Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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51 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Oversexed and underefucked, 8. Februar 2004
Nur ein Reise-Führer durch die Prostituierten-Hochburgen Thailands oder ein Roman aus der Sicht eines Touristen, der seine semi-autobiografischen Erlebnisse verarbeitet? Stehen im Vordergrund, die im Roman verarbeiteten Reflexionen der Protagonisten oder die Auffassungen des Autoren, die dieser mit welchen Absichten auch immer zu verbreiten sucht? Ein Buch über die Getriebenen der Kulturen. Die einen, die Prostituierten aus der Dritten Welt als die Opfer und die anderen, die „Erstweltler", als die Täter oder Kunden, die das Geld haben? Wer benutzt wen? Sind die Opfer wirklich nur Opfer und die Täter wirklich nur Täter? Haben die Akteure des Sextourismus nur scheinbar keinen Einfluss auf das Geschehen? Vertun oder reduzieren alle ab Dreißig ihr Leben „oversexed and underfucked"? Selten ein Buch bei dem es so schwer fällt, eine Meinung dazu zu formulieren. Aber gerade damit ist dem Autoren das gelungen, was sich jeder Schriftsteller erhofft, der sich schließlich mit jeder Zeile, wie gut oder wie schlecht beim Publikum ankommend, preisgibt. Houellebecq hat sein Publikum nicht nur erreicht, sondern auch interessiert. Dabei ist es gleich, ob er zu der Gruppe der Autoren zählt, die ihr Publikum lediglich unterhalten wollen oder zu denen, die die Welt verändern möchten oder ob er der dritten Gruppe zugehörig ist, die schreibt, um die Welt zu ertragen. Letztendlich ist es ohne Bedeutung, welcher Gruppe ein Autor angehört, zumal dies nichts über seinen Intellekt oder seine moralische Wertigkeit aussagt, sondern eher über sein Naturell, sein künstlerisches Temperament. Das gleiche gilt für die „Verbraucherseite", die Leser. Folglich ist es überflüssig darüber zu räsonieren, ob der Roman eher satirisch, systemkritisch oder rassistisch und frauenfeindlich aufzufassen ist. Natürlich polarisiert Houellebecq die Lager. Und das genüsslich. Wer hat je die Gemüter dermaßen erregt, mit einem so einfachen Plot: Michel, der Ich-Erzähler - der sinnigerweise den Vornamen des Autoren trägt, womit sich dieser interessanter macht als seine Romanfigur ist - ist Anfang Vierzig und weiß mit sich, dem desillusionierten Buchhalter im Amt des Kulturministeriums, wenig anzufangen. Der Single besucht regelmäßig Peepshows, weil es ihn drückt und legt lieber selber Hand an sich, als sich einer französischen Frau oder Prostituierten anzuvertrauen, von denen er allesamt nichts hält, weil die längst egoistisch-entkörpert sind und nur noch so tun, als ob. Und da fährt er halt mal nach Thailand und bumst vergnügt herum, weniger enthemmt als man erwarten könnte. Und da haben wir es. Das schlimme Wort vom „Sextourismus" steht im Raum. Und das Buch dreht sich auch im weiteren Verlauf mehr oder weniger deutlich alleine darum. Kritisiert der Autor oder verherrlicht er? Mehr eine ästhetische Frage. Und vielleicht verspürte der Houellebecq beim Schreiben eher ein genüssliches als ein sozialkritisches Empfinden. Wegen mir, diese Freiheit sei erlaubt. Und es ist mir ziemlich egal, ob manch einer behauptet, das Buch seine eine „Rechtfertigung schmutzigen Geschäfts" oder gar „peinliche Ausfälle gegen den Islam" anprangert. Äußerungen, die, lebt man wie ich unter Moslems, einzeln und für sich gesehen bestätigen kann, wenngleich damit natürlich kein allgemeingültiges Urteil abgegeben sein darf. Houellebecq in einem Interview: „Das Schreiben ist viel spielerischer als das Leben. Das ist eine traurige Tatsache." Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken. Ich empfehle das Buch. Ich habe es mit Interesse gelesen und kritischen Abstand behalten. HMcM
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24 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kühles Statement ohne Bewertung gewisser Tatsachen..., 3. September 2004
Zu behaupten, Houellebecq würde Sextourismus gut finden, wie einige meiner Lesekollegen vor mir hier behaupten, bedeutet schlicht, dieser Leser hat das Buch nicht wirklich verstanden...(SORRY) Gerade nämlich dass tut Houellebecq NICHT, er bewertet Sextourismus überhaupt nicht. Er schreibt nur über das Thema, ohne es zu befürworten oder zu verteufeln ! Ohne moralischen Finger in der Luft, wie viele ihn gerne dort haben. Eigentlich ist Plattform ein wunderbares Buch über die Liebe, und meine Sympathie zu Michel wuchs mit jeder Seite mehr und mehr. Ein tolles Buch !
