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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
tiefgründige Gesellschaftskritik interessant verpackt, 30. Dezember 1999
Von Ein Kunde
Durch Zufall bin ich auf Cees Nooteboom' "Rituale" gestossen. Auf einer längeren Rückreise einer Studienfahrt bin ich infolge Marcel Reich Ranicki's nüchterner Einschätzung: "Ein grosser europäischer Schriftsteller. Ein poetischer Roman, in dem die Erotik im Mittelpunkt steht." zu diesem Buch gelangt. Nooteboom begeistert durch seinen fesselnden Stil und somit weiss sich der Leser sofort in das Geschehen involviert. Die Ausgangsposition: Inni Wintrop prophezeit in seinem Horoskop, seine Frau würde mit einem Jüngeren durchbrennen und just passiert dies auch. Vom Leben enttäuscht, fasst er resignativ den Entschluss zum Suizid, doch paradoxerweise reisst der Strick, als er sich in der Toilette seiner Amsterdamer Wohnung zu erhängen versucht. Diese Situation ist die Basis für die nun folgende eigentliche Handlung: Der Leser begleitet von nun an Inni bei seinen Begegnungen von Bekannten und Menschen, die er neulich kennenlernt. Mit neuer Aufmerksamkeit beobachtet er sie und ihr Leben. Heiter, melancholisch und gleichzeitig souverän reflektiert Nooteboom auf diese Weise die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. In ihrer Isoliertheit klammern sie sich an "Rituale", mit denen sie versucht sind, ihrer voranschreitenden Lebenszeit und den dabei aufkeimendenn Erinnerungen einen Hauch des Sinnvollen zu geben. Die einzelnen Charakter sind gänzlich different, doch verbindet sie ein grosses Gemeinsames: sie assoziieren in verschiedener Weise den Versuch der Grossstadtanonymität zu entfliehen und ihrem dahinfliessenden Sein einen Sinn zu geben. Empfehlenswert zu dieser Thematik: Jean Paul Sartre "Der Ekel"; Albert Camus "Der Fall". (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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38 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Buch für die Insel..., 2. September 2004
Es gibt viele Bücher, die man gerne liest, oder auch ein zweites mal, aber ein Buch, von dem man wegen Abnutzungserscheinungen drei Ausgaben hat, gibt es selten... (bei mir nur Rituale) Ein Buch, das seine innige, tiefe und absolut unaufdringliche traurige Schönheit beim Wiederlesen entfaltet. Nooteboom schreibt poetisch schön, ruhig, ohne Effekthascherei ! Grandios, wie eigentlich alles bei Cees Nooteboom. Gäbe es mehr als 5 Sterne, ich würde sie alle vergeben.
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Traktat über die Weltverneinung, 23. Februar 2002
Der bekannte Literaturjournalist Reich-Ranicki, dessen Meinung der Suhrkamp-Verlag auf dem Rückumschlag des Buches abgedruckt hat, ist sich sicher, daß es sich hier um einen Roman handelt, „in dem die Erotik im Mittelpunkt steht." Ist das so? Ach wo! Die Tatsache, daß Inni Wintrop, eine Art Hauptfigur, in dem Buch viermal mit einer Frau Sex hat und das mit hinlänglicher Ausführlichkeit beschrieben wird, bedeutet nicht, daß die Erotik im Mittelpunkt des Buches steht. Vielmehr ist auffällig, daß die erotischen Motive immer bezogen sind auf übergeordnete Themen. Und die sind - anspruchsvoll ist er schon unser Autor Noteboom - die Zeit, die Erinnerung oder genauer gesagt die Erzählbarkeit und Registrierbarkeit von erlebter Zeit und damit auch die Konstruktion von Sinn und Zusammenhang. Soviel - und das ist ja nicht wenig - vermag der Autor zu bewältigen, zumindest im ersten der drei Teile. Gestaltet wird dieses Grundthema durch die Erzählweise. Der Erzähler, der mit kühnen Vorausgriffen und überlegenen Deutungen über Zeit und Sinn regiert, outet sich schon auf Seite 14 als der „große, platonische Elektronenrechner„ der „alles einspeichert". Er weiß nicht nur fast alles, er weiß auch alles besser, auf jeden Fall besser als die Romanfiguren. Das ist allerdings auch nicht so schwer, denn die irren auf ihrem Weg der Sinnsuche doch recht hoffnungs- und orientierungslos durch Amsterdam und die Geistes- und Religionsgeschichte. Und was die Haupt- und Nebenfiguren sich da alles über die Welt und das Leben so zurechtgelegt haben, das kann man dann im zweiten und dritten Teil des Buches nachlesen. Ganz als wäre man auf dem Zauberberg dürfen wir z. B. im zweiten Teil einem dialogischen Wettstreit zwischen einem Existentialisten (Arnold Taads) und einem Geheimen Kammerherrn des Papstes lauschen. Doch dann: Ein Faustschlag des Gastgebers, der dem Existentialisten galt, trifft den Kammerherrn, boom! Darauf geht der Gastgeber (zu viel Portwein) selbst zu Boden! Krach! Das fand ich toll. In diesem zweiten Teil steht neben dem schon erwähnten Existentialismus die Transsubstantiation in der Heiligen Messe im ‘Mittelpunkt des Romans’. Und bei diesen Themen sowie dem ständig wiederkehrenden Motive der Welt- und Lebensverneinung überfordert sich Noteboom doch zu sehr. Da wird nichts gestalte, da werden nur noch in Thesen ausgetauscht. Das wird noch schlimmer im dritten Teil, der dem Sohn des Existentialisten, Philip Taads, gewidmet ist. Hier geht es, wieder unter dem Oberthema ‘Weltverneinung’, um Zen, Tao, Joga (sic!), östliche Mystik, Meditation, teuere japanische Töpferwaren (Akaraku) und die japanische Teezeremonie (Chado). Bei den dazugehörigen Gesprächen gibt es leider keine direkten Handgreiflichkeiten aber dafür Sätze wie den folgenden: "Ich sage, Gott muß sehr ich und ich muß sehr Gott sein, so verzehrend eins, daß dieser Er und dieses Ich ein einziges Ist sind und in dieser Istigkeit ewig an ein und demselben Werk schaffen .... usw.". Solche Äußerungen ersetzen stilistisch doch gut und gerne die Wirkung eines japanischen Würgegriffs (Kesakatame). Oder, genauer gesagt, hier hat Noteboom endgültig die Grenze dessen überschritten, worüber er kompetent schreiben kann. Und sonst noch? Wir begegnen einigen skurrilen Figuren aus Tausendundeiner Gracht, Kunsthändlern, reichen Katholiken, einigen Frauen wie Innis hysterischer Tante Thérèse, seiner Frau Zita, wegen der er sich zu Beginn des Buches erfolglos umzubringen versucht, und den drei anderen Frauen, mit denen er in dem Buch Sex hat. Womit wir wieder beim Erotischen wären. Der Erzähler ist in dem Buch, wie gesagt, allwissend. Er mußte deshalb auch geahnt haben, was Reich-Ranicki schreiben würde und hat (irgendwie pfiffig!) auch schon eine Antwort ins Buch eingebaut: Inni und einer der Kunsthändler studieren die Sammlerzeichen auf der Rückseite einer Renaissance - Radierung: Inni: "’Sieht so aus, wie das sexuelle Symbol eines Indianerstammes. ‘Jaja’ sagte Bernard ‘the eye of the beholder’..."
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