Elegance über dem Abgrund - Dezsö Kosztolányi und sein Wiedergänger Kornél Esti Von Karl-Markus Gauss Wäre es nicht ein moralisches Vergnügen, in der «Ehrlichen Stadt» zu leben? Deren Bewohner nicht anders können, als immerfort die Wahrheit zu sagen? Die Ehrlichkeit ist dort keine Tugend des Einzelnen, sondern ein Zwang, der über alle gleichermassen verhängt ist. Bettler gehen ihrem Gewerbe mit einer Tafel nach, auf der steht: «Ich bin nicht blind. Die schwarze Brille trage ich nur sommers.» Werbewirksam findet sich in den Auslagen der Buchhandlungen die neueste lyrische Mode angepriesen: «Erwin Röchels abscheuliche Gedichte, so manieriert wie noch nie.» Wer von einem ehrlichen Hunger und dem Abscheu vor der Lüge geplagt wird, der sucht ein Gasthaus auf, das mit «unsinnig hohen Preisen und groben Kellnern» aufzuwarten verspricht. Und die grosse Leuchtreklame «Wir stehlen, betrügen, rauben» weist natürlich den Weg zur Städtischen Bank. Stadt des Grimms Kornél Esti, den Bohémien aus Budapest, der das Leben liebt, insofern er es in Geschichten und Legenden ständig neu erfinden kann, hat es in diese Stadt des Grimms verschlagen. Die Leute sind dort so grob, umstandslos geradeheraus und eigensüchtig, dass es den dekadenten Kerl bald nach der Lüge, nach einer Sprache, die andeutet und verschweigt, verlockt und täuscht, zu sehnen beginnt: Kultur ist eben nicht, was der Fall ist, sondern was man aus diesem macht der Umweg, nicht die Gerade ist das Ziel. Aber wer ist Kornél Esti? Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, sondern ein Leben als Romanfigur bevorzugt; ein Bürgerschreck mit den ausgesuchtesten Manieren, ein Hochstapler, der es der Täuschung wegen auch einmal mit der Wahrheit probiert, ein rastloser Nichtstuer, der bis zur Erschöpfung faulenzt und zur Entspannung durch die Kaffeehäuser von Budapest zieht, ein Anarchist mit konservativem Wertesystem kurz: eine der charmantesten Gestalten der ungarischen Literatur. Erfunden und als seinen Wiedergänger ausstaffiert hat ihn der Lyriker, Essayist, Romancier Dezsö Kosztolányi, der von 1885 bis 1936 gelebt hat und in den zwanziger und dreissiger Jahren internationalen Ruhm besass. In seiner Heimat galt er als Stilkünstler, der das eleganteste Ungarisch der zeitgenössischen Literatur zu schreiben wusste und um dessen Leben sich früh die Legenden rankten. «Die grüne Tinte ist versiegt», hiess es 1936 in einem Nachruf, der nicht so sehr auf die Gewohnheit des Dandys Kosztolányi anspielte, in seine Feder nur grüne Tinte zu füllen, sondern vielmehr die Frische, die Lebendigkeit seiner biegsamen, pointenreichen und oft überraschenden Kunstsprache zu charakterisieren versuchte. Von allen Figuren, die er erfunden hat, ist die des Flaneurs Kornél Esti, der sich in den Salons so gut auskennt wie in den Kaschemmen der Vorstadt, die populärste gewesen. Nun also, da in den letzten Jahren mit Sándor Márai und Antal Szerb zwei Ungarn im deutschen Sprachraum Furore machten, an deren Rang durchaus gezweifelt werden darf, steht Dezsö Kosztolányi zur Entdeckung an. Der ist freilich ein anderes Kaliber, was den Erfolg des Unterfangens eher erschweren als erleichtern dürfte. Schon mehrfach ist nämlich versucht worden, Kosztolányi als Schlüsselfigur der ungarischen Moderne im deutschen Sprachraum bekannt zu machen. Allein von seinem Nero-Roman, zu dem einst Thomas Mann ein entzücktes Vorwort beisteuerte, sind zwischen 1924 und 1990 zwölf Ausgaben erschienen, unter zwei verschiedenen Titeln notabene; und im Aufbau-Verlag wie in Enzensbergers «Anderer Bibliothek» sind seit den achtziger Jahren einige Bände aufgelegt worden, ohne grösseres Echo hervorzurufen. Vielleicht klappt es mit «Ein Held seiner Zeit», einem «Roman», der im Original freilich als Novellensammlung firmiert und als Titel nur den Namen des Helden trägt; dieser taucht dafür im ebenfalls nur für die deutsche Ausgabe gefundenen Untertitel «Bekenntnisse des Kornél Esti» auf, der vermutlich die Assoziation zu «Felix Krull» wecken soll. Ob dem Werk damit gedient ist, sei dahingestellt, dass Kosztolányis Novellen immerhin als Roman die gebührende Resonanz finden werden, bleibt zu wünschen. Siebzehn in Ton und Erzählperspektive durchaus verschiedenartige Novellen sind es, die Kosztolányi 1933 mit einer Rahmennovelle versehen und als Sammlung «Kornél Esti» veröffentlicht hat. In der Rahmennovelle erfahren wir, dass zwei Leute in Budapest am selben Tag des Jahres 1885 zur selben Stunde geboren wurden: «In allem gleich und in allem anders.» Pflichtgetreu der eine, lasterhaft der andere, der Erste um sein bürgerliches Ansehen besorgt, der Zweite frei von jedem Ehrgeiz, zwei Brüder, die nicht ohne einander existieren können und in Wahrheit natürlich des Menschen Zwiegestalt verkörpern. Jetzt, da sie vierzig geworden sind, beschliessen sie, zusammen ein Buch zu