Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein lange vergessenes literarisches Kleinod wird wieder entdeckt - meine eindrücklichste Lektüre seit langem, 24. Mai 2007
M. Blecher ist einer der vielen vergessenen Schriftsteller Europas. Er stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in der rumänischen Provinz und wurde dort 1909 in Bolosomi, einem verkommenen Städtchen in der Moldau geboren. Schon in früher Kindheit kam er mit seinen Eltern nach Roman, wo er lebte bis zu seinem frühen Tod.
Er studierte, früher als das die meisten heute tun, Medizin in Paris und entwickelte sich zu einem Kenner der französischen und englischen Literatur, von der er Teile auch in seine Muttersprache übersetzte. Mit 19 Jahren erkrankte M. Blecher an einer Form der Knochentuberkulose und verbrachte sein weiteres Leben in zum Teil qualvollen Aufenthalten in Krankenhäusern und Sanatorien.
Dennoch hält er während dieser Zeit unter fast unmenschlichen Anstrengungen an seiner literarischen Tätigkeit und an der permanenten intellektuellen und philosophischen Auseinandersetzung mit der Welt, mit seiner, durch die Krankheit beschränkten, Welt fest.
Sein Werk ist nicht umfangreich, bis zu seinem Tod 1938 mit 29 Jahren blieb ihm auch nicht viel Zeit. Es ging im Faschismus und Stalinismus komplett verloren.
Nun erhalten die Bücher M. Blechers dankenswerterweise im Suhrkamp Verlag eine neue Chance. "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" erschien, mit einem Vorwort von Helga M. Novak versehen, 2004, und nun folgt, ebenfalls in der traditionsreichen Bibliothek Suhrkamp, Blechers zweites Buch "Vernarbte Herzen", ein Roman, der mit einer fast schmerzlich kühlen und intensiven Sprache den langen Prozeß der Erosion einer Seele beschreibt und ihre schließliche Vernarbung.
"Vernarbte Herzen" beschreibt die Geschichte des 21- jährigen Emanuel, eines rumänischen Chemiestudenten in Paris, der an einer Form der Knochentuberkulose erkrankt und fast ein ganzes Jahr in einem speziellen Sanatorium in Berk an der französischen Atlantikküste verbringt, bevor er es mit unbekanntem Ziel verlässt.
Die Schilderungen der Qualen Emanuels, die Beschreibung der klinikinternen "Kultur", das Umgehen der Patienten miteinander gehören zum Eindrücklichsten, was ich in der letzten Zeit gelesen habe.
Blechers autobiographische Prosa sei ein "Schreiben gegen die eigene Existenz", schreibt Ernest Wichner im November 2005 in einem Nachwort zu "Vernarbte Herzen". Dieses einfühlsame und aufschlussreiche Nachwort sollte vor Beginn der Lektüre des Romans gelesen werden.
"Blechers Texte", so schreibt Wichner, "begeben sich auf die Suche nach diesen leuchtenden Flecken und undeutlichen Bildern. Sie holen sie herauf aus dem Dunkel der Person und fügen sie ein in fiktionale Konstrukte, die sich nah an den biographischen Tatsachen bewegen, ohne doch autobiographische Erzählung zu werden. Seine literarischen Ich-Konstruktionen entwerfen Personen, die sich in einem von ästhetischen Übereinkünften abgesicherten Raum bewegen und sich dort als beschädigter Teil eines Ganzen erleben können, dem für die Dauer der Erzählungen, in der alle Hoffnungslosigkeiten und Melancholien mittransportiert werden, auch ein Stück Sinnhaftigkeit beikommt."
So erfährt der Leser bei allem Dunklen und Schmerzhaften, über das dieser Roman erzählt, etwas von einer Kraft, die aus einer anderen Welt zu kommen scheint, einer fast übermenschlichen Kraft, die, ohne von irgendetwas Religiösem gespeist zu werden, sich der Existenz stellt und gegen sie antritt.
Wie viele solcher vergessener literarischen Kleinode harren wohl noch der Neuveröffentlichung durch mutige Verlage ?
