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4.0 von 5 Sternen
Zu Besuch im Hexenhaus, 4. November 2003
Paul Brodowskys Prosa-Texte sind ein Wald voller Märchen. Der Ich-Erzähler führt in eine scheinbar alltägliche Situation ein „In meiner Wand gibt es jetzt ein Loch", „Wieder sind Wespen in meinem Bad". Dann aber verändert sich die Geschichte schlagartig, etwas stimmt ganz und gar nicht mehr, kauzige, surreale Figuren treten auf, Begegnungen der dritten Art. „Sie lag im Bett, ein Salamander rutschte ihr vom Schlüsselbein, „Sie wartete hinter dem Kaktuswald mit einer Zange...". Oder aber der Erzähler verhält sich in unseren Augen seltsam,paradox, stellt es aber so dar, als ob es ganz normal sei: „...ich schließe die Tür nur noch selten, die Farbe könnte bröckeln. Aus demselben Grund ziehe ich meine Besen durchs Fenster hoch, an langen Fäden..." Diese Ungereimtheiten faszinieren uns, wir möchten wissen, wie es weitergeht und verlassen die Lichtungen, um uns tiefer in den Wald zu begeben.Schnell haben wir uns in Brodowskys Märchenwelt eingelebt, uns an Begegnungen mit Hexen und magischen Geschöpfen gewöhnt, auch an die mit Bannsprüchen versehenen Gegenstände: Koffer und Hefe, Stiefel und Muschelketten. Stückweit ist es unsere Welt, mit bekannten Märchen: der Hase und der Igel, die Prinzessin auf der Erbse, die nicht zur Ruhe kommt. Situationen verschärfen sich, bis sie unerträglich werden. Irgend etwas stört, zwickt, knirscht, pocht, rieselt. Der eigene Körper verändert sich, die Haut wird weich, die Arme kürzer, „am Kamm kleben nur weißlich Schuppen". Das sind eigenartige, mörteldurchsetzte Verwandlungen. Da muss das Haus repariert werden, die Stege geflickt, Türen gestrichen, Spiegel abgehängt, Gas tritt aus, Wespen im Bad, der Putz bröckelt und die Zitronenstelzen werden Opfer einer Katzenplage. Die tägliche Arbeit ist das Sich-um-sich-selbst-Kümmern. Für anderes bleibt keine Zeit. Wir lernen mit einer ständigen Gefahr umzugehen, die wie ein Nebel über allem liegt, die die Sinne schärft und aus der Natur zu uns gelangt, oder die Gestalt eines kichernden Kräuterweibleins annimmt. Man sieht plötzlich mit einem anderen Blick auf die Geschichten, sucht Ungewöhnliches im Normalen, schärft auch die eigenen Sinne - der Leser arbeitet mit, spielt ebenfalls Entdecker - , so dass alle Handlungen den extremen Charakter des Bungee-Jumping gewinnen.
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