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28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wunderbare Romansprache, naturalistisch angehaucht., 13. September 2000
Von Ein Kunde
Heute wär ich mir lieber nicht begenet von Herta Mueller istnach den NIEDERUNGEN eine wunderbare Romansprache. Direkt, sehrbildhaft, wuchtig, ist seit den Niederungen der Sound in den Romanen der Autorin. Die Figuren leben mit und in dieser Romansprache. Die Haerte, der schrille Sound sind die Kinder ihrer Zeit. Es ist die Temeswar Zeit der Autorin, die Zeit der toten Oeffentlichkeit in einer osteuropaeischen Stadt vor 1989. Der Roman ist ein Ausbruch aus dieser Sprachlosigkeit. Die persoenlichen Erlebnisse der Figuren liegen nahe bei den Erlebnissen der Autorin. Sie hat ihren Weg geschrieben, eine Literaturmoderne in diese alte kakanische Stadt gebracht. Mit ihr endet wahrscheinlich die "deutsche" Literaturmoderne in Temeswar 1987. Was kommt in dieser Stadt in dieser einen "Stadtbewohner-Sprache" nach 1989? Mir bedeutet dieser Sound in der Romansprache von Herta Mueller sehr viel.Es ist etwas anderes 1968-1989 oestlich von "Prag-1968" bei Herta Mueller zu lesen als es bei Westautoren (nach 1968/1989) zu lesen ist. Ich freue mich auf jedes neue Buch der Autorin. Ihre Direktheit ueberrascht mich.
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7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mit zerzauster Angst oder Das hier kann nicht immer mein Leben sein, 22. Oktober 2009
"Ich hatte mir abgewöhnt, vor dem Schlafen zu fragen, wie man den Kopf halten soll, damit er die Tage erträgt, weil ich es nicht wusste. Dass man das Schlafen verlernen kann, wenn man sich diese Frage stellt, war mir bekannt. Die erste Woche nach den Zetteln, als ich drei Tage hintereinander bestellt wurde, ging mir nachts kein Auge zu. Die Nerven, die wurden Glitzerdraht. Keine Schwere mehr, die das Fleisch zu wiegen hätte, nur gestreckte Haut, und Luft in den Knochen. Ich musste in der Stadt auf der Hut sein, mir nicht zu entwischen wie im Winter der Atem, oder mich beim Gähnen nicht selber zu schlucken. Ich konnte den Mund nicht so weit öffnen, wie ich innen fror. Ich fing an, mich von etwas Leichterem als mir getragen zu fühlen und Gefallen daran zu finden, je mehr ich innerlich taub war. Andererseits hatte ich Angst, dass die Gespensterei noch schöner wird, und dass ich keinen Finger rühren werde gegen sie und für die Umkehr."
So kunstvoll und lyrisch vermag die gerade frisch gekührte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu schreiben. In dem Buch, welches bereits 1999 erschien, zeigt die Autorin in Erinnerungsfragmenten und Episodenreihen, wie das Handeln, Denken und Empfinden der jungen Erzählerin vollkommen von den Ereignissen der "Bestellung" beherrscht wird. Die Angst beherrscht ihren Tagesablauf und in der Nacht findet sie keine Erholung. In regelmäßig stattfindenden Verhören bei der berühmt-berüchtigten Securitate wird ihr Demütigung beigebracht: "Demütigung, wie soll man es anders sagen, wenn sich am ganzen Körper barfuß fühlt. Nur was dann, wenn sich mit dem Wort nicht viel sagen lässt, wenn das beste Wort schlecht ist."
Was ist vorgefallen?
Die Protagonistin arbeitet in einer Bekleidungsfabrik. Als eines Tages die Lieferung von Herrenanzügen nach Italien vorbereitet wird, begeht sie einen "sozialistischen" Fauxpas: "Ich hatte mir vorgenommen, in den Westen zu heiraten und steckte in zehn Gesäßtaschen je einen kleinen Zettel: Ti aspetto, mein Name und meine Adresse. Der erstbeste Italiener, der sich meldet, sollte es sein. (...) Statt einen Italiener bekam ich den Major. Meine Dummheit schrie mich von innen an, Selbstvorwürfe wie Ohrfeigen, ich war ausgestopft mit Stroh." Major Albu heißt ihr seelischer Peiniger, der sie psychisch besetzt hält: "Durch dein Verhalten werden alle Frauen unseres Landes im Ausland zu Huren gemacht. Was nehme ich dem Land, wenn ich in ein anderes gehe, fragte ich. (...) Wer seine Heimat nicht liebt, der begreift das nicht. Und wer nicht denken kann, muss fühlen."