schreiben. Der namenlose Erzähler, erfolgreich und mit seinem wohlanständigen Leben unzufrieden, will ein Jahr lang aufschreiben, was ihm sein unberechenbares, zuweilen dämonisches Alter Ego erzählt. Der hinreissende Ertrag dieser Zusammenarbeit ist das Buch, das von den Abenteuern Kornél Estis erzählt, dem das Leben eine einzige Wanderung ist, die ihn durch die Nächte von Budapest und die Albträume der phantastischen Literatur führt, ihn mit verschiedenen Ländern Europas bekannt macht und ins Reich der Gedankenspiele und Obsessionen lockt. Bald durchstreift Esti was auf Ungarisch die Bedeutung «der Abendliche» hat eine naturalistisch gezeichnete Szenerie, bald vagabundiert er in den luftigen Höhen der Spekulation. Die «Ehrliche Stadt» ist nur eine seiner Stationen, und auch die meisten anderen drängen dem Helden und dem Leser die Frage auf, was es denn mit Wahrheit und Lüge im Leben wie in der Literatur auf sich hat. Eine Episode des Jahres 1903 führt den jungen Esti auf seine erste grosse Reise. Im Nachtzug nach Italien sitzt er einer vornehmen Dame gegenüber, und fast meinen wir in eine aparte Liebesgeschichte zu geraten. Doch ist alles Schein, denn als die Frau endlich eingenickt ist, macht sich ihre aufdringliche Tochter an Esti heran, und die Geschichte kippt ins Gruselige. Zum einen weil Esti die Anfechtungen der Sexualität als beklemmend bis zur Atemnot erfährt, zum anderen weil sich dieses Kind als Wahnsinnige entpuppt, die mit ihrer Mutter offenbar der dauerhaften Hospitalisierung entgegenfährt. Die Atmosphäre ist stickig, aufgeladen mit Angst und Begierde; doch zaubert Kosztolányi daraus wundersam luftige Passagen, in denen er Beobachtungen fasst, die wie von heute sind: «Überall hatte sich schon jene rasch entstehende, ekelhaft familiäre Reisegemeinschaft gebildet, jene aus Zwang und Zufall zusammengetakelte Zugkameraderie unter lauter Unbekannten, die einen weiteren ihnen völlig ähnlichen Unbekannten, der nachträglich und unerwartet auftaucht, nicht viel liebenswürdiger empfangen als einen maskierten, mit Chloroform ausgerüsteten Räuber.» Viele der Episoden, die Esti aus seinem Leben erzählt, haben etwas Bizarres, alle tragen den Exzess als Potenzial in sich. Doch leuchtet immer wieder der Sprachwitz des Autors auf, und seine Freude an der unerwarteten Wendung lässt Geschichten, die ins Katastrophische zielen, gewissermassen ein versöhnliches Ende bis auf Widerruf finden. Gröblich unterschätzt Kosztolányis Novellenzyklus, wer den Autor zum Herold des feuilletonistischen Zeitalters ausruft und seine abgründige Prosa mit der Liebenswürdigkeit der mitteleuropäischen Kaffeehausliteratur verwechselt. Zugegeben, Kosztolányi erzählt mit solcher Leichtigkeit, dass selbst die bitteren, sarkastischen Einsichten etwas Beschwingtes erhalten, etwa wenn es in Estis Typologie der Hotels heisst: «Es gibt die traurigen Hotels, besonders auf dem Land, die verstimmten Klavieren gleichen und mit ihren blinden Spiegeln und ihrer feuchten Bettwäsche die Melancholie fördern, dann die schauderhaften, verwunschenen, tödlichen Hotels, in denen es sich empfiehlt, an Novemberabenden Selbstmord zu begehen.» Sucher und Versucher Esti ist jedoch nicht nur ein charmanter, sondern auch ein unheimlicher Charakter, ein Sucher und Versucher, und darum ist es eine Elegance über dem Abgrund, die Kosztolányis Buch auszeichnet, und eine heitere Reise durchs Minenfeld der europäischen Ideologien, zu der Esti aufgebrochen ist. Die längste und vielleicht schönste Novelle des Bandes ist denn einer Reise durch Deutschland gewidmet. Die zersetzende Ironie des Berichts verwirklicht sich in einem beständigen Lob dessen, was Esti in deutschen Landen zu sehen und zu hören bekommt. Welcher Ordnungssinn, was für eine Ernsthaftigkeit, wie grossartig ist doch diese nationale Suche nach Klarheit des Seins im Denken! «Zuerst stieg ich an einem kleinen Badeort aus, um mir den Staub abzuwaschen. Ich brauchte niemanden zu fragen, wo das Meer sei. Auf den saubergewischten Strässchen stand alle zehn Meter eine hübsche Säule, daran ein Emailschild mit einer richtungsweisenden Hand, darunter der Text: Zum Meer. Besser hätte man den Fremden nicht leiten können. Ich kam zum Meer (. . .) Am Ufer, einen Meter vom Wasser entfernt, stand eine höhere, aber sonst den anderen völlig gleiche Säule und daran ein grösseres, aber sonst den anderen völlig gleiches Emailleschild mit folgendem Text: Das Meer.» Esti formuliert seine Begeisterung auf eine Weise, dass diese als tiefstes Befremden kenntlich wird. Mit diesem staunenden Blick auf die Welt, in der es so vieles zu entdecken gibt und Wahrheit Lüge, Lüge Wahrheit sein kann, ist Esti unterwegs ein selbstironischer Ahasver, der das Glück im Winkel preist, sich aber nur in der Ruhelosigkeit ertragen kann.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.