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Der menschliche Makel
 
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Der menschliche Makel (Taschenbuch)

von Philip Roth (Autor), Dirk van Gunsteren (Übersetzer)
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (70 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 399 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb. (April 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499231654
  • ISBN-13: 978-3499231650
  • Originaltitel: The Human Stain
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 11,6 x 3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (70 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Im Sommer 1998, als der emeritierte Griechischprofessor Coleman Silk dem Ich-Erzähler seine Affäre mit der weitaus jüngeren Putzfrau Faunia Farley beichtet, denkt ganz Amerika "an den Penis des Präsidenten". Es ist der Sommer, in dem der Zigarrenakt Bill Clintons mit Monica Lewinsky ruchbar wird: Der Sommer der moralinsauren Vorwürfe und der scheinheiligen Reue also, in der "das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit Amerika wieder einmal in Verwirrung stürzte".

Der Kenner des griechischen Dramas Coleman Silk ist selbst eine tragische Figur, die, wie ihr Präsident, öfters auch an fremde Frauen dachte. Und der Ich-Erähler ist der "anerkannte Schriftsteller" Mr. Zuckerman, der bald sein Buch Der menschliche Makel veröffentlichen will -- so geht es zu im neuen, doppelbödigen Roman von Philip Roth, in dem neben Sex natürlich auch das Judentum wieder eine zentrale Rolle spielt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist Silk, der verdienstvolle Dekan einer amerikanischen Universität, über eine Bemerkung gegenüber zwei abwesenden Afroamerikanerinnen gestolpert, die ihn völlig zu Unrecht in den Verdacht des Rassismus brachte: eigentlich eher ein Aufzug des absurden Theaters, der allerdings eine "Chronologie der Schrecken" und irgendwie sogar den Tod von Silks Ehefrau nach sich zieht. Und dann kommt auch wieder Faunia ins Spiel, die mit Silk ein großes Geheimnis teilt.

Gern berichtete der Griechischprofessor den Studenten früher von Homers Achill, der aufgrund sexueller Zurückweisung zur "empfindlichsten Tötungsmaschine in der Geschichte der Kriegführung" mutierte. "In der Verletzung des phallischen Anspruchs beginnt die Dichtkunst", sagte er, "und genau aus diesem Grunde werden wir heute, beinahe dreitausend Jahre später, ebenfalls dort beginnen". Diese Verpflichtung hat Philip Roth mit seinem neuen großen Sittenporträt nach The Great American Novel eingelöst -- und das in der besten Manier, derer die US-Gegenwartsliteratur nach Clinton fähig ist. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Der Spiegel