Müllers Protagonistin fühlt Höhen und Tiefen. Auf ihrer über einstündigen Straßenbahnfahrt vom äußersten Randbezirk der Stadt ins Zentrum, ins Büro des Geheimdienstes, denkt sie nach. Diese Fahrt stellt zugleich die Rahmenhandlung des Romans dar. Sie fungiert als Reise in die Vergangenheit, ins eigene Ich. Neben den gegenwärtigen scharfsichtigen Beobachtungen der Menschen um sie herum werden zwei weitere Stränge aufgerollt. Zum einen die trostlose Biografie der Erzählerin und zum anderen die Darstellung der gesellschaftlichen Zustände unter der Diktatur Ceausescus in einem autoritären Staatssystem.
Alles verwebt Herta Müller zu einem deprimierenden, poetisch-surrealen, mit Lakonie durchzogenen Patchworkteppich, der sich unweigerlich über dem Leser ausbreitet und sein Emotionszentrum umwickelt. Die Autorin imaginiert Bilder tiefer Verstörung in einer unglaublich beklemmenden Dichte, die schockieren, aber gleichzeitig auch verzaubern. Denn trotz des dunklen Bewusstseinsstroms setzt sie winzige, matte, aber wirkungsvolle Glanzlichter - Augenblicke des kleinen, armen, immer gefährdeten Glücks ihrer Protagonistin. So zum Beispiel deren traurige Liebe zu dem Alkoholiker Paul.
Aber die Ich-Erzählerin kann der psychischen Gewalt nicht entkommen. "Das Misslingen des Glücks läuft fehlerfrei und hat uns gebeugt. Glück ist eine Zumutung geworden, und mein verkehrtes ein Hinterhalt." Der Roman endet, als die Erzählerin die Straßenbahn verlässt. In ihrem Handgepäck befindet sich zum ersten Mal Handtuch, Zahnpasta und Zahnbürste. Hat sie eine Vorahnung? Vielleicht dieses Mal nicht von Major Albu entlassen zu werden? Steuert Herta Müller ihre Heldin unerbittlich in die Ausweglosigkeit?
Fazit:
"Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" ist ein schockierendes, ein nachhaltiges Buch, das für die Grausamkeit schöne Worte findet.
"Seit den Zetteln für Italien hab ich keinem Menschen mehr geschrieben. Nur hie und da einem was erzählt, reden muss man, schreiben nicht." Herta Müller hat es trotzdem getan. Zum Glück!
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Metastasierung der Wirklichkeit, 9. Oktober 2009
Herta Müllers Roman "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet" handelt, nicht anders als ihre vorherigen (Herztier, Der Fuchs war damals schon der Jäger), vom Leben unter der Ceausescu-Diktatur. Eine junge Frau, die in einer Textilienfabrik arbeitet, ist der Securitate negativ aufgefallen, und muß nun regelmäßig zu Verhören gehen. Als Rahmenhandlung fungiert eine Fahrt mit der Straßenbahn zu einem dieser Verhöre, eine schier endlose Fahrt, weil sie von Rückblenden und Reflexionen immer wieder unterbrochen wird. Erinnerungen an die Kindheit in der Provinz schalten sich ein, an ihre beste Freundin, die beim Fluchtversuch an der Grenze erschossen wurde, an die bisherige Zeit mit ihrem Lebensgefährten, aber auch an die letzten Vernehmungen durch einen Geheimdienstoffizier, zu dem sie ein eigentümliches Verhältnis entwickelt. Die Richtung des Geschehens ist schwer durchschaubar, vielleicht wie die banale und zugleich monströse Wirklichkeit im kommunistischen Rumänien selbst. Man wartet vergeblich auf eine Entwicklung, auf eine übergreifende Geschichte mit Pointe. Die Sprache ist von protokollarischer Einfachheit und verzeichnet die natürlicherweise verwirrenden Gedankenassoziationen der Protagonistin aus deren eigener Sicht. Beobachtungen aus dem Alltag (ob nun die Straßenbahnfahrt oder ältere Erlebnisse betreffend) verstärken diese Tendenz zur Banalisierung. Nirgends findet sich eine direkte Anklage des Totalitarismus. Und doch ist es gerade dieser ständige Versuch, alles mit einem Schleier der Normalität zu überziehen, der vermuten läßt, wie furchtbar dieses Leben und wie groß das Leiden und der Schrecken sein müssen. Der Roman beginnt etwa mit einer Feststellung, wie sie kaum noch beunruhigender sein kann: Ich bin bestellt. Donnerstag Punkt zehn. Ich werde immer öfter bestellt: Dienstag Punkt zehn, Samstag Punkt zehn, Mittwoch oder Montag. Doch sogleich wird zu beschwichtigen versucht, in dem die Dinge dem Ablauf der Natur eingegliedert werden: Als wären Jahre eine Woche, mich wundert schon, daß es dabei nach dem späten Sommer bald wieder Winter ist. Könnte man nicht die Häufigkeit dieser Beschwichtigungen als ein Maß dessen ansehen, was da beschwichtigt werden soll?
