Neue Zürcher Zeitung
Mythen der Buchkultur
Michael Giesecke plädiert für mehr Dialog
Lässt sich der moderne Tourismus mit dem mittelalterlichen Entwurf der Pilgerreise beschreiben? Wohl kaum. Ebenso wenig lässt sich die Nutzung des Computerbildschirmes mit dem Konzept des Lesens erfassen. So lautet zumindest eine der provokanten Aussagen im neuen Buch des in Erfurt lehrenden Literaturwissenschafters und Medientheoretikers Michael Giesecke. Es ist ein gewichtiges Buch: Auf über 450 Seiten hebt Giesecke zu einem kultur- und medientheoretischen Rundumschlag an, der zumindest in der deutschsprachigen Debatte zurzeit seinesgleichen sucht. Giesecke geht dabei von einem der wichtigsten Mythen der modernen Industrie- und Informationsgesellschaft aus, dem Buchdruck. Mit diesem Thema ist er bestens vertraut, sein grandioses Buch «Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien» (1991) ist mittlerweile zu einem Standardwerk der modernen Mediengeschichte geworden. Die Industrienationen, so die Ausgangsthese seines neuen Buches, hätten dank der Buchkultur das sprachliche Wissen zum einzig glaubwürdigen Spiegel der Welt erklärt. So sei diese Kultur Teil der Identität moderner Gesellschaften geworden, ohne die weder Aufklärung noch allgemeine Schulpflicht, aber auch keine industrielle Massenproduktion oder gar Wissenschaft möglich gewesen wären. Doch nach einem Bündnis, das rund fünfhundert Jahre gehalten habe, sei diese Allianz nun am Zerbrechen, und die «beispiellose Erfolgsgeschichte» komme so allmählich zu einem Ende. Gieseckes Bilanz: «Die Geschichte der typographischen Massenkommunikation ist nicht nur eine Geschichte der Befreiung, sondern auch eine solche der Unterdrückung, der Versklavung der Sinne, der Prämierung von Eindimensionalität.» Die historischen Beispiele, mit denen Giesecke seine Thesen belegt, sind faszinierend und eine der Stärken des Buches. So schildert er die Entdeckung Amerikas als einen Triumphzug des geschriebenen Wortes und auch als einen Akt der Zerstörung von Wissen, das dem Wahrgenommenen sehr nahe gewesen sei. Die Buchkultur, so die Quintessenz, habe einseitig die interaktionsfreie Informationsverarbeitung gefördert, die Visualität bevorzugt und die kollektive, multimediale Wissensverarbeitung marginalisiert. Im Anschluss an seine Analyse präsentiert Giesecke im letzten Teil seiner Studie eine Art von Gegenentwurf: Mit Elementen aus der Systemtheorie, der Gesprächstherapie und der Ökologie entsteht ein Konzept, das er «Ökuloge» nennt (zusammengesetzt aus Ökologie, Kultur und Dialog). Im Mittelpunkt stehen die synästhetische Informationsverarbeitung und der Aufbau von multimedialen kulturellen Netzwerken. Das Paradebeispiel für ein rückkopplungsintensives Interaktionssystem ist dabei das Gespräch. Nun ist die Hervorhebung des Dialoges als interaktionsintensive Kommunikation wahrlich nicht neu. Reizvoll sind die Ausführungen von Giesecke trotzdem, weil sie sich auf die neuen Gegebenheiten der Informationsgesellschaft beziehen. Man hätte sich zwar gerne auch in diesem Teil so schöne Beispiele wie in der historischen Analyse gewünscht, zumal nicht alles in dem Schlusskapitel einleuchten mag. Wieso zum Beispiel sollen Gruppengespräche wertvoller sein als Zweiergespräche? Gravierender aber scheint die mangelnde Berücksichtigung elektronischer Medien wie Internet und Mobiltelefon samt den mit ihnen verbundenen neuen Kommunikationstechniken E-Mail, SMS oder Chat-Räume. Und zuletzt wird sich der Leser die Frage nicht verkneifen können, wieso der Autor die Mythen der Buchkultur ausgerechnet mit den Mitteln der Buchkultur zu analysieren sich anschickt. Das Buch als Teil eines «transmedialen Projektes» zu definieren und ihm eine CD-ROM und eine eigene Web-Site zu spendieren, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Peter Haber
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
"Elektrische Promiskuität statt Papierfetischismus lautet die frohe Botschaft des ökologischen Sozialtechnikers." Auf diesen Nenner bringt Rezensent Christoph Albrecht die recht komplexen Ausführungen des Michael Giesecke. Der Medienhistoriker prognostiziert, dass an die Stelle des typographischen Fern-Sehens, Fern-Hörens, Fern-Fühlens unserer heutigen Buchkultur neue, breitbandige, interaktive Medien treten, erklärt Albrecht. Das Buch als Kommunikationsform habe dann ausgedient, behalte aber seine Bedeutung als Speichermedium für abstrahierte technische Informationen. Nachdem Giesecke eine Reihe von Mythen, elf an der Zahl, über die Buchkultur zerstört hat, macht er sich nach Angaben des Rezensenten daran, für die neuen sozialen Wirklichkeiten die entsprechende interaktive Semantik zu finden. Dafür, so Albrecht, erweitert er zunächst einmal den Begriff der Medien, der bei ihm Technik, Natur und Gesellschaft umfasst. Da erscheint Giesecke dem Rezensenten bisweilen fast ein wenig wie ein heiliger Franziskus, "der selbst die Tiere, Pflanzen und Steine in seinen Begriff der ökologischen Kommunikation einbezieht". Das Modell für dieses ökologische Miteinander erblickt Giesecke laut Rezensent nun gerade nicht im Markt oder in technischen Medien, sondern in der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Neu dabei ist Albrecht zufolge, dass technische Medien diese Form von Kommunikation zum Teil in voller Bandbreite technisieren. Damit könne alles mit allem verlustfrei, ohne typografische Abstraktionen miteinander in Beziehung treten, die Bedeutung des Gesprächs wachse, die interaktionsintensiven Medien würden das therapeutische und sozialtechnische Wissen begünstigen. Wenn das keine guten Aussichten sind! Und so nennt der Rezensent Gieseckes visionäres Werk zu Recht das "Evangelium der neuen Medien".
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