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23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Leben und Verhalten von Menschen in einer Ausnahmesituation, 19. April 2001
Von Ein Kunde
In Oran, einer Stadt an der algerischen Küste, die jeder anderen mitteleuropäischen Stadt entspricht, bricht die Pest aus und über die gesamte Stadt wird Quarantäne verhängt. Jedem Bewohner, der sich zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Stadtmauern befindet, wird dadurch für die folgenden Monate die Möglichkeit genommen, diese zu verlassen und zu fliehen. Albert Camus schildert in seinem Roman „Die Pest" die verschiedenen Verhaltensweisen der Menschen in einer Ausnahmesituation wie dieser. Die Hauptperson etwa, Dr. Rieux, stürzt sich in die Arbeit und versucht mit allen in seinen Möglichkeiten stehenden Mitteln die Pest einzudämmen und den Betroffenen zu helfen. Bei dieser Arbeit begegnen ihm die verschiedensten Charaktere, wie ein in der Zeit vor der Quarantäne verzweifelter Mann , der nach einigen zwielichtigen Unternehmungen die Justiz fürchtet und einen Selbstmordversuch unternimmt. In der Pestzeit jedoch lebt dieser Mann auf und entwickelt auch neue Lebensfreude, da die Polizei aufgehört hat, sich um „kleine" Verbrecher wie ihn zu kümmern. Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Reaktionen auf ein und das selbe Ereignis ist auch Rambert, ein Journalist, der nur zufällig in Oran weilt, als die Stadttore geschlossen werden und der mit allen Mitteln versucht, zu entfliehen, da er sich von der Pest nicht betroffen fühlt. Er fühlt sich in keinster Weise mit den eingeschlossenen Menschen verbunden, da er nicht dort lebt und nur zufällig davon mithineingezogen wird. Darum sieht er nicht ein, dass auch er die Stadt nicht verlassen darf. Was seine Situation noch verschärft ist die Tatsache, dass er, noch frisch verliebt, von seiner Freundin getrennt ist und fürchtet, dass durch seine erzwungene Isolierung die Beziehung zerbricht. Eine wichtige Person, die das Leben in Oran in dieser Extremsituation entscheidend prägt, ist der Priester Paneloux, der zu Beginn der Pest noch die Überzeugung hat, dass die Pest eine Geisel Gottes und eine Art Kollektivstrafe für die Bürger Orans ist, da sie sich nicht an die Gebote Gottes hielten. Erst im Laufe der Zeit, nachdem er ein Kind beim Sterben beobachten mußte, beginnt auch er seine Meinung etwas zu ändern und glaubt nicht mehr sosehr an die Kollektivstrafe, vertritt aber immer noch die Meinung, dass man die Pest als von Gott geschickt einfach akzeptieren muß, denn wenn man an Gott glaubt, muß man bedingungslos an ihn glauben und sein Handeln annehmen, selbst wenn dies bedeutet, dass man den Tod eines unschuldigen Kindes akzeptieren muß. Das Leben in Oran wird, wie bereits beschrieben, vollkommen aus der gewohnten Bahn geworfen, Liebende, Eltern und Kinder werden durch die Quarantäne voneinander getrennt und der stets allgegenwärtige Tod läßt die Menschen nicht mehr ihr „normales" Leben verfolgen. So wechseln sich innerhalb der Bevölkerung Phasen der Resignation mit Phasen des überschäumenden Lebensdranges ab, in der sie versuchen in den verschiedensten Vergnügungen ihre Angst und Verzweiflung zu vergessen. Erst nach mehreren Monaten beginnt die Pest wieder abzuklingen und die Menschen, obwohl jeder Familienmitglieder und Freunde verloren hat, nehmen wieder ihr altgewohntes Leben auf. Doch es gibt auch einige Bürger, unter ihnen Rieux, denen dies nicht mehr möglich ist, da sie erkannten, wie vergänglich das meiste von dem, das wir täglich anstreben, wie Geld, Macht oder auch Liebe, ist, denn in einer Ausnahmesituation wie der Pest, verliert dies alles an Wichtigkeit. In Albert Camus existentialistischen Roman „Die Pest" steht weniger die Handlung im Vordergrund als die Fragen, mit denen sich der Leser konfrontiert sieht; Kann man an einen Gott glauben, der die Pest und das damit verbundene Leid zulässt? Oder auch, wie ein Charakter des Buches es ausdrückt „Kann man ein Heiliger ohne Gott sein, [...]?" Neben den religiösen Fragen mußte ich mich persönlich auch noch einer anderen stellte; Wie würde ich in einer ähnlichen Situation reagieren? Welche Bedeutung haben die Dinge wirklich, die ich so furchtbar wichtig nehme? Genau die Suche nach Antworten spiegelt die Ideen des Existentialismus wider und läßt, mich jedenfalls, vor allem über die Sinnhaftigkeit meines Lebens und meines Verhaltens nachdenken und schreit förmlich danach, auch einiges zu ändern, was jedoch auch viel Mut verlangt. Genau diesen Mut beweisen aber all jene in dem Buch, die Paneloux widersprechen und die Schuld für die Pest nicht bei sich oder bei Gott suchen, sondern die Situation als solche annehmen und versuchen, im Rahmen der Situation „das Beste" zu machen, wie Rieux etwa, der seine Energie nicht darauf verschwendet, mit der Situation zu hadern, sondern den anderen hilft. „Die Pest" ist kein Buch, das man in einem liest und dann weglegt, bei dem es reicht den Inhalt zu kennen, sondern Camus zwingt einen, durch kurze, aber wichtige Dialoge genau hinzusehen und durch extreme Charaktere wie Paneloux sich selbst genauer mit der Thematik zu beschäftigen. Meiner Meinung nach ist dies ein Buch, das man mehr als nur einmal lesen kann, da man immer wieder Neues darin findet und man sicherlich auch, durch wechselnde Lebensumstände, seine Einstellung zu gewissen Dingen ändert.