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Schonungslose Gesellschaftsanalyse, 24. August 2003
"Plattform" ist nach "Ausweitung der Kampfzone" das zweite Buch, das ich von Houellebecq gelesen habe. Ich habe es fast in einem Zug durchgelesen, es hat mich sehr positiv beeindruckt - und dieser Eindruck ist auch der überwiegende - aber es gibt auch einige Dinge, die mich stören. Zunächst das Positive: Houellebecq hat einen unglaublich präzisen, analytischen Blick für Befindlichkeiten der Gesellschaft, ob es um Konsumterror, soziale Rollenbilder, die Vereinsamung des Einzelnen in der Eigenständigkeit, die Rolle der Kunst oder der Religion geht (hervorragend, wie er einen alten Ägypter den Islam erklären läßt). Kaum ein gesellschaftlich relevantes Thema läßt er aus, beschreibt dabei den Zustand der westlichen Zivilisation aber nicht aus Sicht des Zynikers sondern läßt Trauer und Betroffenheit über diesen Zustand spüren und darüber, daß das eigentlich humane verlorengeht. Der Zynismus liegt nicht in der Betrachtungsweise des Autors, sondern in der Zwangsläufigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung: der Professionalisierung aller Lebensbereiche, der konsequenterweise und nach marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten als letzter Bereich auch die Sexualität folgt (eigentlich ein Widerspruch, da man ja immerhin vom "ältesten Gewerbe der Welt" spricht). Synonym hierfür ist der offen beworbene Sextourismus für die riesige Zielgruppe all jener westlich Zivilisierten, die sich in unserem komplizierten Beziehungsgestrüpp verfangen haben. Er zeigt zwar, wie es dem Ich-Autor gelingt, für sich einen Weg aus dieser Entwicklung heraus zu finden - natürlich über die Liebe, wie auch sonst? Aber schon während des Buches ist klar, daß dieser Weg in seiner Einmaligkeit und Nicht-Wiederholbarkeit letztlich nur die Ausnahme ist, welche die Regel bestätigt. Und schließlich führt auch er in die Katastrophe und in den resignativen Schluß. Die Erfahrung, etwas wirklich Großes und Wichtiges zwar erlebt aber wieder verloren zu haben traumatisiert und immunisiert auch gegen die kleinen Freuden, die sein Leben vorher erträglich gemacht hatten. Was bleibt, sind Hoffnungslosigkeit und Leere. Houellebecq gelingt es dabei perfekt, Stimmungen zu vermitteln und er zeichnet seine Charaktere sehr plastisch. Das Thema ist relevant und unterhaltsam erzählt. Wenn es zwischendurch mal etwas langatmig wird, dann mag das zwei Gründe haben. Zum einen liegt für den Leser die Idee des Sexclub-Urlaubs viel früher in der Luft als sie im Buch offen ausgesprochen wird und man wird etwas ungeduldig, bis es endlich zur Ausführung kommt. Zum anderen sind die ziemlich unverblümt pornographischen Szenen irgendwann einfach nur noch langweilig und behindern den Erzählfluß der Geschichte, weil es auch Houllebecq nicht gelingt, bei der sechzigsten oder siebzigsten Sexszene noch so etwas wie Spannung zu erzeugen. Natürlich passen die Szenen zum Thema und zum Ductus, aber es wird irgendwann einfach zu viel und man wird den Eindruck nicht los, daß hier ein literarisches Werk doch etwas über Gebühr als Werkzeug für eine Provokation strapaziert wird und unter einer gewissen Fixierung des Autors leidet. Dann hilft nur noch querlesen und die Stelle mit der Zigarette danach zu suchen, auf daß es mit der Geschichte weitergehe. Das kann jedoch nichts daran ändern, daß ich dieses Buch als unbedingt lesenswert einstufen würde.
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