Wo ein Weg ist, ist auch ein Wille
Gilbert Adairs Roman «Der Tod des Autors»
Eine der kürzesten Definitionen von Kunst hat der amerikanische Dichter Ezra Pound einst mit der Formel «Art is news that stays news» geliefert. Die immerwährende Aktualität eines Kunstwerks zeichnet sich in der Literatur einerseits durch die Wahl der inhaltlichen Motive und Konflikte aus, andererseits durch formale Originalität. Im Fall von Gilbert Adairs kurzem, aber ungeheuer dichtem und pfiffigem Roman «Der Tod des Autors» lassen sich mehrere Aktualitätsbezüge aufführen.
Flucht nach vorn
Was wir zu lesen bekommen, ist eine Mischung aus Geständnis, Rechtfertigungsversuch und Memoiren des Leopold Sfax. Er, der es als «Theoriepapst» zu Ruhm und Ehren gebracht hat, berichtet mäandernd von seiner erfolgreichen Nachkriegskarriere an amerikanischen Universitäten und von seiner Jugendzeit im deutsch besetzten Paris während des Zweiten Weltkriegs. Kann er einerseits in den Erinnerungen an seinen Erfolg schwelgen, ringt er andererseits um die richtige Darstellung der Wahrheit, denn die Fakten aus jener Zeit werfen kein günstiges Licht auf ihn. Der junge Sfax hatte nämlich unter einem Pseudonym über Jahre hinweg als Journalist für eine nazifreundliche Zeitung Artikel mit zum Teil antisemitischem Inhalt geschrieben.
Grund für die Aufzeichnungen, die er vorerst seinem Computer anvertraut, ist die Ankündigung einer jungen Frau, sie wolle eine Biographie über ihn schreiben. Angesichts des zu erwartenden Recherchierdranges der Biographin entschliesst sich Sfax, der sein halbes Leben lang mit Bangen auf diesen Moment gewartet hat, zur Flucht nach vorn. Denn wo ein Weg ist, ist auch ein Wille so lautet Sfax' opportunistische Version der Redensart.
Scheinbar spielerisch beginnt er, Begebenheiten der Vergangenheit aufzurollen, und mit der Zeit merkt man, wie alles zusammenhängt: Die Emigration in die USA nach dem Krieg markiert nicht nur einen Neuanfang in Sfax' Leben, sondern auch den Beginn eines lebenslangen Versuchs, den früheren Sfax zu entschärfen, ihn sozusagen theoretisch auszuradieren.
Dies, so glaubt Sfax, könne ihm gelingen dank jener Theorie, der er in Amerika zum Durchbruch verhalf: Indem er die Vorherrschaft des Textes über den Autor propagiert, erklärt er letzteren «für nichts weniger als tot», denn es sei «am Text, seinen Autor zu schreiben, und nicht etwa umgekehrt».
Sfax negiert zudem die Annahme, dass Texte einer bestimmten, interpretierbaren Absicht des Autors entsprängen, indem er entgegenhält, dass jeglicher Versuch, einen Text zu verstehen, in eine Sackgasse führe «bis zu einer nackten Mauer der Undurchdringlichkeit, . . . an welcher Stelle seine einander widersprechenden Bedeutungen nicht mehr harmonisch nebeneinander bestehen könnten und seine fundamentale Unentscheidbarkeit für immer die elementarsten Annahmen des Lesers unterminieren». Sfax, der einstige Autor von «Nazischund», sieht in seiner Theorie die Chance zur Ehrenrettung, indem er nachzuweisen glaubt, dass jeder Text die in ihm scheinbar vertretene ideologische Position demaskiert.
Mörderische Realität
Doch so einfach kann sich Sfax nicht der Verantwortung entziehen, von der er die Autoren theoretisch zu befreien glaubt: Er wird zum Opfer eines Mordes, was wohl mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Damit wäre bewiesen, dass Texte tatsächlich mehr Macht haben als ihre Autoren; es wäre aber auch bewiesen, dass es, entgegen Sfax' Theorie, so etwas wie eine Realität ausserhalb von Texten gibt, es sei denn, man sei gewillt zu glauben, dass auch historische Ereignisse bloss Texte sind und dass der Tod nur ein «verdrängter Name für ein sprachliches Dilemma» sei, wie Sfax es auszudrücken pflegt.
Mit der Figur des Leopold Sfax spielt Gilbert Adair unverblümt auf den Literaturtheoretiker Paul de Man an, der in Amerika zum Vordenker des Dekonstruktivismus wurde. Als 1987, vier Jahre nach seinem Tod, die nazistischen Artikel des jungen de Man veröffentlicht wurden, erlitt das bis anhin tadellose Image des Wissenschafters praktisch einen Totalschaden. Rasch haftete zudem seiner Theorie das Odium von latentem Faschismus an, was dazu beitrug, dass sie aus der Mode geriet.
Adairs Roman lässt sich aber nicht alleine auf die Biographie de Mans fixieren. Seine ironisch getränkte, vom spröden Humor und Charme sowie vom Intellekt der Hauptfigur geprägte Geschichte entlarvt auch gewisse Verstiegenheiten akademischer Theorie. Ausserdem wird anhand von Sfax' Verhalten unter einem totalitären Regime die Frage aufgeworfen, ob es so etwas wie Widerstand in der Anpassung überhaupt gibt; eine Frage, die wohlweislich unbeantwortet bleibt. Als Parabel darüber, wie die Gegenwart von der Geschichte eingeholt werden kann, möchte man das Buch gerne allen empfehlen, die sich mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg befassen.
Schliesslich wünscht man sich, nicht zuletzt dank der geglückten Übersetzung, dass bald weitere Werke des britischen Essayisten und Romanciers auf deutsch erscheinen werden.
Thomas Herrmann
Gilbert Adair liest am 13. Dezember um 20 Uhr in der Roten Fabrik in Zürich aus seinem Roman. Umrahmt wird die Veranstaltung von Kompositionen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, interpretiert von der A-Street's Hair Band.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.