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von Harry Mulisch
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Harry Mulischs «Steinernes Brautbett»
In dem französischen Namen «Florence» entdeckte Jean-Paul Sartre eine spracherotische Dreieinigkeit: die Frau, die Stadt und die Blume. Aus einer männlichen Perspektive gesehen, scheinen Frauen und Städte seit alters eine nämliche Handlungsweise zu provozieren, sie sollen erobert werden. Dies unterscheidet sie zunächst von «la fleur», der Blume, wobei aber Goethe mit seinem «Heideröschen» exemplarisch gezeigt hat, wie das Motiv des Pflückens und Stechens unter der Hand auch die Blumenwiese zum Areal des Geschlechterkampfes verändern kann.
Aber lassen wir das florale Sprechen beiseite und konzentrieren uns auf die klassische Konstellation, die das Begehren des Mannes mit der Frau und der Stadt verbindet und die sich spätestens seit dem Kampf um Troja, an dessen Beginn die schöne Helena stand, für epische Breite anbot. Nicht Helena, aber Hella heisst die Protagonistin in Harry Mulischs «Steinernem Brautbett», und die Stadt der Eroberung ist das ehemalige «Elbflorenz», das zerstörte Dresden. Norman Corinth kommt 1957 als amerikanischer Zahnarzt zu einem Kongress in die Stadt, die er 12 Jahre zuvor als Soldat der Luftwaffe bombardiert hatte. Innerhalb weniger Stunden, in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, war das durch 500 000 Flüchtlinge völlig überfüllte Dresden durch drei amerikanische und englische Angriffe zerstört worden; die Anzahl der Toten wird auf bis zu 250 000 geschätzt.
Norman Corinth betritt eine Ruinenstadt, von der er sich sagen kann, dass nicht zuletzt er es war, der sie so geprägt hat. Und er wird die Stadt nicht verlassen, ohne sich sagen zu können, aus der schönen Hella eine Ruine gemacht zu haben. Er wird die Bombardierung der Stadt ein zweites Mal vollziehen, und zwar als sexuelle Zwangshandlung. Zwölf Jahre nach dem Krieg ist es für den potenten Mann die Reiseführerin, in der Dresden nochmals symbolisch zerstört werden muss, auf dass er sich von der Tat befreie.
Der Text überblendet konsequent Sexualität und Krieg; er zeigt keine erotischen Episoden ohne Metaphern der Gewalt, keine Szenen von Qual und Elend ohne den Versuch, sie in ein erotisierendes Fluidum zu tauchen. Dass hierbei etwas nicht stimmt, erweist der Stil: «Corinth spürte Hellas Bein an seinem Bein. Wer hatte sich bewegt? Im gleichen Augenblick wuchs die Kraft in seiner Hose: eine Kanone, die sich am Atlantikwall aus der Tarnung auf das Meer hinaus schiebt.» Und wie einen unfreiwilligen Kommentar hören wir Hella einige Seiten später: «Sie wollte sich von ihm losmachen, aber er drückte sie mit einem zitternden Lachen in den Mundwinkeln fest an sich. Plötzlich erwiderte sie seine Umarmung und sagte: O Gott.»
Wir nehmen dieses wahre Wort auf und fragen weiter: Musste das sein? Der 1959 erschienene Roman war bereits 1960 ins Deutsche übersetzt und nicht beachtet worden. In einem Interview äusserte Harry Mulisch jetzt die Vermutung, die Deutschen hätten sich damals während der Adenauer-Zeit nicht gerade von einem Holländer etwas über Dresden erzählen lassen wollen. Wer «Das steinerne Brautbett» liest, wird an dieser Erklärung der Erfolglosigkeit des Buches zweifeln.
Für eine Breitenwirkung war und ist der Text zu kompliziert: Zum einen wird der Fortgang der Erzählung unterbrochen durch «Gesänge», die in einem nicht leicht lesbaren neohomerischen Stil von der Kameraderie im Bomberflugzeug künden und Corinths Verführungsmassnahmen an Hella mit Versen zur Bombardierung Dresdens begleiten. Zum andern politisiert und philosophiert Corinth ziemlich kraus mit dem bis zuletzt zwielichtigen Deutschen Schneiderhahn ein Kriegsverbrecher oder nur ein narzisstischer Psychopath? und folgt immer wieder kriminalistischen Fährten, die alle ins Leere laufen.
Für die deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit aber, die bereit waren, sich auf komplexe Texte einzulassen, und fasziniert die französischen Existentialisten lasen, wird «Das steinerne Brautbett» mit seiner kruden Symbolik und seinen Männerphantasien zu plump gewesen sein. Aus Frankreich hörten sie eben nicht nur von Stadt und Frau und ewigem Soldaten, sondern auch von «la fleur». Und aus den Niederlanden kennen deutschsprachige Leser heute einen so sehr viel besseren Mulisch.
Angelika Overath
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