Auf sprachlicher Ebene wird die Tendenz zur Banalisierung mit ihrer eigentümlichen Dialektik, durch eine Technik realisiert, die etwa die von Haupt-Cucuiu (s. ihre Arbeit über H.M., Paderborn 1996) signalisierten formalen Elemente enthält: Metonymie (Details des Alltags stehen im Vordergrund und repräsentieren eine tiefere, gerade so okkultierte Sinnschicht), einfache Syntax, Brüche mit der semantischen Kongruenz und idiomatischer, zum Teil stark dem Rumänischen nachempfundener Duktus. Es ist diese Technik, mit der Herta Müller in ihrer Literatur letztendlich das Programm verfolgt, das dunkle Gedärm unter der Oberfläche bloßzulegen (wie sie es selbst in ihren Paderborner Poetikvorlesungen 1989/90 formuliert hat). Daher ist die Banalisierung auch ambivalent. Zwar strebt sie auf Normalität zu, dies aber mit Mitteln, die über das Ziel hinausschießen und selbst den Charakter des Grauens und Elends annehmen. Diese Ambivalenz wird durch das im Roman immer wiederkehrende Motiv des Ekligen, Abstoßenden, Rotzigen am besten belegt, ein Motiv, das im Grunde in Müllers gesamtem Werk präsent ist. Man kann die eine furchtbare Gefahr herabmindern, indem man sie auf ihre trivialen, elenden Aspekte reduziert, aber wenn dies die gesamte Wirklichkeit betrifft, so wird man das kaum noch Normalisierung der Verhältnisse nennen. Dies ist es eben, was Interpreten schon als Metastasierung der Wirklichkeit bei H.M. bezeichnet haben.
Man kann also zweierlei Momente kontrastieren: zum einen wird das Ankämpfen der Protagonistin gegen die Bedrohung anhand der Wiedergabe der Sprache der Selbstbeschwichtigung aufgezeigt, zum anderen aber ist diese Sprache selbst ein Sensorium dafür, daß diese Beschwichtigung nicht gelingt. Die Autosuggestion erweist sich als sehr fragil und die Katastrophe als omnipräsent.
Nirgends wird dies deutlicher als an jener ergreifenden Stelle, an der die Protagonistin sich den gescheiterten Fluchtversuch ihrer Freundin ins Gedächtnis ruft. Lili wurde von einem Grenzsoldaten erschossen, aber noch bevor die Patrouille bei ihr sein konnte, fielen die Hunde über sie her: Fünf Hunde liefen, das Gras stand ihnen bis zum Hals, ihre Beine flogen darüber. Und weit hinter ihnen rannte eine Schar abgehetzter Soldaten. Bis sie bei Lili ankamen, war nicht nur ihr Kleid in Fetzen gerissen. Die Hunde räumten Lilis Körper aus. Unter ihren Schnauzen lag Lili so rot wie ein ganzes Beet Klatschmohn ... Das erzählte mir Lilis Stiefvater. Wie ein ganzes Beet Klatschmohn, sagte er, ich dachte in dem Moment an Kirschen.
Herta Müller hat einmal mehr einen Roman geschrieben, der das Grauen in einem totalitaristischen Land auf die nur ihr spezifische Weise zur Darstellung bringt. Und doch könnte man sich fragen, ob denn nicht ihre Literatur auch jenseits regionaler und historischer Konfigurationen Bedeutsamkeit erlangt. Zeigt sie denn nicht überhaupt auch das alltägliche Elend menschlichen Lebens, ob nun bei den Banater Schwaben, im Kommunismus oder sonstwo? Die Welt des Untergangs ist nicht vorbei, höchstens in ihrer schrecklichsten historischen Form (Totalitarismus) in bestimmten Ländern schon erfahren. Dies nicht zu erkennen, hieße womöglich, sich selbst zu einer substantiell besseren Welt zu zählen, womit gerade jene Position erreicht wäre, die Müller offensichtlich bekämpft: die Erstarrung im eigenen Mief, im Süffig-Bequemen.
Rechts neben der Kirchtür hing Jesus, auf Mundhöhe, damit ihm die Großen beim Kommen und Gehen die Füße küssen. Die Kinder wurden an den Hüften hochgehoben. Solange es nötig war, hoben meine Mama oder der Opa mich hoch, mein Tata nie. Jesus hatte keine Zehen mehr, alle waren weggeküßt. Als Kind hat Tata mir gesagt: Diese Küsse bleiben. Wenn man stirbt und vor dem letzten Gericht steht, leuchten sie um den Mund. Man wird erkannt und kommt ins Paradies. In welcher Farbe leuchten sie, fragte ich. Gelb. Und die Küsse, die wir uns geben. Die leuchten nicht, weil sie nicht bleiben.
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