|
|
14 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
leider in "bester" deutscher Tradition, 16. Juni 2004
Von Ein Kunde
Einleitung: -------------Es ist bekannt, dass sich die deutsche Wissenschaftsliteratur gemeinhin durch einen Ansatz auszeichnet, der den (vermeintlichen) Fehlern Rezensierter erheblich größeren Stellenwert beimisst als deren Errungenschaften, was regelmäßig dazu führt, dass man sich dann mit besonderer Vehemenz den Schwachstellen widmet, während die Stärken beinahe vergessen werden. Jens Malte Fischer hat ein umfangreiches Werk verfasst, dessen Titel zu Recht keinen allumfassenden Anspruch erhebt, aber welches eine Vielzahl von Sängern Spotlight-ähnlich aus der Menge der vergangenen Stimmen herausstellt und beleuchtet. Dies leider nicht zu jedermanns Zufriedenheit - zum Beispiel der meinen. Zum Buch: ------------ Ohne dem Buch eine irgendwie geartete Wissenschaftlichkeit unterstellen zu wollen (dafür ist es, unter anderem, viel zu subjektiv), scheint sich in dieser Tradition auch Herr Fischer zu bewegen, wenn er nicht gerade ohnehin nur an anderer Stelle Gelesenes widerkäut. Kaum anders lässt sich erklären, dass er z.B. sowohl den Artikel über Caruso, wie auch über die Callas erst einmal mit einem drastisch negativen Bericht aus drittem Munde beginnt. Dass gleich darauf das Dementi folgt, man wolle hier ja niemanden demontieren, wirkt, auch in Anbetracht des allgemeinen Stils des Buches (s.u.), wenig glaubwürdig. Gerade der anfänglich extrem negative Eindruck der Callas, der sich auf ihr damaliges Äußeres bezieht (ein dadurch gegebener Kontrast zur Stimme ist ein schon lange zum Klischee gewordener Topos), wirkt in einem Buch mit dem Titel "Große _Stimmen_" reichlich fehl am Platz, besonders solch einem exponierten - das ist eher Klatschpresse-Niveau. Auch sonst, insbesondere in den Schlussbemerkungen werden immer wieder die (vom Autor empfundenen) Fehler herausgestellt, die Qualitäten selbst treten dadurch in den Hintergrund (Martinelli, Lauri-Volpi, Del Monaco sind nur einige Beispiele). Dass solche Urteile niemals wirklich objektiv sein können, von Stimmcharakteristika an bis zu deren Interpretation, versteht sich von selbst. Wie auch jeder Erstsemesterstudent der Rhetorik weiß, dass Anfang und Abschluss eines Textes die prägendsten Teile sind. Man kann sich hier, nach Lektüre der Texte, also berechtigterweise fragen, wieso zig tausende von Opernafficionados eben diese Leute mit Begeisterung hörten und hören. Darunter sicherlich eine Menge zumindest ebenso kenntnisreicher Leute wie Fischer, wenn nicht gar selbst im Opernbetrieb aktiver Musiker, etc.; von den Künstlern, die mit den Kritisierten zusammengearbeitet haben, ganz zu schweigen. Alles Masochisten, oder Leute mit nicht so feinen Ohren? Viktor Fuchs hat in seinem Buch "Die Kunst des Singens" einen schönen Satz niedergeschrieben: "[...] trachte das Gute anzuerkennen, und dich daran zu bilden. Mische dich nicht in den Chor der Besserwissenden." Dies gilt für ein zumindest annähernd objektives Überblickswerk sicherlich nur begrenzt - Licht und Schatten existieren bei jeder Stimme und wollen auch aufgezeigt werden. Dennoch ist es sowohl eine Frage des Verhältnisses, wie auch der Präsentation. Beides geht in diesem Buch, handelt es sich nicht um ausgesprochene Favoriten des Autors (wie zum Beispiel den großen Jussi Björling), zu Lasten des Sängers. Dabei wird leider selten mit dem spitzen Meißel gearbeitet, sondern mal gewaltige