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«Melancholie» in deutscher Übersetzung
Die Stücke Jon Fosses, noch vor einem Jahr bei uns so gut wie unbekannt, haben die deutschsprachigen Bühnen erobert. Jetzt gilt es, die Erzählprosa des Norwegers zu entdecken. Der Roman «Melancholie», im Original 1995 und 1996 in zwei Bänden erschienen, handelt vom norwegischen Landschaftsmaler Lars Hertervig (1830 bis 1902). Nicht Geschichten erzählt uns Fosse, er entfaltet Zustände, zwanghaft umkreist er Schlüsselerlebnisse des begabten, aber hilflosen Künstlers, der an der Düsseldorfer Akademie bei seinem berühmten Landsmann Hans Gude studierte, später mit der Diagnose Melancholie für ein paar Jahre in der Irrenanstalt Gaustad eingesperrt wurde und schliesslich in einem Armenasyl starb.
Schon als Kind interessierte sich Fosse für den «verrückten Maler», einen entfernten Verwandten. Lange Jahre sträubte er sich aber gegen den Gedanken, einen Roman über eine historische Person zu schreiben, da er Bücher, in denen Fakten und Fiktionen vermischt werden, nicht sonderlich schätzt. Viele Quellen zu Hertervigs Leben scheint es nicht zu geben, Krankenjournale etwa, Legenden, Mythen, Anekdoten.
Keine Biographie schreibt Fosse, auch keine Romanbiographie, obwohl er das zunächst versucht hatte. Er erkundet vielmehr Hertervigs mentalen Raum, er fragt und überlegt, was im Kopf des Malers vorgegangen sein könnte. Zunächst ist da jener Herbsttag des Jahres 1853, an dem Hertervig aus seiner Düsseldorfer Bude fliegt, weil er sich in die blutjunge Nichte des Zimmerwirts verliebt. Gleichentags will Gude ein Urteil über die Malkünste des Eleven fällen. Zwischen Grandiositäts- und Minderwertigkeitsgefühlen ist der junge Maler, Fosses Alter Ego, hin- und hergerissen. Einige Jahre später finden wir ihn in der Irrenanstalt. Er wälzt sich auf dem Bett, zwanghaft onanierend, der Oberarzt hat ihm gesagt, dass er nicht mehr werde malen können. Es folgt ein Kapitel, das im Spätherbst 1991 spielt. Der fiktive Schriftsteller Vidme sucht eine Pastorin auf. Er möchte in die Staatskirche eintreten, doch die Pastorin kommt zum Schluss, dass er nicht in die Kirche passe, denn er sei ein Mystiker, «und wenn die Norwegische Kirche etwas nicht will, dann Mystiker». Vidme schreibt stattdessen ein Buch über Hertervig. Er erlebt die Kunst, seine eigene wie jene Hertervigs, als Gnade. Fosse zeigt, dass sich alle Fakten mit dem Blick, den man auf sie wirft, verändern, wenn wir im Schlussteil des Romans Hertervig durch die nicht allzu weit geöffneten Augen seiner fiktiven Schwester Oline erleben. Der Maler ist bereits tot, sein Bruder Sivert liegt im Sterben. Olines Gedanken jedoch kreisen monoman um Essen und Abführung.
Als Fosse an dem Buch arbeitete, studierte er Thomas Bernhards Roman «Der Untergeher» über Glenn Gould, in Fosses Worten «die reine Lüge, aber ein guter Roman». Fosse lernte, wie Bernhard ein fremdes mit dem eigenen Leben verwob. Fosses Buch hat denn auch einiges von der Obsessivität der Prosa Bernhards. Die Erzählmaschine des Norwegers rollt langsam und rhythmisch voran, gespeist von unablässigen Variationen. So gelingt es Fosse, die Zwänge des von Wahnbildern heimgesuchten Malers auch im Erzählprozess bewusst zu machen. Während wir Bernhards Roman geniesserisch einschlürfen, lässt uns Fosse durch die Art seiner unerbittlichen Variationen und Repetitionen, durch sein Umkreisen des immer Gleichen, geradezu physisch mit dem kranken Maler leiden, und wir erkennen, wie isoliert Hertervig in seinem mentalen Gefängnis ist. Wo bei Bernhard Witz und Sarkasmus triumphieren, herrscht bei Fosse Düsternis und Depression. Fosse schreibt nie höhnisch, vielmehr bestimmt Trauer den emotionalen Duktus seines Buches. In dieser Trauer liegt aber etwas Versöhnliches. Von Sehnsucht nach einem «inneren Licht» ist Fosses dunkler Roman durchsäuert. Im südwestnorwegischen Quäkermilieu, dem Hertervig entstammte, war «das innere Licht» ein tragender Wert. Fosse schreibt die Dunkelheit herbei, weil er an den negativen Weg zum Licht glaubt.
Fosse, der sich als Autor, ähnlich wie der Maler Hertervig, in einem sozialen Leerraum sieht, schreibt über das Soziale und die Abwesenheit des Sozialen. Er führt uns so an die Grenzen der Existenzmöglichkeit. Hertervig litt unter einem inneren Druck, der so stark war, dass er sich am Leben der andern nicht beteiligte. Er lebte in seinem Träumen. Gespannt ist man, wie Jon Fosse sich künftig entwickeln wird, ob sich infolge der internationalen Beachtung, die sein Werk, anders als jenes Hertervigs, erfährt, auch der Impetus seines Schreibens ändern wird.
Aldo Keel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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