Das Drama der Identität

Dieser Roman erzählt eine Geschichte, die an Tragik, unvorhersehbaren Wendungen des Schicksals, jähen Enthüllungen des Autors und schließlich einer oft sardonischen Komik wenig zu wünschen übrig lässt. Dazu kommen ein rhetorisches Feuer, eine Lust am Wort, das zum Gedanken führt, und eine Lust an der Wiederholung, die den Gedanken wenn nicht zerstört, so doch vorübergehend stilllegt, einlullt, in eine Abschweifung führt wie die Musik von Gustav Mahler, in der alle Intelligenz, alle Differenzierung den Hörer am Ende in einen somnambulen Zustand versetzt. Beides sind die Kennzeichen der Romane von Philip Roth von Anfang an: ein Furor in der Fabel und in der Rhetorik, der nur insofern der radikalen Moderne des 20. Jahrhunderts seinen Tribut zollt, als Roth in den Geschichten, die er erzählt, mehrere Ebenen installiert, die das „naive“ Erzählen bereichern. So heißt auch hier der Erzähler der Geschichte von Brutus Coleman eben nicht Philip Roth, sondern Nathan Zuckerman, ein Alter Ego, das Philip Roths Werk von Anfang an begleitet, das viele Züge seines Erfinders trägt, aber nicht mit ihm verwechselt sein will.
Philip Roth hat keineswegs seinen Wohnort gewechselt, nachdem dieser Roman veröffentlicht wurde, so wie Zuckerman das nicht nur erwägt, sondern sogar für notwendig hält: Der Mörder seiner Romanfiguren Coleman und Faunia, der Vietnam-Veteran Lester Farley, würde Rache nehmen für seine Entdeckung, dessen ist sich Zuckerman sicher. Aber Philip Roth ist eben nicht Zuckerman. Er hat diese Geschichte erfunden – wenngleich sie, wie die meisten, vielleicht alle seiner Geschichten, auf Tatsachen beruht: Es gab einen in seinen Kreisen sehr prominenten Fall, einen Starkritiker der „New York Times“, dessen postum gelüftetes Lebensgeheimnis eben darin bestand, dass er, genetisch und nicht optisch gesehen, schwarz war und nicht weiß. Was Philip Roth daraus macht, ist eine andere Sache.
Im Zentrum des Geschehens steht eine Liebesgeschichte. Wie bei Roth beinahe immer, könnte man sagen, aber eben nur beinahe. Das Begehren, das Frau und Mann vorübergehend aneinander bindet, ist ein ständiges Thema bei Philip Roth, und zwar von Anfang an und in vielen seiner Schattierungen: der sexuellen Hörigkeit, der Sucht nach Selbsterkenntnis durch den anderen, dem Kampf um Anerkennung in der Symbiose und dem bitteren, nicht aufhörenden Hadern nach dem Scheitern.
Doch es gibt auch andere Themen, die in Roths Werk bestimmend sind und wiederkehren. Er ist ein Jude aus Newark, einem Vorort New Yorks, und hat die Geschichte dieser Stadt, damit auch die Geschichte des Schmelztiegels Amerika, immer wieder erzählt: die Rechtschaffenheit seiner Eltern, das strebsame, gewissenhafte und idealistische Milieu der Einwanderer in zweiter und dritter Generation, ihre Erfahrungen mit der politischen Großzügigkeit des Staates wie der Gleichgültigkeit dem wirtschaftlichen Scheitern seiner Bürger gegenüber. „Mein Leben als Sohn“ ist ein Familienroman, intim und sehr berührend, freiwillig eng in seiner Gestaltung; „Verschwörung gegen Amerika“ ist ein Familienroman als Science-Fiction-Szenario, das die jüdische Identität und den gesellschaftlichen Antisemitismus der USA in den Mittelpunkt rückt und in eine so reiche wie spannende Fabel bringt. Beide Hauptwerke umkreisen ein weiteres Grundthema des Erzählers, nicht originell für unsere Zeit, aber wahrhaftig einzigartig gestaltet, immer wieder neu und immer wieder bezwingend: die Frage der Identität, also wie es den meisten heute aufgetragen ist, sich in Spannung zu ihrer Herkunft als Kleinbürger, Jude, als schwarz oder weiß zu bewahren und zugleich zu erfinden.
Wer viel von Roth gelesen hat, den überrascht vielleicht am meisten, dass Roth nun in „Der menschliche Makel“, zuerst veröffentlicht 2000, bei der Beschreibung seines Helden Coleman beinahe vollkommen darauf verzichtet, den Antisemitismus zu thematisieren: Coleman entschied sich, ein Weißer zu sein, und auf¬grund seiner Attribute – Witz, Intellektualität und enorme Gewandtheit – schien es ihm das Nächstliegende, einen weißen Juden zu spielen. (Er reagiert damit, der Einfachheit halber – in diesem Roman über gesellschaftliche Vorurteile eine besonders raffinierte Pointe – auf die selbstverständlichen Annahmen seiner Umwelt.) Was ihn beschwert und schließlich zu Fall