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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ernstes Gedankenspiel, 18. November 2003
Dieses Werk eine Romandichtubg zu nennen, beschreibt Inhalt und Form eigentlich sehr gut. Denn anders als herkömmliche Romane ist dieser wirklich verdichtwet. Der Inhalt ist relativ einfach: Geschildert werden die letzten Stunden im Leben des Vergils, der Kaiser Augustus zur Geburtstagsfeier in dessen Heimatort begleitet. Dort liegt er in seinem Zimmer und wird von Visionen und Ängsten geplagt, die ihn zu der Überzeugung bringen, die Aeneis nicht zu vollenden, sondern zu verbrennen, da er für die Kunst keine Daseinsberechtigung mehr sieht. Diese Auffassung übersteht das Gespräch mit seinen besten Freunden, nicht jedoch jenes mit Augustus, seinem größten Gönner. Am Ende schlummert Vergil in seinen Tod und begibt sich auf eine Reise in ein traum-haft geschildertes Jenseits. Innerhalb dieses Handlungsrahmens verfolgt der Leser die Gedanken, Gefühle und Halluzinationen des Dichters in seinem Todesfieber. Dabei arbeitet Broch einen Sprachfluss heraus, der seinesgleichen sucht. In zahlreichen Wiederhohlungen, antithetischen Partizipkonstruktionen und unendlich langen Sätzen bildet sich ein Bewusstseinsstrom heraus, den der Leser nicht immer wirklich verfolgen, aber umso mehr in ihn eintauchen kann; die überaus intime Begegnung mit einem Sterbenden ist eine fesselnde Stärke des Buches. Auch thematisch weiß es zu überzeugen: Die Diskussion Vergils, er müsse sein Werk verbrennen, fußt auf einer Begegnung mit den ärmsten Menschen in der Stadt, die ihn verfluchen, den todkranken Krüppel in seiner goldenen Sänfte. So erhält auch eine sozialkritische Komponente Einzug und wird sehr persönlich behandelt. Doch den Großteil bildet eigentlich der Versuch Vergils, oder auch seines Unterbewusstseins, sich selbst zu erkennen und zu dem Höchsten hinaufzustreben; das klingt etwas platt, doch scheint es in der Sprache Brochs als die letzte Konsequenz eines sterbenden Lebens; die Aufnahme in die All-Einheit. Dass er sich dabei seines Lebens bewusst wird, indem er die beiden wichtigsten Menschen (seine Geliebte und seinen Geliebten) heraufbeschwört und diese beiden den Kampf in seinem Innern nach draußen transportieren, ihn sichtbar machen, ist ein wunderbarer Schachzug des Autors, denn so zeigt er, dass es nicht auf die Ereignisse an sich ankommt, sondern auf die Gefühle und Empfindungen, die wir sich v. a. auf unsere Mitmenschen beziehen. Und so ist diese Dichtung eine Gefühlsdichtung, die man zwar an den Stilmitteln auseinanderreßen kann, was ihrem Zauber jedoch nichts abgewinnt; schließlich liest man um zu lesen, nicht um zu analysieren. Schade nur, dass man diesem Strom nicht vollständig folgen kann, denn ein Abdriften ist schon allein wegen der eigenen Gedanken unvermeidlich.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Brochs Äneis, 19. Oktober 2009
Brochs "Tod des Vergil" ist ein Klassiker und steht schon jenseits der Kritik. Der Leser findet Inhaltsangaben und Werkanalysen zum Buch, auch im Internet und auch bei "amazon". Den Leser der zu dem Buch greift wird ein sprachgewaltiger Dichter in seinen Bann ziehen. Der Leser wird eine Reise durch die Träume, Halluzinationen und Visionen des sterbenden Dichters Vergil machen. Brochs Roman beginnt mit einem Dantezitat. In der "Göttlichen Komödie" führt Vergil im Jenseits den Dichter Dante durch die Welt des 13. Jahrhunderts in Begegnungen mit Menschen dieser Zeit. Broch nimmt in seinem "Tod des Vergil" den Leser an der Hand und führt ihn in Vergils Visionen durch Sphären des Himmels und der Erde. Broch lässt den todkranken Vergil eine überströmende Bilderflut herauf beschwören und breitet sie vor dem Leser aus. Das Geschehen kreist um Vergils Wunsch, sein Hauptwerk die "Äneis" zu vernichten und die Bemühungen seiner Freunde und des Kaisers ihn daran zu hindern. Dem Leser sind mehrere Deutungen von Vergils Wunsch möglich:
- Vordergründig ist es die schöpferische Unzufriedenheit Vergils. Sie treibt ihn um, sein vermeintlich unvollkommenen Werk zu zerstören.