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine grandiose Wiederentdeckung, 29. Juli 2006
Max Blecher, ein rumänischer Jude, geboren 1909, gestorben 1938, hat tatsächlich ein sehr kurzes Leben gehabt. Er ist Ende der zwanziger Jahre zum Medizinstudium nach Paris gegangen, ist dort an Knochentuberkulose erkrankt. Der Autor von zwei Romanen hat dann zehn Jahre im Bett gelegen. Zu Lebzeiten ist er publiziert, im Dritten Reich schnell vergessen worden. Sein erster Roman, der im literarischen Sinne viel radikaler ist, erschien wenig beachtet 1990.
Zum Plot seines zweiten Buches, "Vernarbte Herzen", einer autobiographischen "Erzählanlage": Der Protagonist Emanuel, eine 21 jähriger rumänischer Chemiestudent, wie Becher damals auch Student in Paris, erkrankt an Knochentuberkulose. Er wird in ein Sanatorium in die Stadt Berg eingeliefert, das ist ein kleiner Ort an der französischen Atlantikküste. Dort wird zunächst einmal sein Oberkörper rundum eingegipst. Auf diese Weise ruhig gestellt, verbringt er ein Jahr auf seinem "fahrbaren Matratzen Unterstand". Mit ihm wird er im Sanatorium von Raum zu Raum gefahren, in den Speisensaal, aber auch durch die Stadt.
Max Blecher schildert die Veränderung innerhalb von kleinen Gruppen die sich gebildet haben und von unterschiedlichsten Liebespaaren, beschreibt die groteskesten Liebesspiele. Der Autor erzählt in zeitloser Art, von ereignisreichen Ausfahrten, von nächtlichen Partys, und von seiner Liebe zu einer Aids Kranken. Die Liebe geht jedoch weder physisch noch psychisch sehr weit. Emanuel hat irgendwann die immer gleichen Liebkosungen satt. Seine Geliebte ist zwischenzeitlich eine fast libidinös Abhängige geworden. Und es ist eine Sprache der Liebe, die fasziniert weil ihr das Pathos ausgetrieben ist.
Nach einem Jahr wird der Gips abgenommen aber Emanuel ist nicht geheilt.
Der Text bekommt seine Dignität dadurch, dass man weiß, alles ist tatsächlich erlitten und bei einem Text ohne jegliche Klage wird auch in der Sprache deutlich, in dieser genauen Beschreibung, wie die Kranken miteinander umgehen. Wie er definiert, was Gesundheit ist und was Krankheit wiederum ist, wie er alles ertragen hat, das zeigt, dass er nicht nur ein großartiger Autor war, sondern auch ein großartiger Mensch.
Diese Krankheit ist ein Ghetto. Er schildert den zum Teil grausamen Umgang der Patienten untereinander, spricht von Menschen die keine Rührung mehr miteinander haben, denn sie sind alle selber Leidende. Und aus dieser Rührungslosigkeit heraus schreibt auch Max Becher. Er interessiert sich dabei in erster Linie für die Gesellschaft der Kranken, will sagen, er humanisiert die Kranken auf einer allgemein verständlichen Ebene.
Das Buch ist medizingeschichtlich interessant, weil es den Leser ständig mit früheren, veralteten Behandlungsmethoden konfrontiert. Beeindruckend ist ferner, wie dieser doch sehr junge Rumäne mit scharfem Blick Wahrnehmung und Zustände beschreibt, wie er dieses ganze Liegen beschreibt, das Abfallen des Körpers vom Leben, die Krankheit in der man so eingesperrt ist, das die Außenwelt wegfällt.
In der literaturgeschichtlichen Tradition von Krankheitsgeschichten wird eigentlich immer die Krankheit zur Person. In "Vernarbte Herzen" finden wir dagegen einen Roman, der etwas sehr autonomes darstellt, wenn sich auch Erinnerungen an "Der Zauberberg" und "Novalis" aufdrängen.
Ich empfehle die Lektüre dieses Buches mit Nachdruck und Leidenschaft, aus vielerlei Gründen.
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