bringt, ist aber nicht das vorgetäuschte Judentum, sondern eine beiläufige Bemerkung, die das aktuelle Drama der akademischen Society in den Vereinigten Staaten initiiert: den latenten Rassismus und das komplizierte Regelwerk, das erfunden wurde, um ihn zu bannen, und das jedes Individuum, und sei es noch so souverän erfunden, zu Fall bringen kann. Das Misstrauen der Gesellschaft sich selbst gegenüber, das die von Zuckerman wie Coleman beklagte Scheinheiligkeit befördert und nährt, ist unaufhörlich auf der Suche nach Verfehlungen im Umgang miteinander, und zwar so eifernd und derart erfindungsreich, dass gerade in einem Milieu, in dem das freie Denken und das freie Wort die Bedingungen der Existenz darstellen, eben das bei Höchststrafe unterbunden wird. Der Schrecken von Delphine Roux, als die erkennbar zu werden, die sie ist – unter anderem eine einsame Frau –, ist ebenso sehr französisch (in ihrer Angststarre dem comme il faut gegenüber), wie er amerikanisch ist: Denn sie hat die Verfolgung Colemans ins Werk gesetzt mit nichts als Vorwürfen, die auf Misstrauen beruhen. Es ist das Misstrauen einem Mann gegenüber, der seine Studenten noch als Individuen adressiert, als diese längst gelernt haben, sich als Gruppenwesen zu definieren – als weiblich, mit afroamerikanischem Hintergrund, als Juden, Latinos oder Asiaten. Die universitäre Kleinstadt, die Colemans frei gewählte Heimat war, repräsentiert die Allgemeinheit, die den Verdächtigungen glaubt und sie vermehrt, die einen der ihren zur Strecke bringt und richtet. Der Chor in diesem antikischen Drama, in dem der Held am Ende sterben muss, ist, in zeitgenössi¬scher Fatalität, die geistige Elite dieser Gesellschaft.
Es gehört ebenso zu den Besonderheiten dieses Romans, dass Philip Roth dem Schurken dieser Geschichte Auftritte gönnt, die eine ebensolche Anteilnahme erzwingen, wie er sie dessen Opfern gibt. Die Tragik der Vietnam-Veteranen, die aus einem Schlachthaus in eine Heimat zurückgeflogen wurden, die von ihrem Schicksal nichts wissen will, ist nicht zu vergleichen mit den Erfahrungen der heimkehrenden Soldaten aus Europa oder vom Golf. Vietnam war kein „guter Krieg“ (um ein Wort von Studs Terkel zum Zweiten Weltkrieg zu zitieren), er wurde als Schande erkannt und bewertet, und wer dort gewesen war, bleibt lebenslänglich gezeichnet – nicht nur vom Trauma des Krieges selbst, sondern vor allem von der Heimatlosigkeit seiner Erfahrung. Roth zeigt am Beispiel von Lester Farley, dass es nicht notwendig die Tatsachen sind, die einen Menschen zerstören – es kann die ebenso wirkliche Tatsache sein, keine Sprache oder kein Gehör für die Erfahrungen zu finden. Farley ist nicht zufrieden mit der Nischensolidarität der ewigen Veteranen, er will zurück in die Gesellschaft, die er als jun¬ger Mann für nur kurze Zeit verließ – um sie, wie es hieß, zu verteidigen – und die ihn meidet wie einen Aussätzigen. Denn er erinnert sie an das, was sie vergessen will. Farley ist unschuldig schuldig geworden, und es gibt keine Erlösung für ihn; es gibt nur noch den Amoklauf.
Von Anfang an war Philip Roth vor allem Erzähler. Die Raffinesse seiner Technik, die Lust an der avancierten Form verbirgt er beinahe vollkommen; seine Kunst verhält sich diskret. Sein Atem ist lang, sein Temperament rhapsodisch, seine Sprache beinahe mündlich im Klang, sein Vokabular ist immer einfach und klar; es gibt keine Prätention, kein ausgestelltes Abwägen der Worte, kein Prunken, keine Delikatesse. Sein Witz ist für jeden verständlich, die Spannung seiner Fabeln hält alle in Atem, und sein Personal, wie gedankenreich oder neurotisch es auch ist, wird jedem Leser vertraut wie ein Familienmitglied. Er ist ein seltener Glücksfall geblieben – ein Romancier, der Stoffe von großer historischer Be¬deutung und Aktualität in eine Fassung bringt, die niemanden ausschließt, der überhaupt lesen kann. Die Komplexität des Lebens überlässt er seinen Figuren, er selbst tritt dahinter zurück; er bringt sie lediglich in eine Sprache, die zugleich lebendig und unauffällig ist. Das „lediglich“ ist die Kunst, die ihn mit Tschechow, mit Tolstoi, mit Joseph Roth und Katherine Anne Porter verbindet – mit all jenen Autoren, die überall gelesen werden, weil sie die Dramen des menschlichen Lebens dem Gedächtnis, dem Nachdenken und der Anteilnahme erhalten, solange gelesen wird.