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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Was taugen Lebensanschauungen in Extremsituationen?, 17. Juni 2005
Das Buch: "Was taugen Lebensanschauungen?" das ist die Frage, die der Existentialismus seit jeher beantworten will. Die Tauglichkeit einer Lebensanschauung kann nur in der Extremsituation erforscht werden, ist das entscheidende Postulat dieser Denkrichtung. Und wie könnte man das besser schildern, als in einer Situation in der jeder Einzelne um sein Leben fürchten muss. Viele Romane und Filme wurden nach Camus' Werk über Pest und Seuchen gemacht, aber keiner kommt an diese Schilderung heran, denn Camus schreibt keinen Thriller (wie z.B. in "Outbreak" dargestellt), sondern er beschreibt Menschen in dieser Grenzerfahrung. Er kümmert sich nicht um die Folgen der Pest oder gar detaillierte Schilderungen des Schreckens, sondern er bemüht sich den einzelnen Menschen und seine Reaktion auf das Erlebte zu zeichnen.Die Handlung als solche ist schnell erzählt. Es geht um die Stadt Oran in Nordafrika wo eines Tages die Ratten sterben und bald darauf die Menschen einen schnellen aber schrecklichen Tod erleiden. Sehr bald ist klar, dass es sich um die Pest handelt und die Stadt wird abgeriegelt. Keiner darf raus und keiner will rein. Wie gehen nun die einzelnen Menschen mit dieser Situation um? Eine wunderbar einfühlsame und mitreißende Charakterstudie kann beginnen. Sprachlich ist Camus' Werk natürlich herausragend, den Nobelpreis hat er nicht bloß für seine Themen bekommen. Stilistisch hätte er das Thema des Buches eigentlich nicht besser umsetzen können. Die Erzählung als solches ist vergleichsweise unspektakulär strukturiert und stellt im Großen und Ganzen eine geradlinige Zeitlinie dar. Die Figuren sind sehr interessant und glaubwürdig gezeichnet - und ihre Darstellung ist es auch, die dem Werk seinen speziellen Charakter gibt. Das Aufeinanderprallen des hilflosen christlichen Paters und des ebenso hilflosen agnostischen Arztes kulminiert in der Aussage, dass es besser für Gott wäre, er würde nicht existieren. Denn dann würden sich die Menschen darum kümmern anderen zu helfen, statt ihre Zeit in der Kirche zu vergeuden. Aber Camus zieht auch entscheidenden Schluss aus dem Atheismus: Wenn der Tod das absolute Ende darstellt, dann stellt der Kampf gegen diese Geißel den Sinn des Lebens dar. Eine Aufgabe an der man nur scheitern kann, an der man aber dennoch nicht verzweifeln muss. Das Hörbuch: Das Hörbuch ist perfekt gestaltet. Die Lesung von Ulrich Matthes könnte besser nicht vorgetragen werden, und dennoch bleibt ein Wermutstropfen. Diesen Roman muss man auch selbst lesen, denn zu oft schweifen die Gedanken ab. Liest man selbst, so hebt man die Augen vom Buch ab und folgt den Gedanken. Hört man Ulrich Matthes zu so stoppt man die CD eben nicht so ohne weiteres. Das ist allerdings keine Schwäche der Produktion, die wirklich hervorragend ist, sondern eine Schwäche des Mediums. Fazit: Die Pest ist ein philosophisch hochinteressantes Werk, es untersucht Lebensanschauungen und kulminiert in der Aussage, dass der Sinn des Lebens nur sein kann, gegen den Tod zu kämpfen - dies allerdings sei ein aussichtsloser Kampf. Und dennoch verzweifelt Camus daran nicht. Das Buch ist hochgradig lesenswert und daher eine uneingeschränkte Empfehlung. Das Hörbuch ist herausragend produziert, kann aber dennoch das Lesen des Buches nicht ersetzen. Dennoch hat es eine Existenzberechtigung, denn "Die Pest" liest man öfters als einmal und dann ist dieses Hörbuch eine wunderbare Alternative.
