Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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72 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die exemplarische Biographie eines Mittelschichtkindes - mit viel Augenzwinkern erzählt, 22. März 2007
Mit der Weisheit der reifen Jahre auf die liebenswerten Dummheiten der eigenen Kindheit und Jugend zurückzublicken, mit der Souveränität des Erwachsenen die kleinen Katastrophen der frühen Jahre zugleich bejahen und relativieren zu können, hat etwas ungemein Liebeswertes. "Die frühen Jahre" von Coetze oder "Afrikanische Spiele" von Ernst Jünger, sind gelungene Beispiele für dieses Genre, nun hat sich auch Jonathan Franzen mit seinem Buch "Die Unuhezone" in diesem Metier versucht.
Der für Franzens Verhältnisse schmale Band von ca. 250 Seiten beschreibt die Geschichte eines amerikanischen Mittelschichtskindes deswegen ganz ohne das epische Ambiente der "Korrekturen", aber durchaus mit beachtlicher sprachlicher Raffinesse Er beginnt interessanterweise mit dem Verkauf des elterlichen Hauses ( übrigens genauso wie der erste Band der Marquez-Autobiographie "Leben um davon zu erzählen"), um alsdann die verschiedenen Etappen des eigenen Lebenslaufes in lockerer Folge abzuhandeln. Von den Klippen der Adoleszenz ("Die Adoleszenz genießt man am besten unbefangen, doch leider ist Befangenheit ihr bestimmendes Symptom"), über die unterschiedlichen Möglichkeiten, die in jedem Menschen angelegt sind (dargestellt in einer zauberhaften Szene, in der der kleine Jonathan seinen Piephahn zeigt um sich anschließend zum Gotterbarmen zu schämen), geht die Lebensreise zu den Jugendcamps der Siebziger Jahren und der ihnen eigenen liberalen Ausdünnung der Gegenwartereligion, über die Eltern und ihre "Komfortzonen", über die Brüder und die Liebe bis hin zur Ehe, die trotz aller Mühen scheitert - alles unterhaltsam erzählt, so dass es kaum einen Generationengenossen geben wird, der sich nicht hier und da wieder erkennen und anerkennend sagen wird: ja, ja, so oder ähnlich ist es gewesen. .
Aber am Ende bleibt doch ein leises Unbehagen. Denn was Franzen erzählt ist nicht sonderlich originell, und das, was originell ist, bliebt in einer eigenttümlichen Schwebe, in einem Nebel, in dem sich der Autor hinter seiner Sprachmacht eher verhüllt als entbirgt. Dass Franzens Ehe scheitert, dass sein "kleiner Eheplanet kaputt" geht, ist traurig, wird, wird aber nicht sonderlich einprägsam erzählt. Sein schulischer Schabernack, der im Buch reichlich breiten Raum einnimmt, erinnert in seiner Betulichkeit ein wenig an die Feuerzangenbowle, und was Franzen über seine orntitologischen Passionen schreibt, könnte auch von Woody Allen stammen. Am überzeugendsten gelungen sind die Passagen über die gegenwärtigen Klima- und Ökohysterie, aber auch die werden so doppeldeutig vorgetragen, dass man am Ende nicht recht, weiß, ob sich der Autor über dieses Phänomen lustig macht oder wirklich betroffen ist. Vielleicht aber ist diese Unentschiedenheit zwischen Ernsthaftigkeit und Distanz und das Ozillieren zwischen Enthüllung und Verbergen gerade exemplarische an der Generation, die im vorliegenden Buch beschrieben wird. Vielleicht aber auch nicht.
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26 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
persönliche Reflexionen, 15. März 2007
Mit Spannung habe ich es erwartet, das neue Buch von Jonathan Franzen. Schon sein autobiographischer Welterfolg "Die Korrekturen" hat mich in den Bann gezogen, nun auch "Die Unruhezone".
Es ist sicher nicht so ein "großer Wurf", so ein "Literaturknaller" wie der 2001 mit dem "National Book Award" ausgezeichnete Roman. Man kann es auf keinen Fall als Nachfolger bezeichnen. Dazu ist dieses Buch - gespickt mit vielen Fremdwörtern - zu sehr intellektuell. Es beansprucht "keine einzige quantitativ, inhaltlich oder erzählerisch spektakuläre Kategorie der Literatur", wie "DIE ZEIT" schreibt, aber...
Jonathan Franzen hat ein schönes Buch geschrieben.
Er erzählt uns wieder einmal aus seinem Leben: seiner Kindheut und Jugend im amerikanischen Mittelwesten und seinem Erwachsenenleben in New York.
In sechs wahrhaft kunstvollen Essays berichtet Franzen "von bizarren Familienverhältnissen, diversen Demütigungen und vom Wunsch, den Schein zu wahren", sei es die Erstbegegnung mit deutscher Wesensart in Gestalt einer irritierend reizvollen Österreicherin oder die Bedeutung Kafkas für den Verlust der Jungfräulichkeit.