Nachwort von Elke Schmitter zu Der menschliche Makel. SPIEGEL-Edition Band 17 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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50 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Unglaublich glaubwürdig, 15. März 2002
Von Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REVIEWER)    (REAL NAME)   
Diese Rezension stammt von: Der menschliche Makel (Gebundene Ausgabe)
"Menschlich", das Adjektiv vor dem Makel, auf dem Umschlag etwas kleiner gedruckt als das Substantiv, ist - natürlich - der Kern der Angelegenheit. "Menschlich", so gern benutzt, dieses überaus freundliche Wörtchen, "humanitär", sofern es um größere Gruppen geht, und ach so häufig in seiner Negation - un-menschlich. Es ist ein seltsames Wort, quasi selbstdefiniert, aber eigentlich qualitätslos, genaugenommen völlig aussagefrei, denn Menschen sind *alles*: Gut, böse, neidisch, freundlich, brutal, feindselig, kleingeistig, heimtückisch, geil, machtversessen, sozial, unsozial, asozial. Der Begriff sagt nichts, außer: Er gilt nur für Menschen. Denn Menschen sind - natürlich - einzigartig auf der Welt. Jeder Mensch ist menschlich. Das Menschsein ist der Makel, der Titel eine Tautologie.

Der einundsiebzigjährige Coleman Silk blickt auf eine großartige akademische Laufbahn zurück, war jahrelang reformfreudiger Dekan des - durch seine Arbeit - hochreputierten Colleges von Athena, irgendwo in den Berkshires, und Professor für klassische Literatur, beliebt, geachtet, fast berühmt. Doch die Karriere endete abrupt. Ein eigentlich harmloser Satz, fallengelassen beim Überprüfen der Anwesenheitsliste, rief die selbsterkorenen Moralwächter, die Neider, die Karrieristen auf den Plan. Als Coleman von "dunklen Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" deklamierte, um sich über zwei Studenten lustig zu machen, die noch keine der Vorlesungen im laufenden Semester besucht haben, brach eine Welle der moralischen Entrüstung über ihm zusammen. Denn jene Studenten waren Schwarze. Der Rassismusvorwurf, zunächst von Silk verlacht, der nichts von der Hautfarbe seiner Schützlinge wußte, aber in kurzer Zeit zur massiven Bedrohung angewachsen, zerstörte nicht nur die Laufbahn, negierte in kurzer Frist alle Erfolge des langen, fruchtbaren Lebens, sondern führte auch zum Tod von Colemans Frau.

Roths Alter Ego, Schriftsteller Nathan Zuckerman, freundet sich mit Silk an, Monate nach dessen Rückzug aus dem College, Wochen nach dem Tod von Iris Silk. Beide alten Männer, Zuckerman inzwischen diogenesisch zurückgezogen lebend und seit einer Prostataoperation impotent, nähern sich behutsam an, nachdem Zuckerman abgelehnt hat, die Geschichte Silks zu schreiben, was jener inzwischen selbst versucht. Bei langen Gesprächen enthüllt sich das Leben Silks, der währenddessen - unter anderem dank Viagra - ein Verhältnis mit einer 34jährigen Putzfrau pflegt. Highschool, Navy, viele Frauen, heimliches Boxen, das erste College, eines nur für Schwarze. Denn Coleman Silk ist selbst ein Schwarzer. Nach dem Tod des strengen, hochgeschätzten Vaters entschied Coleman, sich die ungewöhnlich helle Farbe seiner Haut zunutze zu machen - und gab sich als Weißer aus. Fünfzig Jahre trug er dieses Geheimnis mit sich, verborgen auch vor der eigenen Frau, bis ausgerechnet der Vorwurf des Rassismus ihn dazu bringt, sich einer einzigen Person zu offenbaren: Dem selbst mehr und mehr in den Hintergrund tretenden Erzähler Nathan Zuckerman.

Während im Weißen Haus die Lewinsky-Affäre tobt, seziert Roth, fantastisch erzählt, die Biographien seiner eindringlichen Protagonisten, diejenige des leidenden Professors, seiner Familie, seiner jungen Freundin, einer Analphabetin, die bereits jede Form von Leid erlebt hat, der neidischen Karrierefrau Delphine Roux, Silks Hauptwidersacher, Vertreterin des energischen, mitleidlosen Feminismus - und des durchgeknallten Vietnam-Veterans, mit dem Silks junge Freundin verheiratet war.
Aufgesetzte Moral, von gewaltiger Zerstörungskraft, Scheinheiligkeit, Vordergründigkeit. Philip Roth entwirft mit leisen, aber mächtigen Worten ein Bild der Gesellschaft, die nicht mehr unterscheiden kann oder *zu sehr* unterscheidet zwischen der inneren und der äußeren Moral, die Schwierigkeiten damit hat, zu differenzieren zwischen medialen und realen Persönlichkeiten, die angesichts der Inflation von Öffentlichkeit keine Privatheit mehr zuläßt oder anerkennt. Roth dringt in seine Figuren ein, läßt *Menschen* wachsen auf diesen 400 Seiten, von unglaublicher Plastizität, Authentizität, weckt Mitgefühl, Verständnis, sogar für die Antagonisten.

