, der auf Byatts eigentliche Geschichte einstimmt. Doch bald geht es nicht mehr mit rechten Dingen zu. Der Gegenstand von Gillians Referat, die geduldig leidende Griseldis aus den «Canterbury Tales», manifestiert sich plötzlich als Schreckensgestalt; die mächtige Artemis des Tempels zu Ephesos konfrontiert die Protagonistin auf andere verwirrende Art mit ihrem Leben: Erfahrungsmomente des Alterns, Ahnung der eigenen Sterblichkeit, dialektisch verbunden mit einem Gefühl gesteigerter Lebendigkeit und gespannter Erwartung.
Als Gillian im Markt von Istanbul eine blaue Glasflasche entdeckt, der in ihrem Hotelzimmer ein guter Geist aus «Tausendundeiner Nacht» entweicht, vermag dies die Märchenexpertin nicht mehr gross zu erstaunen. Um so mehr aber zu bezaubern: Mit verspieltem Witz erzählt Antonia Byatt, wie sich die zwei kennenlernen, wie der Dschinn sich flugs an die modernen Zeiten gewöhnt, an TV, Tennis und British Airways, und wie sie einander ihre Lebensläufe nachzeichnen. Bis in die Zeiten der Königin von Saba reicht seine Geschichte, mit seiner Vorliebe für kluge weibliche Gesellschaft, an der Gillian nicht nur professionelles Interesse zeigt.
WEISER REALISMUS
Drei Wünsche stehen ihr als Dank für die Befreiung zu, nicht aber der nach Unsterblichkeit, so will es selbst die übernatürliche Logik. Hier nun liegt der Schlüssel der ganzen Erzählung: am Schnittpunkt zwischen weisem Realismus und Märchenphantasie, der sich zum Schluss in Gillians drittem Wunsch offenbart und dessen zentrale Bedeutung den «Verliebten Dschinn» über Bravourstück und geist(er)reiches Divertimento schon dies nicht gering hinaushebt.
Doch zunächst begleitet der Dschinn die Protagonistin, mischt sich unter die Grossen der literaturwissenschaftlichen Zunft und schreibt auch mit an Gillians Referat. Ein Referat, dessen Thema auch diesmal Spiegel ihrer eignen Entwicklung und zugleich Vorgabe für ihr weiteres Handeln ist: «Wunscherfüllung und narratives Schicksal», dargestellt an einer alten türkischen Geschichte, die während des Vortragens eine eigensinnig moderne Wendung nimmt.
Wunscherfüllung, so Gillians Fazit, bringe nur scheinbare Freiheit und lasse die Unentrinnbarkeit des Schicksals nur um so schärfer zu Bewusstsein kommen. So verweist sie das Happy-End restloser Erfüllung in den Bereich des Märchens zurück; mehr noch, als «Zustand wunderbarer Starre» liegt es jenseits des Erzählbaren, Narrativen und läuft also dem Leben zuwider.
Der Dschinn, den Gillian aus seinem Flaschengefängnis befreit, wird Bild ihrer eigenen Befreiung: Sie wandelt sich, zunächst einmal durch das Märchen, in das Byatt sie verwickelt, von einem Wesen «sekundärer Art» zu einem primärer Art; und vor allem wird sie Gestalterin und Akteurin ihrer eigenen Lebensgeschichte.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Selten geschieht es heute noch, daß sich ein Geist wie aus Tausendundeiner Nacht in eine Sterbliche verliebt.
Die Märchenforscherin Dr. Gillian Perholt entdeckt in Istanbul eine geheimnisvolle verstaubte Flasche, die, nachdem sie gründlich gereinigt wurde, nicht nur eine wundervolle blaue Farbe offenbart, sondern auch einen Geist, einen ausnahmsweise guten Dschinn, der sich mühsam dem engen Behältnis entwindet. Seit dreitausend Jahren, seit den Zeiten der Königin von Saba, saß er in den verschiedensten Flaschengefängnissen und hat nur wenig, meist kurze Befreiung erfahren. Jetzt aber, in unserer Gegenwart, trifft er mit Gillian Perholt auf eine ihm verwandte Seele unter den Irdischen, in die er sich prompt verliebt. Und so beginnt eine verzauberte und zauberhafte Liebesgeschichte, die die Jahrzehnte überdauert.