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden" (247)., 7. Juli 2008
Zuerst sind es nur die Ratten, die zu Hunderten auf offener Straße verrecken. Schon bald jedoch geht es den Menschen nicht anders. Jämmerlich und qualvoll sterben sie in ihren Wohnungen, was, soweit man dem Erzähler folgen möchte, auch schon den einzigen Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmacht: "Die Ratten sterben eben auf der Straße und die Menschen in ihrem Zimmer" (44).
In den vierziger Jahren wird die in Algerien gelegene Stadt Oran von der Pest heimgesucht. Um ein Ausbreiten der Seuche zu verhindern, lässt die Stadtverwaltung die Stadt hermetisch abriegeln; keiner darf mehr rein oder raus. Tausende von Menschen befinden sich nun über Monate hinweg in einer Extremsituation und müssen um das fürchten, was sonst als gegeben hingenommen wird: Die eigene nackte Existenz. Wie verhalten sich Menschen in solch einer Extremsituation? Diese Frage bildet den Kern von Albert Camus Roman "Die Pest", welcher erstmals 1947 erschienen ist. Im Zentrum der Geschichte stehen der Arzt Bernard Rieux sowie der Einzelgänger Jean Tarrou. Von Berufs wegen hat Rieux mit vielen Pestopfern engen Kontakt und wird mit den unterschiedlichsten Verhaltensweisen konfrontiert ebenso wie Tarrou, der ihm zur Seite steht. Der Mensch, nur auf sich selbst zurückgeworfen, erkennt, daß das, was er meinte, das ihn ausmachen würde, doch nur ein Konstrukt, eine Illusion war: "Ehemänner und Liebhaber, die das größte Vertauen in ihre Gefährten hatten, entdeckten, daß sie eifersüchtig waren. Männer, die sich in ihrer Liebe für leichtfertig hielten, wurden beständig. Söhne, die bei ihrer Mutter gelebt und sie kaum angesehen hatten, lasen den Grund für ihre ganze Besorgnis und Reue aus einer Falte ihres Gesichts ab, die sie in ihrer Erinnerung verfolgte" (81).
In vielen von Camus Schriften und Romanen wird das Theodizeeproblem, also die Frage, wie ein gütiger und allmächtiger Gott Leid zulassen kann, angesprochen. "Die Pest" bildet da keine Ausnahme. Und der Erzähler bezieht bezüglicher dieser Frage klar Stellung. Im Angesicht eines sterbenden Kindes, welches stundenlang vor den Augen der eigenen Eltern und der machtlosen Ärzte verreckt, schließt er:
"Und natürlich hatte der Schmerz, den diese Unschuldigen erdulden mußten, nie aufgehört, ihnen als das zu erscheinen, was er in der Tat war, nämlich ein Skandal" (242). Es ist Bernard Rieux, der das Credo des Menschen in der Revolte auf den Punkt bringt: "Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden" (247).
Camus ist nach Jean-Paul Sartre der einflussreichste Vertreter des Existentialismus. Camus prägte vor allem den Begriff der Absurdität der menschlichen Existenz. Damit umschreibt er das Missverhältnis zwischen dem menschlichen Verlangen nach Transzendenz sowie dem dröhnenden Schweigen des Universums auf dieses Verlangen. Und diese Absurdität wird auch im Roman verdeutlicht. Manche Menschen sterben, manche überleben und hinter diesem Fakttum verbirgt sich nichts anderes als die pure Gleichgültigkeit eines sinnentleerten Universums: "Aber was heißt das schon, die Pest? Es ist das Leben, sonst nichts" (348).
Fazit: "Die Pest" fasziniert ihre Leser seit mittlerweile mehr als 60 Jahren. Wie kaum jemand anderem gelang es den Existentialisten, ihre Philosophie packend und verständlich zu fiktionalisieren. Der Roman ist ein Muss für jeden, der an der abendländischen Philosophie des vergangenen Jahrhunderts interessiert ist.
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