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38 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Genese und Kontext einer philosophischen Summe, 3. Dezember 2009
"Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." (Theodor W. Adorno: Minima Moralia, # 122, S. 254)
Schweigen bleibet stumm davor, dass vor über einem Jahrhundert der erlösende Meisterdenker uns geboren ward, gewiss der Erste und ebenso gewiss der Letzte, der das Identische und das Nichtidentische zugleich in einem Denken einander zu versöhnen noch vermochte.
Im Anfang war ein Wort, und es war sein Wort, und wir sahen, dass es gut war.
Kraft verlieh es uns, sein mit leichter Zunge hingehauchtes und hingeworf'nes Wort aus einem freien Vortrag in einem Hinterhof der Bockenheimer Landstraße:
"Intransigentem Denken ist die Hoffnung auf Erlösung mimetisch beigesellt, weil der Widerstand der frühbürgerlichen Rancune gegen das abstrakt Seiende, dialektisch, bündig und triftig entfaltet und gewendet, die gebieterische Freiheit des spätbürgerlichen Subjekts, auch das am schlechten Schein des Äquivalententausches intendiert, was erst durch dessen Zurüstung zum Objekte diesem verloren ging, ohne dass der Bann der Barbarei zu lösen sich vermöchte."
Zärtlich verschwebende Netze waren's, aus zerbrechlichster Intersubjektivität gewoben, Netze, deren untergründ'ge Kraft, geheimnisvoll genug, alle Schrauben in uns'ren Köpfen mit linker Hand lockern zu vermochten.
Mit einem Wort, mit diesem Wort, waren die Existentialontologie Heideggers (vgl. Sein und Zeit), die philosophisch sich dünkende Anthropologie von Scheler, Plessner und Gehlen, die Früh- und Spät-'Philosophie' Wittgensteins, der US-amerikanische Pragmatismus, der Positivismus des Wiener Kreises, besonders aber dessen wichtigtuerisch 'Kritischer Rationalismus' (vgl. Traktat über kritische Vernunft) äffisch sich heißender Abklatsch, widerlegt, zerstört, vernichtet, ein für allemal.
Und uns're Eltern, uns're Lehrer gar? Sie sträubten, widersetzten sich - gefangen, verfangen und befangen im Alles durchdringenden Verblendungszusammenhang der Adenauer-Erhard-Restauration. Wir aber erkannten in Adorno, dem siebten Kinde einfacher Hauswartsleute, den Erlöser, den von der List der vernünft'gen Geschichte uns Gesandten, den Pfad zum Heile uns zu weisen.
Während die hämmernden Räder der Kultur- und Bewusstseinsindustrie von den Schlicks, den Carnaps, den Poppers (vgl. Logik der Forschung), den Reichenbachs, den Nagels (vgl. Structure of Science) und Hempels (vgl. Philosophy of Natural Science) zynisch neue Ölung stets erfuhren, sah Adorno gleichsam zum Trappismus sich genötigt: Den gleißnerischen Medien war er anathema, den verstaubten Universitäten persona non grata, der verhockten Schulphilosophie blieben seine großen und kleinen Summen terrae incognitae, falbe Flecken des gesellschaftstheoretischen und epistemologischen Kannitverstans auf den ohnehin schon verwelkenden Landkarten alteuropäischen Geistes.