- Das Leiden von Broch, Dante und Vergil an ihrer Zeit. Den quälenden Zweifeln Dantes an einer irdischen Welt, in der das Inhumane und Verderbte lebt, wächst in der "Göttlichen Komödie" eine vollkommene göttliche Welt entgegen, die der Dichter schauen darf. Auch Broch kannte diese Zweifel an seiner Zeit. Der 1938 emigrierte Dichter Broch unterzieht in dieser Zeit, in der scheinbar das Inhumane triumphiert hatte, sein schriftstellerisches Werk einer radikalen Kritik. Die Frage des sterbenden Vergil ist: Haben die Menschen, in all ihrer Unvollkommenheit, ihren Fehlern und Irrtümern, ein Recht auf das Geschenk eines großen dichterischen Werks von vollkommener Schönheit, oder soll man es ihnen vorenthalten, es vernichten, es als "Scheinweg" verdammen?
- Das Streben nach Schönheit und Vollkommenheit in Vergils Dichtung. Vergil glaubt, dass es ein Irrweg und verlogen war und an der Wirklichkeit, dem auf Blut und Schweiß gegründeten römischen Imperium vorbeiging. Er meint: "Das Gedicht hätte nie geschrieben werden dürfen". Broch wäre kein Schriftsteller der Moderne, wenn er nicht alle intellektuellen Vorbehalte gegen die Ideale der Schönheit, der Vollkommenheit und des Klassischen ausspielen würde. Er legt das dem Vergil in den Mund: "Die Äneis besteht zu Unrecht" und sie ist "ein mäßig geglückter Abklatsch des homerischen Vorbilds".
- Noch eine andere Sicht öffnet sich dem Leser im fast hundertseitigen Dialog zwischen Vergil und Augustus. Das Ringen von Hofdichter und Imperator, Geist und Macht, füllt über ein Fünftel des Buchs. Vergil ahnt in seiner Todesstunde, es ist das Jahr 19 vor Christus, den bald kommenden Erlöser. Vor ihm wird alle Macht und aller Glanz der Welt nicht bestehen. Vergil übergibt zum Schluss die "Äneis", in der er den Aufstieg, Glanz und die Macht von Rom verherrlicht hat, dem Imperator als Geschenk. Nachdem Vergil Künftiges geschaut hat, steht er über seinem Werk, der "Äneis", über das er hinaus ist. Vergil erscheint jetzt als Künder und Seher. Broch bezieht sich, wie auch Dante und einige mittelalterliche Legenden auf Vergils 4. Ekloge, in der Vergil die Geburt eines wunderbaren Kinds prophezeit hatte.
Im Schlusskapitel erzählt Broch den Tod Vergils als ein Hinübergleiten des Dichters in eine andere Welt in einem grandiosen Bild, das in der Weltliteratur einzig ist, an Dantes "Göttliche Komödie" anklingt und das sich dem Leser fest einprägt. Es ist, mit Brochs Worten, seine "Annäherung an den Tod". Die ausdrucksstarke Sprache Brochs, in der Erzählung und Lyrik ineinander übergehen und die sich bis ins Hymnische steigern kann, fesselt den Leser bis zum Schluss. Am Ende des Buchs wünscht der Leser, dass es nicht enden möge und er weiß, was Dichtung vermag.
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8 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Nicht bereut, 11. August 2002
Vergil, - mein alter Lateinlehrer schwärmte von ihm; sein Frühwerk, die "Bucolica" muss man (meinte er!) gelesen haben. Was ich jedoch aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen mußte, stinkte mir: Vergil, für den die pax romana (=die Augusteische Ordnung) der Gipfel in der Geschichte Roms bedeutete, nein danke! Ich las nie die "Bucolica". Und Hermann Broch? Lange Zeit blieb er mir unbekannt, dann kam ich durch einen Zufall dazu, "Der Tod des Vergil" zu bestellen, zu lesen. Auf Seite 19 legte ich das Buch weg, 14 Tage später las ich doch noch weiter, entschloss mich, das Lesen als eine Art Arbeit anzunehmen, kämpfte mich bis zur Seite 104 durch und plötzlich wurde das Buch mit seinen vielen interessanten Personentypen so lebendig wie kaum ein anderes. Am Ende dann: Nicht bereut, sowohl den "anderen" Vergil als auch Hermann Broch kennen gelernt zu haben.
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