Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die Dunkelheit der menschlichen Existenz, 23. Oktober 2004
Jahre nach den Ereignissen, von denen die Rede ist, legt der Ich-Erzähler, Polizist in einer französischen Kleinstadt unweit von Verdun, Rechenschaft ab. Er berichtet von den Dingen, die sich während des Großen Krieges in seiner Stadt zugetragen haben, und von den Personen, die hierbei eine nicht immer rühmliche Rolle spielten, einschließlich seiner selbst. Im Interesse derjenigen, die das Buch noch nicht kennen, möchte ich die Handlung nicht nacherzählen. Es zeigt sich jedoch ziemlich bald, dass der Schrecken, der Ich-Erzähler spricht gelegentlich auch vom „Bösen", nicht auf den Frontbereich beschränkt, sondern ebenso in der vermeintlich sicheren französischen Provinz zu Hause ist.Das Buch hat verschiedene Handlungsstränge, die mal mehr mal weniger eng miteinander verknüpft sind. Die Geschichte wird zudem in einem beständigen Wechsel der Zeitebenen erzählt. Autoren schwächeren Kalibers wären kaum in der Lage, diese Komplexität noch zu meistern. Claudel beherrscht sein Handwerk dagegen ausgesprochen sicher und virtuos. Hinzu kommt eine Sprache, die trotz ihrer Einfachheit schnell hypnotische Wirkung entfaltet und immer wieder zu sehr eindringlichen Bildern findet. Nur das Thema des Buches erscheint mir ein wenig zu einseitig. Claudel zeichnet ein Bild der menschlichen Existenz, in dem für das Glück kein Platz ist. Die Finsternis ist in uns allen, alles andere ist eine vorübergehende Illusion. Das zwanzigste Jahrhundert hat diese Finsternis wahrlich überdeutlich werden lassen, und vielleicht ist dies der Grund, weshalb Claudel dessen Urkatastrophe als Folie seiner Erzählung wählt. Aber die Welt nur noch als Jammertal zu sehen, nur noch von Toten, Schmerz, Verlust und gequälten Seelen zu reden und alles andere auszublenden oder für transitorisch zu erklären, erscheint mir nicht nur falsch, es ist in seiner Absolutheit auch ein wenig flach, eine Art Teenager-Pessimismus sozusagen. Es fehlen die Nuancen. Deshalb nur vier Sterne.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die graue Gesellschaft und der Krieg, 23. Oktober 2005
"Die grauen Seelen", ein Roman von Philippe Claudel, Jahrgang 1962, war im Jahr 2003 ein Sensationserfolg in Frankreich. Das ungewöhnliche Buch ist jetzt auch im deutschen Sprachraum - nicht zuletzt der sensiblen Übersetzung von Christiane Seiler wegen - recht erfolgreich. Ein Erfolg, der in unserer Zeit vermutlich nicht von ungefähr kommt. Der Titel ist hier Programm : Die Farbe Grau liegt zwischen dem unschuldigen Weiß und dem düsteren Schwarz, zwischen Hell und Dunkel. Offensichtlich gibt es in unserer Zeit, die so rasch bei der Hand ist mit schnellen Problemlösungen, doch auch einen Bedarf an Zwischentönen. Diese Zwischentöne klingen im Roman überall an: in der getrübten Idylle der französischen Kleinstadt, die 1917 vom Donnern der Geschütze an der naheliegenden Kriegsfront übertönt wird; in den nach außen makellosen Fassaden mancher Mitbürger, die doch allesamt ihr Geheimnis hüten; in der grauen Melancholie der Erinnerungen des Ich-Erzählers. Das Grau des Nebels umgibt schließlich auch die "Aufklärung" des Falles, der letztlich doch irgendwie unklar bleibt. Der Text ist - obwohl zwei Morde passieren - sicher kein Kriminalroman, sondern die Beschreibung einer in Regelwerk und Lieblosigkeit erstarrten Gesellschaft. Und genau diese bereitet den Boden vor für die Apokalypse - den Krieg. So betrachtet, ist der Erste Weltkrieg hier sicherlich nicht nur der "pittoreske" Rahmen der Romanhandlung. Philippe Claudel hat für seine Geschichte die passende Sprache zur Verfügung: kürzere Sätze, die oft zu schweben scheinen, aber sich manchmal auch zu emotionalen Höhepunkten verdichten. Ein beachtenswertes Buch, lesenswert allemal, wenn auch die Welt nach der Lektüre für ein paar Stunden recht grau erscheint.
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Schuldfragen, 28. September 2004
Dass Schuldfragen nicht nur auf kriminalistischem oder juristischem Wege zu lösen sind, wussten schon die großen Dichter der Antike, die - wie Aischylos in den "Persern" - einen glorreichen Sieg aus der Perspektive der Geschlagenen betrachteten oder - wie Sophokles im "König Ödipus" - den ahnungslosen Mörder selbst auf die Suche nach einem vermeintlich hinterhältigen Verbrecher schickten. Philippe Claudel verbindet in seiner Geschichte, die Ende 1917 in einem kleinen französischen Dorf ihren unheilvollen Anfang nimmt, gleich mehrere Versuche, die Urheber grauenhafter, unmenschlicher Taten ausfindig zu machen. Doch während der Erzähler bemüht ist, dem Mörder der zehnjährigen Belle de Jour auf die Schliche zu kommen, herauszufinden, warum die liebenswerte Lehrerin Lysia Verhareine Selbstmord begangen hat und ein bretonischer Deserteur misshandelt, gefoltert und hingerichtet wurde, enthüllen sich ihm (und den Lesern) die eigenen schuldhaften Verfehlungen in immer erschreckenderem Ausmaß. Die Frontlinie des 1. Weltkrieges, die unweit des Dorfes verläuft, erweist sich nunmehr als rein virtuelle Grenze: Hartherzigkeit, Hass, Gewalt und Mord haben auch die vermeintlich zivile Welt kontaminiert, Soldaten und Bürger irren gleichermaßen blind durch moralisches Niemandsland. Nüchtern, aber nie teilnahmslos entwirft Claudel beunruhigende Szenen, die sich immer wieder zu eindringlichen Bildern von selten gewordener Symbolkraft verdichten. Sein sechster Roman wurde in Frankreich 2003 als literarische Sensation gefeiert und mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet. Das außergewöhnliche Werk liegt jetzt in einer stilsicheren Übersetzung von Christiane Seiler vor und dürfte auch hierzulande für Furore sorgen.
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