Wie Spinoza einst in Amsterdam, so hauste er, vergesellschaftet seinen beiden Rottweilern bloß, "Minima" und "Moralia" zärtlich von ihm geheißen, im feuchten Kellerloche eines längst verlass'nen Frankfurter Brauereigebäudes, an den zarten Händen klob'ge Fäustlinge, um gegen die Kälte der antagonistischen Gesellschaft, die ihn ausgespieen hatte, hilflos, trotzig wie ein Kind mit großen Augen, anzuschreiben. Und hier entstanden sie, die Bruchlinien einer dialektischen Theorie der gesellschaftlichen Totalität, die das Mörderische allen Preisgegebenseins ans schlecht Konkrete durch die Eiswüsten der Abstraktion hindurch zu deklinieren wussten. Gewiss, zum hilflosen Troste in den Verliesen der falschen Welt ließen Arnold Hau, Clemens Blaubrot und Ernst August Dölle, die alten Kameraden aus bess'ren Amorbacher Kindergartentagen, bei ihm sich blicken, um Reste von Dippehas und Grie Soß, bisweilen auch einen Bembel dünnen Weines, ihm mitzubringen. Doch gezeichnet waren auch sie schwer vom beschädigten Leben. Während Hau zeitlebens nach dem Menschen frug (vgl. Die Wahrheit über Arnold Hau), aber erdulden musste, dass der so befragte Mensch zurückzufragen stets sich sträubte, und Blaubrot, der namhafteste Naturlyriker der Kaiserzeit, angesichts der heraufdämmernden ökologischen Katastrophe zu verstummen genötigt sich sah, vermochte Dölle (vgl. Dichotomie und Duplizität), der an Hegels Dialektik von Herr und Knecht methodisch streng geschulte Psychologe, mit seiner lebend'gen, der noumenalen Welt abgelauschten Unversöhntheit von Dichotomie und Duplizität gegen das Unheil Skinner'scher Abrichtungskäfige und Lewin'scher Felder nicht sich zu behaupten. Marginalisiert, vertrieben, verfolgt, so kauerten die Freunde beieinander, die Schaftstiefel der Geheimpolizei im Nacken stetig spürend.
Adornos verzweifelter Versuch, im Jahre 1934 noch die Herrschaft des Faschismus von innen dialektisch aufzusprengen, sollte fehlschlagen. Zwar war ihm es gelungen, seine Rezension von Herbert Müntzels Singstück "Die Fahne der Verfolgten. Ein Zyklus für Männerchor nach dem gleichnamigen Gedichtband von Baldur von Schirach" in die Zeitschrift "Die Musik" als Konterbande tollkühn-listig einzuschmuggeln, doch dem Spreng-Satze - "es wird dem Bild einer neuen Romantik nachgefragt; vielleicht von der Art, die Goebbels als 'romantischen Realismus' bestimmt hat" - blieb die Verwirklichung des Telos gleichwohl versagt. Die "obersten Führungssysteme" (Arnold Gehlen) des NS-Staates erwiesen, aufklärungsresistent genug, immun sich gegen die aufklärende Kraft des ridikülisierenden Argumentes.
So ward ihm schlüssig offenbar, dass ein Ausweg nur ihm blieb: der Weg in die dem Denken feindselig abholde Welt der "Händler", als die Sombart (vgl. Händler und Helden) hellsichtig schon zwanzig Jahre zuvor das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten von Amerika enthüllt uns hatte.
Im "Princeton Radio Research Project" des positivistischen Prozentrechners Paul F. Lazarsfeld vermochte er als Pförtner, Kopist und Bürobote eine ärmliche Nische sich zu richten, die Subsistenz zu gewähren im Stande ihm war. Und dort ward er, der Meisterschüler Alban Bergs, auch mit dem Jazz, der zeitlosen Kindermode der Kulturindustrie, konfrontiert.
Nach einem Besuch der Carnegie Hall, in welcher die damaligen 'Stars' dieser als revolutionär hinausgeplärrten Musizierform, der Fagottist und Schalmeienspieler Schnuggy Wortz ('the swingin' booman') und der Bandenführer Jack 'Hounddog' Henkelman, aufzutreten angeschickt sich hatten, notierte er in einem flüchtig skizzierten Memorandum an seinen Freund Max 'Reggie' Horkheimer, der, ebenfalls Emigrant, als Dockarbeiter verdingt sich hatte:
"Hegels noch hartnäckige Mühe, der Dialektik Residuen bürgerlicher Freiheit trotzig abzuschnöden, gerinnt unter den Falschmünzerhänden der Musik(ont)ologen zur fadenscheinigen Ansprache an die Hirten und Hüter des Seins, verkennend, dass die Antagonismen der Warenwelt die odysseische Archaik, aus deren Topoi sie untergründig, heimlich noch sich speist, längst schon zum schlechten Schein des Konkreten regredieren ließ. Ewig pupsen und sabbern die gleichen Babies und Barbies aus den immergleichen Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine. Pleistozänische Affekte heften an eine modernistisch sich gerierende Technik sich, feindlich allem Sinn. Das Alles durchdringende Profitinteresse der kapitalistischen Produktion frisst wie ein insatiabler Bandwurm in die Herzen der Dinge sich und löscht von dort her sie aus. Dass im Jazz unverdorb'ne Frische, unverstellte Authentizität zur Geltung sich brächten - dies gehört in's Ressort der kitsch'gen Negersklavenfabel der Harriett Beecher Stowe. Hinter den Rücken all der regressiv sich aufspielenden Jackies und Schnuggies und wie alle sie von einer den falschen Schein perpetuierenden Musikindustrie geheißen sein mögen, marschieren doch bloß die grölenden Sturmabteilungen und Saalschutzstaffeln des faschistisch-positivistischen Unheils. Selbst die harmonischen Rückungen, die fragmentierten Ostinati und irregulären Undezimparallelen, die motivlosen Wechsel von binärer und ternärer Metrik, sowie die enharmonisch erweiterten Akkordcluster über den Orgelpunkten Gis und Des, mühsam genug abgelauscht den Abspaltungen, Verdichtungen und Verkettungen in Pannacottas 'Krischan-Tetralogie' und Rebroffs mittleren Kindertotenliedern, und unbeholfen, stolpernd und eunuchenhaft quiekend, plärrend und blökend genug intoniert, vermögen an diesem Verdikt kein Jota noch zu ändern. Jazz ist, auf die bündigste Formel wohl gebracht, unsublimierte, repressiv aufgestachelte, ewige Vorlust, der keine Erfüllung zärtlich sich versöhnt."
