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5.0 von 5 Sternen
Rassismus, was ist das eigentlich?, 21. März 2002
Deutschlands geographische Größe und vermeintliche (wie auch immer zu definierende) Stärke führt seit 1990 immer wieder dazu, dass im Ausland die Befürchtungen nie ganz verschwunden sind, ein größer gewordenes Deutschland mit der Hauptstadt Berlin werde bald beginnen, in Europa seine Muskeln spielen zu lassen. Umso empfindsamer werden fremdenfeindliche Übergriffe hierzulande registriert, quasi als Seismographen wiederentstehender Fremdenfeindlichkeit angesehen. Ich möchte mich im Folgenden nicht auf einen Diskurs über die Qualität und Quantität von Fremdenfeindlichkeit in Deutschland einlassen, sondern diese Verhaltensweisen als gegeben ansehen. Leider. Mir liegt vielmehr daran, einen Weg aufzuzeigen, diesem Übel zu begegnen. Weitab von Parteiverboten, Zivilcourage-Aktionen, Bürgertelefonen und dgl. mehr. Ohne die Wichtigkeit derartiger Aktionen abwerten zu wollen, ist es mir wichtig zu zeigen, welchen Stellenwert die Literatur, die Aufklärung, das Gespräch, die Erziehung als ein möglicher Weg zur Begegnung mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit haben kann. Tahar Ben Jellouns Werk „Papa, was ist ein Fremder?“ ist 1998 in Frankreich entstanden, in Deutschland 1999 erschienen. Der Verlag nennt es „ein kindgerechtes Plädoyer gegen den Hass und für die Achtung vor dem anderen“. Dieser Thematik (kindgerecht, gegen Hass, für die Menschenwürde) möchte ich mich ausnahmsweise einmal „gegliedert“ nähern, weil dieser Bericht wohl etwas länger ausfällt und ich so jedem die Möglichkeit geben möchte, auch im Text springen zu können ... Biographisches Tahar Ben Jelloun ist in Frankreich kein Unbekannter: Ein Dutzend Bücher, Aufsätze und Romane von ihm sind in Frankreich erschienen; für seinen Roman „La nuit sacrée“ (Nacht der Unschuld) erhielt er den „Prix Goncourt“, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs. Sein 1985 erschienener Roman „L’enfant de sable“ (Sohn ihres Vaters) wurde zum Bestseller und ist mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt. Für die Zeitung „Le Monde“ ist er darüber hinaus journalistisch tätig. Jelloun ist Marokkaner, 1944 in Fès geboren. Seit 1971 lebt er mit seiner Frau und den mittlerweile 4 Kindern in Paris. In Rabat studierte er Philosophie, in Paris Psychologie. Inhaltliches „Papa, was ist ein Fremder?“ entstand nach einer Demonstration. Der Autor und seine 10jährige Tochter protestierten am 22.02.1997 gegen das sog. Debré-Gesetz, bzw. einer weiterreichenden Novellierung, der es Ausländern noch schwerer machen sollte, nach Frankreich einzureisen bzw. sich dort aufzuhalten. Mérièm, seine Tochter, fragte ihn damals, warum sie denn protestierten, was die Parolen bedeuteten usw. Jelloun nahm dies zum Anlass, sich mit seiner Tochter über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu unterhalten um diese Gespräche danach zu verschriftlichen. Das Ergebnis dieser Unterhaltungen ist das vorliegende Buch. „Papa, was ist Rassismus? - Rassismus ist ein ziemlich weit verbreitetes Verhalten, das es in jedem Land gibt ... Dieses (...) Verhalten besteht darin, anderen Menschen zu misstrauen, sie zu verachten und ungerecht zu behandeln (...). - Ist Rassismus denn normal? - Nein, Nur weil ein Verhalten weit verbreitet ist, ist es noch lange nicht normal oder richtig“ So ist der Beginn des Buches. In dieser Dialogform entwickelt Jelloun seine Themengebiete. Vorurteile, Angst, Sündenbock, soziokulturelle Unterschiede, Ghetto, Genozid – seine Tochter löchert ihn mit Fragen, die er versucht kindgerecht und fassbar zu beantworten. Fremdenhass resultiere aus drei Gründen: Angst, Unwissenheit und Dummheit (S. 58). Und immer dann, wenn man einen