Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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24 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Raffiniert verwobenes Meisterwerk, 1. Januar 2007
David Mitchells "Wolkenatlas" ist ein faszinierendes Stück Literatur. Und nicht nur das: Sie erhalten hier sogar sechs Geschichten in einem Roman. Diese Erzählstränge könnten bei Handlung, Zeit und Textstil kaum unterschiedlicher sein. Dennoch hat es David Mitchell geschafft, diese so unterschiedlichen Teile fein und raffiniert miteinander zu verweben. Selten findet man einen so vielschichtigen Roman, der so federleicht die großen Fragen unserer Zivilisation und Entwicklung anreißt.
Was hat eine koreanische Klon-"Duplikantin" mit einer jungen Journalistin aus dem Amerika der sechziger Jahre zu tun, die gerade einen Atomskandal aufdeckt? Oder was verbindet einen Naturforscher des 18. Jahrhunderts mit Robert Frobisher, einem moralisch manchmal fragwürdigen jungen Musiker, der in den 30er Jahren als Assistent eines verschrobenen belgischen Komponisten arbeitet? Seite für Seite erarbeitet der Autor hier mit dem Leser die Verbindungen - Charaktere, Reinkarnationen von Körpermerkmalen, gegenseitige Verweise... Es ist herrlich, wie sich die Fäden der Geschichten im Kopf zusammenfügen - und manchmal dann doch ganz anders wieder aufgewickelt werden.
David Mitchell setzt dieser genial-größenwahnsinnigen Verbindung von sechs Erzählsträngen mit einem formalen Kniff noch eins drauf: Durch eine von mir so bisher nie gesehene "Spiegelstruktur" der Geschichten im Buch, die nicht nur die Spannung steigern, sondern auch noch einige Extra-Volten in der Handlung erlauben. Denken Sie also nicht auf Seite 57, dass Ihr Buchexemplar ein Fehldruck sei (so ging es mir) - das ist so gewollt!
Einen Großteil seiner Faszination enthält das Buch durch die Übersetzung von Volker Oldenburg. Er hat den Witz und den eigenen Klang jeder Erzählung wunderbar ins Deutsche übertragen - selbst die groteske Sprache unserer heruntergekommenen Nachkommen in der Zukunft scheint ohne größeren Verluste ins Deutsche übermittelt worden zu sein.
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16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Vom Aufstieg und Niedergang der menschlichen Zivilisation , 8. Februar 2008
In seinen bisherigen Romanen zelebriert der 1969 geborene David Mitchell seine Vorliebe für kunstvoll konstruierte Episodenromane. Spätestens seit "Wolkenatlas", seinem dritten Roman, feiern ihn die Feuilletons als einen der besten jungen englischen Schriftsteller seiner Generation.
"Wolkenatlas" ist geschickt aus sechs in sich geschlossenen Erzählungen aufgebaut, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. In der ersten Geschichte, dem "Pacifiktagebuch des Adam Ewing", begibt sich ein amerikanischer Notar im Jahr 1850 auf eine Südseereise. Auf den neuseeländischen Chathaminseln erlebt er, wie die Maori von den Kolonialherren drangsaliert werden. Mitten im Satz bricht die Erzählung ab und der Leser begegnet im Jahr 1931 dem verkrachten britischen Komponisten Robert Frobisher, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern Zuflucht bei seinem alternden Komponisten-Idol in Belgien findet. In einer Anzahl von Briefen berichtet er einem Freund, wie er dem misanthropen Genie zu einem neuen musikalischen Schaffensrausch verhilft und nebenher auch dessen mannstolle Ehefrau beglückt. Auch Frobishers Briefe brechen ab und ebenso der grishameske Thriller "Halbwertszeiten - Luisa Reys erster Fall" in dem eine junge Journalistin im Amerika der 70er-Jahre einen Skandal im Milieu der Atomindustrie aufdeckt. In den weiteren Geschichten wird der extravagante Schundverleger Cavendish von seinem gehörnten Bruder in ein Sanatorium gesperrt, kämpft eine Klonarbeiterin im Korea des 21. Jahrhunderts um ihr Recht, ein Mensch zu sein, und wird ein Ziegenhirte in einem postapokalyptischen Hawaii Zeuge des Untergangs der letzten Überreste menschlicher Hochzivilisation.
