Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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106 von 115 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Musils Mikrokosmos, 21. März 2005
Obwohl dieses Werk über 1000 Seiten umfasst, kann man die eigentliche Handlung doch schnell erläutern. Wien 1913. Die Hauptfigur Ulrich, eigentlich Mathematiker dem das Mögliche mehr bedeutet als das jeweils Wirkliche, weiss nicht wie es in seinem Leben weitergehen soll und macht somit erstmal "Urlaub vom Leben" um sich selbst zu finden. Er wird Sekretär eines Komitees, das die sogenannte "Parallelaktion" plant. Dabei handelt es sich um eine Aktion die zu Ehren des 70jährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Josef I starten soll. Parallelaktion deswegen, weil in Berlin gleichzeitig eine Aktion zum 30jährigen Jubiläum von Kaiser Wilhelm geplant wird. Und eben bei diesen Planungen in Wien treffen die unterschiedlichsten Zeitgenossen aufeinander. Und genau dadurch kann Robert Musil den Leser in eine eigene Welt entführen. In der fiktiven Donaumonarchie Kakanien treten die verschiedensten Figuren aus Politik, Wirtschaft, Kunst uvm, auf, die alle etwas denken, etwas zu sagen haben. Man lernt eine ganze Reihe von Ideologen und Fanatikern kennen, Nietzsche-Anhänger, Sexualmörder und und und... Der eigentliche rote Faden des Buches wird immer wieder unterbrochen von Gesprächen, Debatten, Eröterungen, Kommentaren, essayistische Betrachtungen. Robert Musil hat ganz klar ein Meisterwerk geschaffen, er zeigt hier ein philosophisches, politisches, zeitgeschichtliches Panorama über den "Verfall" einer intellektuellen, großbürgerlichen Gesellschaft (geprägt durch Aufklärung und Rationalität) zur zweckorientierten Massengesellschaft.Dieses Buch ist defintiv 5 Sterne wert, aber man muss auch bedenken, dass die Medaille zwei Seiten hat. Einerseits kann man unendlich viel aus diesem Buch schöpfen, es immer wieder lesen und immer noch mehr Neues erfahren, andererseits muss man aber auch sagen, das es wirklich harter Stoff ist und man somit dieses Buch wirklich lesen wollen muss! Möchte man es nur aufgrund des Namens und der Berühmtheit lesen, legt man es schnell wieder weg, es ist nichts für reine "Hobby-Leser". Musil hat in diese Buch Leidenschaft gesteckt und das muss der geneigte Leser ebenfalls tun! :-)
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56 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das am häufigsten nicht gelesene Buch, 26. April 2007
Das Buch beginnt furios, wie Mendelssohns Violinen Konzert in e - Mol und man wird zunächst in der
Erwartung getäuscht, dass es so nicht lange weitergehen kann. Das Buch hat im Prinzip keine Handlung,
es passiert eigentlich nichts, sondern es werden eine Reihe von Reflexionen angestellt, die vor allem
zeitdiagnostischen Wert haben. Die Reflexionen sind aber eigentlich nur Thesen, die zudem mit Ironie wieder
zurückgenommen werden. Zunächst ist jeder 3. Satz zitierfähig und würdig, so prägnant und apodiktisch ist seine Sentenz. Eines der wichtigsten Ideen des Buches kommt in folgender These zum Ausdruck:
"So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte,
zu denken [Anm. : ebenso gut, wie das, was tatsächlich existiert] und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen
als das, was nicht ist." (S.16)
Was bedeutet es, einen Menschen als "Mann ohne Eigenschaften" zu charakterisieren?
Musil meint hier offenbar, das nicht festgelegt sein, die Offenheit eines Menschen. Wie er in Vergangenheit
war, besagt nichts darüber, wie er in Zukunft sein wird. Der Mensch wird nicht durch eine Wirklichkeit bestimmt, sondern er bestimmt die Wirklichkeit. Die Möglichkeit, die er entdeckt, ist der Grund der
Wirklichkeit. Die Wirklichkeit wird geschaffen auf Grund des Möglichkeitssinns des Menschen.
