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Pierre Bourdieus «Elend der Welt»
Die «grosse Not» ist aus modernen Gesellschaften weitgehend verschwunden und die verbleibenden «kleinen Nöte» sind, so die gängige Zurechnungsregel, als individuelles Selbstverschulden abzubuchen. «Gesellschaftliche Probleme» beschränken sich scheinbar auf Randbereiche und «soziale Brennpunkte». Doch was wissen wir über die Gesellschaft, in der wir leben und wie verlässlich ist dieses Wissen? Skeptische Aufmerksamkeit für die Quellen des je eigenen Wissens ist gleichsam eine Nebenwirkung der Lektüre des Buches, um das es hier geht: der Studie «Das Elend der Welt», entstanden unter der Leitung des französischen Soziologen Pierre Bourdieu.
Meinungsumfragen, in denen sich eine sich abschottende Politik über die Bevölkerung auf dem laufenden halten will, verhindern durch ihre Rasterung, dass sich die Befragten über das von ihnen Erwartete und ihnen Aufgedrängte hinaus artikulieren können. Mediendarstellungen hinwiederum gehorchen immer öfter der Sensationslogik des Nachrichtenmarktes und sagen insofern mehr aus über das journalistische Milieu als über den Gegenstand der Berichterstattung. Bleibt als Quelle, nebst Literatur, Film und Kunst, das je eigene Umfeld.
Feine Unterschiede
Auf die Schranken, die hier Verstehensbeziehungen unterbinden, hat Pierre Bourdieus Theorie der «feinen Unterschiede» aufmerksam gemacht. Soziale Beziehungen sind symbolische Tauschgeschäfte, die, zumal in institutionellen Formen, nur zu leicht zur unsichtbaren, verinnerlichten symbolischen Gewalt geraten. «Gesellschaft» ist so nicht Titel für den Willen, ein einig Volk von Brüdern und Schwestern zu sein sondern für ein Spiel mit unterschiedlichen Einsätzen, ein Spiel zudem, dessen Regeln zur Reproduktion bestehender Differenzen tendieren. Bourdieu hat dies am Beispiel des Bildungswesens gezeigt. (Dass dieses Gesellschaftsmodell dabei nicht nur auf Frankreich zutrifft, sollen die zumeist vor einem internationalen Publikum gehaltenen Vorträge und die Aufsätze zeigen, die unter dem Titel «Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns» nun in deutscher Übersetzung erschienen sind.) Die Distanzen im nach oben und unten gegliederten sozialen Feld sind weit. Man bleibt, bei allen Individualisierungs- und Mobilisierungstendenzen, die die Kritik gegen Bourdieu geltend gemacht hat, unter seinesgleichen. Und die eigene Lage im Sozialraum prägt auch das eigene Gesellschaftsbild.
Bei der Lektüre der offenen Interviews in der Studie «Das Elend der Welt» fühlt man sich an jene seltenen Gelegenheiten erinnert, bei denen sich oftmals in gleichsam beiläufig und unerwartet zustandegekommenen Begegnungen diese symbolischen Schranken plötzlich etwas zu heben scheinen und sich auch über grosse soziale Distanzen hinweg die Möglichkeit einer Verstehensbeziehung abzeichnet, einer Offenheit für die Geschichten und Situationsschilderungen anderer und einer authentischen Selbstartikulation. Was im Alltag zumeist am Mangel eines adäquaten Vorverständnisses der je anderen Lage scheitert oder doch im Singulären verbleibt, sucht Bourdieu systematisch zu ermöglichen. Und deshalb wünscht man dem Buch ein nicht nur fachinternes Publikum.
Bourdieu arbeitet mit Experten der einzelnen sozialen Bereiche zusammen und erlaubt den Interviewern den «harten» Methodikern unter den Soziologen stehen die Haare zu Berge , die Interviewten unter ihren Bekannten zu suchen oder auch an mehr oder weniger zufällige Begegnungen anzuknüpfen. Was sich in den siebenunddreissig in die deutsche Ausgabe übernommenen Einzel- und Gruppeninterviews zeigt, sind «Gesellschaftsbilder von unten». Berichte von «schwierigen Orten»: Wenig braucht es seitens der Nachbarn, und das traute Heim einer Hausfrau und Mutter wandelt sich zur Hölle («Position und Perspektive»). Ein Gassenarbeiter spricht über die institutionellen Klüfte, die sich infolge seines Entschlusses auftun, für die Drogenabhängigen «da» zu sein («Die Abdankung des Staates»). Ein Betriebsratsdelegierter gerät über einen Fall krasser Desolidarisierung unter den Fabrikarbeitern in Verwirrung («Abstieg und Niedergang»). Eine Gruppe von Gymnasiastinnen sieht unter den Bedingungen der französischen Bildungsinflation ihre Bildungsgänge der Entwertung ausgesetzt («Die intern Ausgegrenzten»). Ein Arbeiter algerischer Abstammung denkt über den «Fluch» nach, sich «an Frankreich verkauft» zu haben und das Eigene nicht bewahren zu können und die Tochter einer algerischen Einwandererfamilie berichtet über die tiefen Einschnitte im Gang ihrer Emanzipation von einem Zuhause, das ihr Eingesperrtsein bedeutete («Widersprüche des Erbes»).