Die letzte Geschichte fungiert als Wendepunkt des Romans, denn nun werden die vorhergehenden Gesichten in umgekehrter Reihenfolge eine nach der anderen zu Ende erzählt. Dabei ist jede der Geschichten wiederum in der vorhergehenden enthalten. So findet der klamme Frobisher in der Bibliothek seines Gastgebers eine Hälfte des gedruckten "Pacifiktagebuchs" und bittet seinen Brieffreund Sixsmith darum, einen Käufer für das Stück zu finden. Sixsmith ist vierzig Jahre später eine Schlüsselfigur in dem Atomskandal, den Luisa Rey in ihrem ersten Fall aufdeckt. Das Manuskript der "Halbwertszeiten" landet wiederum auf dem Tisch des Verlegers Cavendish, dessen verfilmte Memoiren schließlich in der Geschichte um den Klon Somni eine Rolle spielen.
Es ist eine wahre Freude, dem Uhrwerk des Romans beim Funktionieren zuzusehen. Aber die auf den ersten Blick durchsichtige Konstruktion hat ihre Tücken. Auf den zweiten Blick zeigt sich nämlich, dass Mitchell keineswegs vorhat, es dem Leser zu leicht zu machen. Was er dem Leser vorenthält ist die Instanz des allwissenden, zuverlässigen Erzählers. Die Protagonisten machen sich zwar ihre eigenen Gedanken über die Zusammenhänge, doch ihre Deutungen widersprechen sich. Der Leser kann ihnen nicht trauen.
Da ist zum Beispiel das kometenähnliche Muttermal, das alle Hauptfiguren gemeinsam haben. Die einen sehen darin ein Zeichen der Reinkarnation, die anderen tun diese Deutung als Unsinn ab. Indem der Roman seine Hauptfiguren gegenseitig zu ihren eigenen Rezipienten macht, verwischt der Autor Mitchell in bewährt postmoderner Manier konsequent seine Spuren und die klare Trennung von Realität und Fiktion.
Auch sonst bietet Mitchell alles, was das postmoderne Herz höher schlagen lässt. Der Roman sprüht vor intertextuellen Bezügen und Anspielungen. Im Gang durch 4 Jahrhunderte Menschheitsgeschichte findet Mitchell die für jede Epoche typische Gattung, vom naiv Reisetagebuch des amerikanischen Notars über das orwellsche Verhörprotokoll bis zur Rückkehr zur oralen Überlieferung einer postzivilisatorischen Kultur. Auch an launisch ironischer Selbstbezüglichkeit herrscht kein Mangel. So nimmt Frobishers revolutionäres (oder doch nur effekthascheriges?) Wolkenatlas-Sextett die Form des Romans vorweg. Der Schundverleger Cavendish wiederum stellt kategorisch fest: "Als erfahrener Lektor lehne ich Rückblenden, vorausgreifende Andeutungen und raffinierte Kunstgriffe ab, sie gehören wie Examensarbeiten über Postmoderne und Chaostheorie in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts."
Doch hinter Mitchells souveräner Formspielerei verbirgt sich ein ernsthaftes Anliegen. Und auch dieses wird im Roman angesprochen. Eine von Mitchells Figuren entwirft ein eigenes Zeitmodell, das sich von bekannten linearen oder äonalen Zeitbegriffen unterscheidet. Nach dem Modell der russischen Matrjoschka-Puppen werde jede Gegenwart von einer früheren Gegenwart umschlossen. Neben dem augenscheinlichen Hinweis auf die Struktur des Romans, verbirgt sich hinter diesem Gedankenexperiment die Vorstellung, dass der Niedergang einer Zivilisation in ihrem Aufstieg schon angelegt ist. Und von genau diesem Verfall erzählt Mitchell. Die Perversitäten die in der Antiutopie um den Klon Somni ausgeführt werden sind alle in der Gegenwart bereits angelegt. Die Euthanasien beispielsweise, in denen die "Konsumenten" (Neusprech für Bürger bzw. Menschen) ab einem gewissen Alter entsorgt werden, sind schon angelegt in Sanatorien wie dem, in dem sich Cavendish wiederfindet. Das Thema, das jede der Erzählungen in ihrer Weise intoniert, ist das vom Untergang einer Kultur durch dieselben Kräfte, die ihren Aufstieg ermöglichen. Immer geht es um Gier, Ausbeutung und Expansionsstreben. Nicht umsonst verkommt Edward Gibbons immer wieder auftretende "Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des römischen Reiches" in der Abfolge der einzelnen Erzählungen schließlich zur Toilettenlektüre eines Schundverlegers.