Wie immer sind seine Geschichten bescheiden, urkomisch, selbstironisch und traurig ergreifend zugleich. Wir begleiten Franzen auf seinem Weg vom phobiengeplagten ängstlichen Kind (er hat Angst vor Spinnen, Schlaflosigkeit, Angelhaken, Schultanzveranstaltungen, Baseball, Höhen, Bienen, Urinalen, der Pubertät, Musiklehrern, Hunden, der Schulcafeteria, Tadeln, älteren Teenagern, Quallen, Umkleideräumen, Bumerangs, beliebten Mädchen, Turmspringen) zum gefeierten Star der US-Literatur.
Es ist ein Buch der Freiheit zur Unvollkommenheit. Ich kann mich nur anschließen wenn "DIE WELT" schreibt: "Wer mit Franzen über Franzen lacht, kann gar nicht anders: Immer lacht er auch über sich selbst."
Nur wenigen gelingt, was ihm nahezu perfekt gelingt:
Er braucht nur seinen "Bleistift" und zwei, drei Striche, und die Figur oder Szene ist da.
Ihm sei verziehen, dass er dieses mal an manchen Stellen gar vier bis fünf Striche benötigte ;-). Trotzdem hebt sich dieses Buch für den gewillten Leser wohltuend vom Literatur-Mainstream ab.
Die Rezensentin der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" meinte: "Franzen macht aus einer Mücke nicht gleich einen Elefanten. Aber er lässt die Mücke zu ausführlich kreisen."
Meine Meinung: "Herr Franzen, lassen Sie die Mücke ruhig kreisen, ich mag - auch wenn ich Mücken nicht so gern habe - ihr Buch und Ihren Erzählstil. Und diese Art von Literatur darf ruhig etwas ausufernder sein."
Danke, für diesen schönen Essay-Band!
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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
ich will mehr von Franzen, 17. April 2007
Die Übersetzung des Titels ist schon missglückt. Aus "The Discomfort Zone" wurde "Die Unruhezone". Es wundert mich, dass Franzen, der ja der deutschen Sprache mächtig ist, diese eigenwillige Veränderung, die tatsächlich sinnentstellend ist, zugelassen hat. Discomfort Zone bezieht sich auf ein Streitthema zwischen Franzens Eltern hinsichtlich der Raumtemperatur im Wohnzimmer. Die Mutter, die die Temperatur auf 20°C einstellt und der Vater, der darauf verweist, dass der Comfort-Bereich auf dem Thermostat zwischen 22 und 26°C blau markiert sei. Insofern wird der Raum zur "Discomfort Zone" und nicht zur "Unruhezone".
Die Kritiken sind eher schlecht, zeitweilig gar vernichtend. Lediglich die Kritik von Sigrid Löffler ist ernsthaft und wird dem Autor und dem Buch gerecht.
Wieso muss Franzen nun permanent an den Korrekturen gemessen werden. Wieso muss alles, was er nun noch veröffentlichen wird, noch besser sein? Ein absurder Anspruch! Selbst ein nur halb so gutes Buch wie die Korrekturen ist immer noch ein sehr gutes Buch. Es handelt sich bei diesem neuen Werk nicht ein mal um einen Roman. Essays sind es eigentlich auch nicht. Eine Autobiographie ebenfalls nicht, obwohl sehr autobiographisch. Als Untertitel heisst es "eine Geschichte von mir"; nicht mehr und nicht weniger. Ich ziehe dieses 250 Seiten Büchlein jedem deutschsprachigen Roman vor.
Franzen geht schonungslos mit sich um, beschreibt sich als wenig liebenswertes und linkisches Kind und Jugendlichen und deshalb scheinen die Kritiker zu meinen, sie könnten ebenso mit ihm ins Gericht gehen. Aber diese Deppen begreifen nicht, wie wunderbar er es macht. Er hält kurz den Finger in diverse Wunden, verweilt nie zu lange, wird nie pathetisch, betreibt keine billige Nabelschau. Er schafft es immer wieder, mich zu überraschen, er bringt mich zum Lachen und er rührt mich an. Nichts von dem, was er schreibt, ist mir wirklich fremd. Allerdings beschreibt er Dinge so, wie ich sie noch nie zuvor gelesen habe.
Besonders gut wird seine verstorbene Mutter gezeichnet. Meist kühl und distanziert! Und dann gibt es einen Satz wie diesen und es haut mich um: "Am letzten Tag, den ich mit meiner Mutter verbrachte, ..., stellte sie mir immer wieder die selben Fragen: ... Meine Mutter hoffte auf einen kleinen Ausblick darauf, wie mein Leben nach ihrem Tod weitergehen könnte."
Später schreibt er:"Meine Mutter mochte es, wenn sie in etwas einbezogen war, und dezidierte Meinungen zu haben war ein Mittel, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen." War man vorher von ihr entnervt, weil sie alles kommentierte, schafft er es mit einem Satz, wieder eine Ballance herzustellen und Sympathie zu wecken.
Ok, hier und dort könnte er auf ein Fremdwort verzichten. Wir wissen doch, dass er sie alle kennt. Das Kapitel über Vögelbeobachtung ... hier und dort war es mir zu viel mit der Ornithologie ... aber ich würde auch nicht darauf verzichten wollen.
Im Stern wurde hämisch bemerkt, dass nach den Korrekturen kein Roman mehr von Franzen kommt. Ich bin allerdings zuversichtlich. Er wird kommen ... irgendwann ... und er wird mich bestimmt begeistern.
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