Sündenbock braucht (ebd.). Natürlich will Mérièm auch gleich noch wissen, was ein Sündenbock sei. So erfährt der Leser quasi nebenher auch noch alttestamentarische Einblicke (3.Buch Mose). Ein Bock wurde damals symbolisch mit allen möglichen Sünden „behaftet“ und in die Wüste getrieben ... Wie nun dem Übel begegnen? Jelloun setzt seinen Akzent klar auf die Erziehung: Schon auf Seite 11 entgegnet er auf Mérièms Frage, ob jeder denn ein Rassist werden könne mit der Feststellung, dass dies einzig von der Erziehung abhängig sei. Diese Sichtweise führt er immer wieder an. Ob das zu simpel ist, werde ich weiter unten versuchen zu erörtern. Auch über das Heimatland des Autors erfährt man einiges: „- Und in Marokko, gibt es da auch Juden? - In Marokko haben Juden und Moslems fast elf Jahrhunderte lang friedlich zusammengelebt. (...) Man misstraute sich, aber achtete einander doch (...) Als Deutschland 1940 Frankreich besetzte, weigerte sich der marokkanische König (...), die Juden an Marschall Pétain auszuliefern. Marokko ist das arabische und islamische Land, das die meisten jüdischen Einwohner hat.“ (S. 71f.) Muss man einer Zehnjährigen den Begriff Antisemitismus erklären? Ja, Jelloun tut es. Was ist „Xenophobie“? Jelloun erklärt es. Was ist eine ethnische Gruppe? Ja, wie erklär ich’s meinem Kind? Der Autor versucht es. Es ist nahezu unglaublich, welche Themenvielfalt, welch schwierigen Begriffe in diesem Werk angesprochen und erklärt werden. Wie schafft Jelloun das eigentlich? Sprache/Stil/Anmerkungen Die Antworten auf die Fragen seiner Tochter sind einfach, aber nicht simplifizierend. Jelloun schafft es, den Rassismus für Mérièm „begreifbar“ zu machen. Dies ist nicht nur seiner Sprache geschuldet sondern auch dem Aufbau des Buches: Jelloun wählte die Dialogform. Aber eine besondere: Einen „echten“ Dialog. Er hat einen wirklichen Gegenüber, er schreibt keine fiktiven Dialoge. Zwei Menschen sprechen wirklich miteinander. Seine Tochter fragt, hakt nach, will etwas wissen und verstehen und er muss antworten, sich verständlich ausdrücken. Kommt seine Tochter auf einige antworten nicht klar, löchert sie ihn weiter, oder stellt einfach nur trocken fest: „Papa, Du drehst Dich im Kreis“. Es ist eine spannende Mischung: zumeist abstrakte Probleme müssen auf die körperliche Wirklichkeit eines Kindes transformiert werden. Ganz klar liegt hier die Stärke des Buches. Ein didaktisches Buch mit dem Ziel, die Probleme durch Erziehung zu lösen. Das passt! Was mich ein wenig verwundert und zum Nachdenken geführt hat, ist die Übersetzung des Buchtitels ins Deutsche. Im Original „Le rasisme expliqué à ma fille“, im Deutschen kein Wort von Rassismus. Diese Umdefinition des Rassismus zur Fremdenfeindlichkeit muss doch Ursachen haben. Kann es sein, dass für uns Deutsche Rassismus nur im Nationalsozialismus oder im Ausland verortet ist? Das wir in der Gegenwart maximal von Ausländer – oder Fremdenfeindlichkeit“ sprechen? Hm, dann wären wir das Problem des Rassismus nämlich schon schön los. Denn wenn Ausländer bzw. Fremde das Kernproblem sind, ja, wenn sie das Problem quasi verursachen, dann müssten sie auch für die Problemlösung verantwortlich sein .... .... Abschließend etwas zur Wirkung des Buches. Das Buch ist weder ein Kinderbuch noch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Rassismus“. Es ist, bzw. sollte vielmehr eine gemeinsame (!!!) Lektüre von Erwachsenen und Kindern sein. In Frankreich bspw. gehört Jellouns Buch mittlerweile zur Pflichtlektüre. Ja, das würde ich mir auch für unsere Schulen wünsche. Ob Kinder dann immer noch sagen, dass sie zum „Fidschi“ gehen, obwohl sie einen Vietnamesen meinen? Kann das Erziehung leisten? Wir müssen es einfach hoffen ...
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