Der Jazz konnte nach diesem, auf Partiturstudien und stundenlanger Hörforschung methodisch abgesichert sich stützenden Urteile nur noch als dumpfe Penumbra seiner selbst dahinkümmern, als quietschende Parodie auf eine nachgeahmte Substanzialität. Selbst Musikanten der Jahrtausendwende, welche die internationalen 'charts' dominieren, wie Joe 'Holy' Bedforleger, Big 'Butch' Krugel, Percival A. 'Stump' Evans, Salena 'Oink' Jones und Chester 'Hot Harp' Reardon vermögen dies Urteil nicht zu dementieren.
In den Fünfziger Jahren zurückgekehrt ins Alte Europa, nähert Adorno in einem letzten gewaltigen Aufbäumen "häretischen Überlieferungen des europäischen Untergrundes" (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) sich: ...
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Mmmh schwer zu lesen, schwer zu verdauen, 14. Januar 2010
Von manchen Zeitgenossen ja als "Jahrhundertwerk" gepriesen, bin ich kein Freund dieses Werks.
Warum?
Sicherlich glänzt es stellenweise mit Aphorismen und außergewöhnlichen Gedankengängen, meist entsteht jedoch der Eindruck das dieses Buch geschrieben ist, um die intelektuelle Überlegenheit des Autors über seine Umwelt und die Leser zu dokumentieren.
Es ist zäh zu lesen, es fehlt der Schwung und leider mittlerweile auch der richtige Zeitgeist.
Eher was für Germanisten...
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
heute, 21. Mai 2009
ich lese dieses buch im jahr der sog. finanzkrise, und ich empfinde es in großen teilen keineswegs als "zeitgebunden", sondern als überaus treffend. all das, was man artikulieren möchte, hinsichtlich dessen, wie sehr das heutige leben tatsächlich beschädigt und falsch ist, ist hier bereits angerissen. auf der suche nach belegen konsultiere man nicht etwa adorno, sondern beispielsweise das werbefernsehen, das zahlreiche slogans von gänzlich unreflektierter obszönität zur verfügung stellt. aber auch zur korrumpierung der zwischenmenschlichen beziehungen in zeiten hemmungsloser marktwirtschaft, des tagtäglichen krieges aller gegen alle auf dem arbeitsmarkt, in den betrieben und büros, ließe sich einiges sagen. und das grauen des formatradios - was ist das anderes als "kulturindustrie". auch wenn ich dem gerne etwas entgegenstellen möchte - die analyse in der "dialektik der aufklärung" ist noch immer von niederschmetternder genauigkeit. und das geht weiter und weiter, das ist uns heute längst schon vollkommen selbstverständlich geworden. deshalb vor allem sollte man adorno lesen: um es eben nicht mehr als selbstverständlich zu nehmen. das problem ist, soweit ich das sehen kann, dass adorno selbst dem nichts anderes entgegen zu setzten hatte, als einen längst fragwürdig gewordenen begriff des bürgerlichen humanismus und der bürgerlichen kultur. aber das wusste er, das wird in den "minima moralia" wieder und wieder deutlich.
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