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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Am Ruder einer Traummaschine, 24. Januar 2007
David Mitchell bringt Leser und Kritiker zum Schwärmen. Sein fabelhaftes Erzähltalent erinnert an die ganz großen Autoren des 19. Jahrhunderts wie Stevenson, Melville oder Conrad. In den USA und in Großbritannien war "Der Wolkenatlas" ein Mega-Bestseller. "The Guardian" verglich David Mitchell mit Thomas Pynchon, die ehrwürdige "New York Times" feierte Mitchell als Genie und hält fest, dass David Mitchell schreibe "als stünde er am Ruder einer Traummaschine". Zuviel der Ehre? Keineswegs, denn schon mit seinem "neunteiligen" Debütroman "Chaos" (2004) hat sich der 1969 in England geborene Erzähler David Mitchell als gewiefter Konstrukteur und raffinierter Sprachakrobat erwiesen. Mit "Der Wolkenatlas" scheint er sich noch zu übertreffen.
Sechs auf einen Streich: in einem der "herausragenden Romane des Jahrzehnts" (NZZ) verwebt David Mitchell sechs in Raum und Zeit verschiedene Erzählstränge. In "Der Wolkenatlas" finden erst am Ende des Romans die "sechs Bücher in einem" trickreich zusammen - und passen tatsächlich so gut zu- und ineinander wie die berühmten russischen Matruschka-Holzspielzeugpuppen.
Aber der Reihe nach: "Der Wolkenatlas" beginnt wie ein klassisches Seefahrerabenteuer mit Südsee-Touch. Adam Ewing flucht als Kolanialreisender in Polynesien gegen die Ausbeutung von Sklaven und rettet einen "Wilden" als blinden Passagier an Bord. Die Tagebuchaufzeichnungen von Adam Ewing werden uns von dem großartig fabulierenden Mitchell zur Lektüre vorgelegt und wir lesen Sätze wie diese: "Eines schönen Tages muss eine gänzlich räuberische Welt sich selbst auffressen. Eigennutz entstellt die Seele eines jeden Menschen; für die menschliche Spezies bedeutet Eigennutz ihre Auslöschung". Plötzlich verstummt Seefahrer Ewing. Das Leben geht anderswo weiter: Ewing ist nur einer von sechs Personen, deren Lebenswege uns von Mitchell in "Der Wassersucher" mit großer Spannung und höchster Virtuosität geschildert werden.
Die Schicksale des auftretenden Personals umspannen einen Zeitraum von fast 1000 Jahren und führen nach Adam Ewing von einem verarmten Komponist aus Belgien Anfang der 1930er Jahre über einen vor seinen Mördern fliehenden Atomwissenschaftlicher im Jahre 1975, einer ebenso schönen und wissbegierigen Journalistin auf der Jagd nach der ganz großen Story (Sicherheitslücken in einem neuartigen Atommeiler) und über einem alternden Verleger in der Gegenwart in eine von menschenähnlichen Robotern bevölkerte Welt der Zukunft. Die sechs Geschichten des Romans, nur auf den ersten Blick ohne den berühmten "roten Faden", bedingen und fügen sich immer mehr zusammen, ergänzen tatsächlich einander.
Dabei liest sich David Mitchells "Wolkenatlas" auch als eine Parabel über Aufstieg und Niedergang der Menschheit, welche zersetzt ist durch ihr gieriges Streben nach Macht und Geld. Der direkte Weg in die Apokalypse, zeigt David Mitchell. Und sein Blick in die Zukunft macht den Leser vor Schrecken stumm. Endstation Kaufrausch: die Menschheit besteht in David Mitchells Zukunftsszenario hauptsächlich aus geklonten Menschen, die per Gesetz zum hemmungslosen Konsumieren gezwungen werden. Schöne Neue Welt?
Nur sehr selten und nur einem ganz guten Buch gelingt es mitunter, seine Leser mit auf eine Reise zu nehmen. "Der Wolkenatlas" schafft das spielend. David Mitchell schuf für seine Leser eine (leider nur) 700 Seiten lange Zeit- und Traumschiffreise in der 1. Klasse-Luxuskabine - von der Südsee des 19. Jahrhunderts in eine postapokalyptische Zukunft. Ich erteile Kaufbefehl an alle literarische Weltenbummler: unbedingt ein Ticket lösen!
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