Minderwertigkeitskomplexe (Lauri-Volpi), Kompensationsmechanismen für Defizite im Äußeren (Del Monaco), oder andere Weisheiten aus der untersten Schublade der psychologischen Hausapotheke ans Tageslicht geholt und dabei außerdem viel zu seicht ausgeführt, um von ehrlichem Interesse, und nicht bestenfalls der Suche nach einem Schlagwort geleitet zu sein. Kommen noch Perlen dazu, wie, dass zu Carusos Zeichentalent beigetragen haben könnte, dass er sein Auge mittels der Betrachtung von mechanischen Abläufen und Materialien bei seiner frühen Arbeit in der Fabrik schärfte, fragt man sich, an welcher Stelle das "Fachbuch" aufgehört, und die Fabel begonnen hat. Aber immerhin verwendet Fischer noch das Wort "vielleicht". Auf die Artikellänge für die einzelnen Künstler schließlich (z.B. Svanholm knapp eine dreiviertel Seite und Kollo drei) braucht nicht weiter eingegangen zu werden - nicht immer einsichtig, aber noch das geringste Problem. Der Autor hatte hier also offenbar alle Freiheiten. Ob er sie immer im Sinne des Lesers genutzt hat, liegt im Auge des Betrachters, bzw. Lesers. Was auf dem Einband so schön "con amore" heißt, stellt sich jedenfalls schnell als Selbstverliebtheit eines Menschen dar, der, abseits von zahlreichen themenfernen Anmerkungen, leider zuweilen recht abfälligen Termini, und diversen Spekulationen, offenbar lieber erklärt, wieso eine Stimme nicht gut ist, als wieso sie es ist. Fazit: -------- Wer sich Künstlern am liebsten unter der Devise "kill your idols" nähert, wird an diesem Werk seine Freude haben, und auch Freunde der Regenbogenpresse können hier sicher so manchen Episoden etwas abgewinnen. Wer eine objektive Beschreibung und Würdigung, weder Lobhudelei, noch Demontage, der einzelnen Stimmen erhalten will, und vielleicht noch eine kurze Beschreibung des Lebens der Sänger, sollte sich hingegen anderen Quellen zuwenden. Kesting und Fischer haben das Glück, sich auf einem Feld zu bewegen, auf dem in Deutschland leider(!!) kaum ein anderer tätig ist. Das macht sie, sozusagen qua Endemie, zu Experten, gleich wie unhaltbar so manche Beurteilung und Begründung sein mögen, und welche Arroganz (gerade bei Kesting) dabei an den Tag gelegt wird. Lesen muss man sie deswegen aber nicht. Wichtige Daten und eine grundsätzliche Beschreibung der Stimme (die man ohne Tonmaterial ohnehin nie en Detail nachvollziehen kann) findet man auch im New Grove oder bei Kutsch/Riemens, und wer eher an den "farbigen" Aspekten einer Sängerlaufbahn interessiert ist, der wird häufig eine (Auto-)Biographie des betreffenden Künstlers finden können. Dafür muss man dann zwar auf diverse hämische Kommentare und abstruses Psychologisieren verzichten, aber das dürfte wohl kaum einem Opernliebhaber etwas ausmachen. Am sinnvollsten ist es, ein paar Einträge "anzulesen", um festzustellen, ob man sich mit dem Stil des Autors anfreunden kann. Die CD-Tipps sind nicht schlecht, und die eine oder andere unbekannte Aufnahme findet sich auf jeden Fall, während das Gesangslexikon am Ende eher zu vernachlässigen ist - wer sich ein Buch kauft, das "Große Stimmen" heißt, wird im Normalfall wissen, was ihn, auch bezüglich der Terminologie, erwartet. Alles in allem, ein Buch, das man kaufen kann, wenn der Stil gefällt, aber sicher nicht kaufen muss, gerade als Opernliebhaber. Das Geld kann man z.B. besser in ein paar CDs investieren, um sich selbst einen Eindruck einiger dieser Stimmen zu verschaffen - was sowieso die beste Methode ist, sich ein Bild zu machen.
|