Unglaublich.

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62 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen »Das kommt davon, wenn man handzahm geworden ist«, 18. August 2005
Von Berthold Knoche (Waldsolms / Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REVIEWER)    (REAL NAME)   
.
Zuckerman, ein Autor um die 60, kennt Coleman Silk schon lange, sie hatten aber nie engen Kontakt miteinander. Silk war jahrelang Dekan der lokalen Universität, dem Athena College. Zum Ende seiner Laufbahn wollte er noch mal seinen eigentlichen Beruf ausführen und als Dozent arbeiten. Im Rahmen eines seiner Seminare spricht er dann (im Original) ein verhängnisvolles Wort, in der deutschen Übersetzung von Dirk van Gunsteren sind es zwei Worte 'dunkle Gestalten', die das Ende seiner Karriere bedeuten. Aufgrund eines kindischen Streits um diese angeblich rassistische Äußerungen tritt er letzten Endes zurück und beginnt einen Kampf mit seinem ehemaligen Arbeitgeber und dem Rest der Welt.

Als seine Frau Iris stirbt, denkt er, dass das College daran schuld ist, und will Zuckerman beauftragen, seine Geschichte zu schreiben. Dieser lehnt das natürlich ab, aber von da an freunden sich die beiden alten Männer an. Die Geschichte um die 'dunklen Gestalten' schreibt Silk selber und ist entsetzt, als er es zum ersten mal selber liest.

"»Tja, da ist es« sagte Coleman, der jetzt ein ruhiger, entspannter, völlig neuer Mensch war. »Da ist es. Das ist Dunkle Gestalten. Gestern habe ich die erste Fassung fertiggestellt, und heute habe ich den ganzen Tag damit verbracht, darin zu lesen, und ich fand jede Seite zum Kotzen. Schon die Heftigkeit der Handschrift hätte gereicht, um mich gegen den Verfasser einzunehmen. (...)«"

Silk hat auch einen neuen Schwerpunkt in seinem Leben gefunden, eine Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau, was seiner Reputation weiter abträglich ist.

Zuckerman, der Ich-Erzähler in Philip Roths Roman, berichtet rückschauend vom Leben des Coleman 'Silky' Silk, und seiner Antagonisten. Seine Recherche beginnt auf dem Friedhof, wo letzten Endes immer alles endet. Er erfährt von der Lebenslüge des großen alten Manns, seines Freundes.

Roths Sprache ist nicht mehr so explizit, wie sie es früher gewesen ist, trotzdem ist der menschliche Makel das Buch, das mir von ihm bisher am besten gefallen hat. Er beschreibt sehr schön die neuenglische Kleinstadt, das Verhalten der Kollegen und die Freundschaft der beiden Männer. Die Personen sind sehr schön herausgearbeitet. Neben Silk ist sicherlich Faunia die stärkste Figur, die unterprivilegierte, junge Geliebte. Von ihr stammt auch der Titel, den Zuckerman seinem Roman gibt (ebenso wie Roth dem seinen) und auch der Titel dieser Rezension. Sie besucht einen zahmen Falken in einer Vogelschutz-Station. Der Falke hatte kürzlich Artgenossen getroffen, mit denen er aber nicht klar gekommen war.

"»Das kommt davon, wenn man handzahm geworden ist«, sagte Faunia. »Das kommt davon, wenn man die ganze Zeit mit Leuten wie uns verbringt. Das ist der menschliche Makel«, sagte sie, weder angewidert, noch verurteilend. Noch nicht einmal traurig. So ist es eben - das ist es, was Faunia der Frau, die die Schlange fütterte, auf ihre eigentümliche lakonische Weise sagen wollte(...) der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden"
.

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19 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Wer ohne Sünde ist ..., 16. September 2008
Mit Sicherheit ist es dieses Buch, das den amerikanischen Autoren Philip Roth, nicht nur aufgrund der Verfilmung, weltweit und auch besonders in Deutschland, bekannt gemacht hat.

