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5.0 von 5 Sternen
Die Welt ist ein Irrenhaus, 7. November 2002
Warum werden Menschen "irre"? Die Frage beantwortet die moderne Psychologie, Psychiatrie mit dem Verweis auf die Person selbst: "endogene Depression" ist eines der Lieblingswörter dieser Wissenschaften - also ein "Irrewerden" ohne feststellbaren Anlass. Die Ursache liegt demnach angeblich bei der Person selbst (entweder in ihren Genen oder ihrem Verhalten).Kipphardt, der selber als Psychiatzer an der Berliner Charite tätig war, bevor er Dramatiker wurde, gibt eine anderere Antwort: Menschen werden irre an einer Konkurrenz-Gesellschaft, in der der einzelne nichts ist, der Profit aber alles. Wer dem nicht standhält, landet entweder arm in der Gosse, wird drogenabhängig, begeht Selbstmord oder findet sich in der Psychiatrie wieder. Nicht die Verrückten sind verrückt, sondern die Welt, in der wir leben. Kipphardt erzählt die Geschichte des schiziphrenen Dichters März und seine Leidensgeschichte. Das Aufwachsen in einer autoritären Familie, das Leiden unter stupider Arbeitshetze in der Fabrik und das Scheitern an gesellschaftlichen Verhältnissen, in der die Mase der Menschen nur kleine Rädchen in der Profit-Maschinierie der Unternehmer sind. Aber März ist nicht ganz wehrlos: in seinen Gedichten zeichnet er den Zustand einer Welt auf, die ihn in die Psychiatrie gebracht hat. Sein "Nicht-Normal-Sein" ist Ausdruck einer inneren Rebellion gegen diese Welt. Kipphardt erzählt März Geschichte aber nicht einfach herunter. Seine Technik, Tagebuchaufzeichnungen des behandelnden Psychiaters, Gedichte, Gespräche zu montieren - den Erzählstrang zu brechen - ist die einzige Möglichkeit, einem menschen auf die Spur zu kommen, dessen Persönlichkeit gebrochen wurde. Und anders kann auch eine Gesellschaft voller Brüche und Widersprüche nicht dargestellt werden, die vielen Menschen als Chaos erscheint. Ein Chaos, das über sie wie eine unerklärliche Naturgewalt hereinbricht, der sie hilflos ausgeliefert sind. Kipphardt Buch ist erschütternd und ich mußte es häufig beiseite legen, weil ich das Weiterlesen nicht ertragen konnte. Aber es hat mich darin bestärkt, eine solche ungerechte Welt nicht zu dulden.
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