Das Projekt «Verstehen»
Aber nicht die Pointen sind es, die hier das Wesentliche ausmachen; und nicht um eine Bewertung des «Leidens an der Gesellschaft» geht es, sondern um seine Enthüllung. Die Analysen, die den Interviews vorangestellt sind, vom Wortlaut der Interviews nicht ablenkend, sondern ihn interpretierend, sollen den schnellen alltagsweltlichen Zugriff gerade verhindern.
Normalerweise spielen offene Interviews, in der gegenwärtigen Sozialforschung wie schon in Bourdieus Abhandlung über die «feinen Unterschiede», allenfalls die Rolle von Illustrationen. Doch das Projekt heisst jetzt «verstehen»: in der Interviewsituation eine «gewaltfreie» Sozialbeziehung etablieren. Ein durchaus ehrgeiziges Projekt. Verstehen ist nicht bloss Medium der Datenerhebung, wie diese Studie selbst nicht bloss Expertenwissen als Mittel zu einer «rationalen Politik» beisteuern will. Indem sich im Verstehen der Bann symbolischer Herrschaftsverhältnisse lösen können soll, ist es selbst das Ziel, ist es, mit Marx gesagt, schon selbst «kritische Praxis». An einigen Stellen der umfangreichen Interviews scheint bei Bourdieu diese quasi salvatorische Funktion der Interviewbeziehung durch. Das «transzendentale» Jenseits gewaltfreier Kommunikation soll hier, in der Interviewsituation, seinen «immanenten» Ort haben. Nicht in der Orientierung an Idealen allerdings, nicht in der Fiktion einer idealen Sprechsituation mit allseits symmetrischen Kommunikationschancen, nicht in einem ideal entschränkten Fest grenzenlosen Sichaussprechens.
Die von Bourdieu demokratisierte «hermeneutische Haltung» erinnert in manchem eher an eine Kampfsituation. Die Interviewer sind nicht passiv. Sie dringen ein. Invasiv durchbrechen sie vermutete Schranken der Selbstzensur («Warum lachst du? Ich denke, du verschweigst mir etwas. Komm, sag's!»); Verstehen bedeutet hier durchaus auch Objektivierung der Gesprächspartner, bedeutet, einen Blick durch das Vernommene hindurch zu werfen auf die objektiven Bedingungen, deren Produkt, wie Bourdieu sagt, die geäusserten Ansichten sind. Dies erscheint bisweilen geradezu als eine Entmächtigung der Interviewten hinsichtlich ihrer selbst («Die gesellschaftlichen Akteure haben die Weisheit hinsichtlich dessen, was sie sind und was sie tun, nicht mit Löffeln gefressen»).
Ein gefährliches Spiel. Doch da ist noch die andere Seite. Auf ihr sind umgekehrt die Interviewer die Unterworfenen. Im Zuge des hermeneutischen «Sich-zur-Verfügung-Stellens», des vorbehaltlosen Achtens auf das Gesagte und Gesehene, sind die Kritiker des Elends der Welt zu einer «regelrechten Unterwerfung unter das Gegebene», ja zu einer «fröhlichen Zustimmung gegenüber der natürlichen Welt» gehalten. Verstehen heisst auch zustimmen. Dass sich gerade in dieser umkämpften Situation der Interviewbeziehung der Bann symbolischer Gewaltverhältnisse zu lösen vermag und Verstehen zustande kommt, dafür steht das Gelingen dieser Studie. In der Diagnose des «Elends der Welt» selbst zeigt sich schon ein Besseres. Im nüchternen Realismus dieser Studie findet gleichsam ein Stückchen Utopie seinen Ort.
Hans Bernhard Schmid
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