Von vielen als "Altmänner"-Literatur verschrien, ist es ganz sicher kein Buch für jedermann und schon gar nicht für die Lektüre zwischendurch. "Kopflastig" würde Roths Schreibstil wohl treffend beschreiben, scheint er zu fabulieren um des Fabulierens willen und sich in Ausschweifungen zu ergehen, die mitunter den Lesespaß doch eher abträglich sind. Was macht also die Faszination dieses Buches aus bzw. rechtfertigt die vielen erhaltenen literarischen Preise? Ohne Frage ist dies wohl der Plot, der im Jahre 1998 angesiedelt, uns in eine Zeit zurückführt, wo man noch über einen amerikanischen Präsidenten ohne Bauchschmerzen schmunzeln konnte. Ein Mann namens Bill Clinton, dessen Makel es war nur ein Mensch zu sein und dessen Image durch eine für heutige Verhältnisse eher harmlose Sexeskapade nachhaltig beschädigt wurde. Roth hat dieses Thema zum Anlass genommen und sich zurück besonnen, um uns das persönliche Schicksal eines in Ehren ergrauten Professors für klassische Literatur nahe zu bringen.

Coleman Silk lebt den amerikanischen Traum bis eines Tages eine unbedachte Äußerung seinen auf Karriere bedachten Widersachern die Gelegenheit bietet, den Fall dieses großen Mannes herbeizuführen. Niemand schenkt den haltlosen Anschuldigungen Glauben, aber auch keiner unternimmt etwas zur Rehabilitierung des Professors. Am wenigsten Coleman Silk selbst. Er zieht sich geschlagen ins Privatleben zurück und beginnt nach dem Tod seiner Frau eine Affäre mit dem halb so alten Dienstmädchen Faunia Farley, die ihrerseits von der Vergangenheit in Form ihres Ex-Manns, eines rabiaten Vietnam-Veteranen, verfolgt wird. Als ihre Beziehung ans Licht kommt, stehen die Jäger von damals erneut zum Schuss bereit und Coleman, der seit über fünfzig Jahren mit einem großen Geheimnis, einer Täuschung lebt, sieht sich am Ende angekommen. Er bittet seinen Nachbarn, Freund und Schriftsteller Nathan Zuckerman darum, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und in seiner Gänze zu offenbaren...

"Der menschliche Makel" schafft es den Leser zum Nachdenken zu bringen, insbesondere auf den ersten fünfzig Seiten, wo auf einer einfachen Ebene Schuldgefühle, Unterstellungen und Probleme der Wahrnehmung behandelt werden. So stellt Silk nicht nur den Archetyp eines in Ungnade gefallenen Menschen dar, sondern gibt gleichzeitig Auskunft über die Lage der USA im Jahre 1998. Roth verdient hier großes Lob, da er einen beinahe schelmischen Blick auf die Sozialpolitik des Landes wirft, das vor dem Hintergrund der Lewinsky-Affäre ihres Präsidenten, vor Vorurteilen, aufgesetzter Moral und Heuchlerei nur so strotzt. Und so ist es im Prinzip nicht der Makel mit dem man geboren ist, der im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr der, den sich die Menschen selbst zufügen.

Leider wird das Motto, "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein", bis zu einem Punkt ausgereizt, wo die Aufmerksamkeit des Lesers abzuschweifen droht. Zu detailliert, beinahe penibel genau, werden Gedanken und seelische Zustände der Figuren erkundet, wohingegen so spannende Handlungsstränge wie die von Les Farley, nur oberflächlich ausgearbeitet werden. Roths Analysen der Menschen versanden somit immer wieder im Nichts und die komplizierte Handlung reduziert sich schließlich nur auf den Rahmen seiner Thesen. So vielschichtig die Figuren dann schließlich daherkommen: Der Leser bleibt stets auf Distanz, kann bis zum Schluss keine richtige Verbindung zu ihnen herstellen.

Insgesamt ist "Der menschliche Makel" ein zweifelsfrei äußerst intelligentes und wortgewandtes Werk, das aber den Anspruch eines Unterhaltungsromans aufgrund vieler langatmiger Passagen nur streckenweise erfüllt und mich auch im Ganzen erstaunlich kalt gelassen hat.
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