Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Geschichten vom Herrn Keuner
OA 1949 Form Kurzprosa Epoche Moderne
Die kurzen Prosastücke teils erzählerischen, teils philosophischen Inhalts von Bertolt Brecht spielen anhand von exemplarischen Situationen und der fiktiven Figur »Herr Keuner« mögliche Verhaltensweisen in einer sich verändernden Welt durch.
Entstehung: Brecht hat über 30 Jahre hinweg, von 1926 bis zu seinem Tod, Keunergeschichten verfasst und sie in Gruppen veröffentlicht. Der Schwerpunkt der Arbeit fällt parallel zur Entstehung der Lehrstücke in die späten 1920er Jahre. Eine durchkomponierte Gesamtausgabe hat Brecht offenbar nicht angestrebt; die umfassendste Publikation von seiner Hand (39 Geschichten) findet sich neben anderer Prosa in dem Band Kalendergeschichten (1949). Die nach Brechts Tod erschienenen Werkausgaben enthalten 87 Keuner-Geschichten.
Inhalt: Parallel zu den Lehrstücken versuchte Brecht ein kurzes Prosa-Modell zu entwickeln, mit dessen Hilfe Fragen des Verhaltens im politisch-sozialen Kontext sowie Probleme der Erkenntnistheorie abgehandelt werden können. Dazu benutzte er die Kunstfigur des Herrn Keuner, dessen Name als süddeutsche Form von »keiner«, aber auch als Anspielung auf das griech. koinos (das Allgemeine betreffend = das Politische) verstanden werden kann. Brecht bezeichnete ihn auch als »den Denkenden« und ließ ihn in seinen Beispielgeschichten einerseits als Handlungsfigur auftreten, die sich zu einer überraschenden Situation oder Frage verhalten muss und dabei verschiedene Möglichkeiten abwägt oder erprobt, andererseits aber auch als Lehrerfigur, die ihre aus Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse als Lebensweisheit weitergibt. Damit greift Brecht alte, insbesondere fernöstliche Traditionen auf, die er mit Motiven des Behaviourismus und der marxistischen Theorie verbindet.
Die Geschichten vom Herrn Keuner sollen also nicht als rein erzählende, sondern müssen nach Brechts Absicht als philosophische Texte gelesen werden; damit weisen sie Querverbindungen nicht nur zu seinem ähnlich strukturierten Werk Me-ti. Das Buch der Wendungen (1965), sondern auch zu seinen Marxistischen Studien (1967) auf. Zentral für das Philosophieren des Autors ist die Kategorie der Veränderung, sowohl als historischer Prozess wie als aktives »Eingreifen«. Deshalb »erbleicht« Herr Keuner, als ihm jemand sagt, er habe »sich gar nicht verändert«. Wie man sich zu den (historischen, sozialen) Veränderungen verhalten soll, kann nicht abstrakt gelehrt, sondern muss erprobt werden. Deshalb gilt die Maxime: »Weise am Weisen ist die Haltung« (und nicht die Lehre an sich). Eine auf Erfahrung gegründete Lehre aber vermag die Kluft zwischen Theorie und Praxis oder Philosophie und Leben zu überwinden. Es gilt daher der Satz: »Denken heißt verändern.«
Aufbau: Die Geschichten weisen in struktureller Hinsicht eine gewisse Variationsbreite auf. Typisch ist ein zweigliedriger Aufbau, der aus einer Minimalhandlung (wie z. B. einem Wortwechsel) und einer Konsequenz besteht, die als »Lehre« ausformuliert werden kann (aber nicht immer muss). Diese eigenwillige Form ist mit lehrhaften Kurzformen wie Fabel, Parabel, Anekdote oder Exemplum verwandt, ohne einer von ihnen ganz zu entsprechen.
Wirkung: Die Geschichten vom Herrn Keuner sind vor allem von jüngeren marxistischen Autoren als Modell benutzt worden. So formuliert Volker Braun (* 1939) seine immanente Kritik am Gesellschaftszustand der DDR in seinen Geschichten von Hinze und Kunze (1983). Wichtiger noch ist die Resonanz, die die Geschichten wegen ihrer Kürze, ihres Modellcharakters und ihrer Impulse zum Weiterdenken im Literaturunterricht in Ost und West gefunden haben. J. V.
Kurzbeschreibung
Mit der Figur des Herrn Keuner, manchmal auch nur Herr K. genannt, hat sich Brecht erstmals Ende der zwanziger Jahre beschäftigt: Eine Auswahl von elf dieser Geschichten, die wie der Haupttitel andeutet sowohl von Herrn Keuner stammen als auch von ihm handeln können, sind 1930 in das erste Heft von Brechts Versuche-Reihe (seine erste Sammelausgabe) aufgenommen worden. Zwei Jahre später hat er diese im fünften Heft der Versuche (1932) durch eine weitere Auswahl von neun neuen Geschichten erweitert. Zu den ersten, 1929 entstandenen und 1930 publizierten Texten gehört z.B. Organisation: »Herr Keuner sagte einmal: Der Denkende benützt kein Licht zuviel, kein Stück Brot zuviel, keinen Gedanken zuviel.« Als sich Brecht 1948 nach den Jahren des Exils Gedanken machte über neue Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum, wählte er für seine Kalendergeschichten auch 39 Geschichten vom Herrn Keuner aus, von denen 24 bis dahin unveröffentlicht waren. Zu den letzten, um 1955 geschriebenen Texten zählt Zorn und Belehrung: »Herr Keuner sagte: Schwierig ist, diejenigen zu belehren, auf die man zornig ist. Es ist aber besonders nötig, denn sie brauchen es besonders.«
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.