So hat es den Anschein, dass die Menschen die Wirklichkeit sehr viel eher verändern, die unpraktisch
erscheinen und als Träumer abgetan werden. Sie sind es, welche die scheinbar so stabile und fraglose
"Wirklichkeit" in das Licht der Kontingenz tauchen und damit entwerten ("Krittler"). Natürlich wird dieses Perspektive auch reflexiv angewendet und so erscheint die eigene Person "nur" möglich (zufällig) und besitzt
keine unveränderliche Substanz. Das Denken, Reflektieren ist maßgeblich für die Existenz eines solchen
Menschen, die Körperlichkeit, die Intuition und das Gefühl treten zurück. Das bedeutet nicht, das
Körperlichkeit nicht gelebt wird (Sport, Sex), sondern nur, dass sie praktisch ohne Belang ist, für so etwas
wie "Identität". Diese Interpretation macht den Protagonisten Ulrich zum Helden des Buches, aber so ist es
nicht gemeint. Auch Ulrich wird aus der relativierende Perspektive der Ironie geschildert.
Lediglich spürt man vielleicht etwas Anteilnahme mit einem Menschen, dem es an einer klaren Richtung und
ein eingebettet sein fehlt. Aber diese Anteilnahme erschöpft sich in einer wohlmeinenden schmunzelnden
Begleitung an Ulrichs aussichtslosen Versuch, sich in dieser Welt zu engagieren.
In der Zeitdiagnose wird das Moment der Entzauberung der alten verträumten Welt, durch die Welt der
modernen Technik hervorgehoben. Die Ungleichzeitigkeit von Entwicklungen und die unzeitgemäßen Orientierungen mit denen sich Menschen zu recht zu finden versuchen, sind Anlass für zahlreiche spöttische
und zugleich äußerst geistreiche Betrachtungen und lakonische Kommentare.
Das Buch gilt als das am häufigsten nicht gelesene, d.h. es ist allseits bekannt und präsent, aber kaum
jemand hat das Buch tatsächlich wenigstens in großen Teilen gelesen. Grund dafür dürfte die Form sein,
weniger ein unverständlicher Inhalt oder eine schwer verdauliche Sprache. Es passt inhaltlich gut zum Buch, dass es ein Fragment geblieben ist. Die Unverbindlichkeit der angerissenen Ideen, dass Fehlen einer wenigstens fragmentarisch vorhandenen Erzählstruktur, macht das Lesen des Buches zur Arbeit, einer Arbeit
allerdings, die oft Vergnügen bereiten kann. Um das Buch tatsächlich vollständig Lesen zu können, muss man
sich für einige Wochen ausschließlich dieser Aufgabe widmen, sich einen Notizblock zurecht legen und
ausreichend mit Tee oder Kaffee versorgt haben.
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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schlichtweg brilliant!, 15. März 2005
Hörbücher boomen! Schauspieler, Musiker, Politiker und sogar die Autoren selbst, lesen was das Zeug hält. Der Markt will bedient werden. Da spielt es keine Rolle, ob ein guter Schriftsteller auch ein guter Vorträger seiner eigenen Werke ist oder ein Musiker besser an der Gitarre, als an einem Buch aufgehoben ist. "Der Mann ohne Eigenschaften" ist ein Gewaltwerk an dem sich so manch geneigter Leser (ich auch) schon die Zähne ausgebissen hat. Da wird man doch recht skeptisch, wenn eine Lesung dieses monumentalen Buches veröffentlicht wird. Auf zwei mp3 CDs liest der österreichische Schauspieler Wolfram Berger das erste Buch. Für mich eines der besten Hörbücher der letzten Jahre. Wie man dieses teils sperrige Werk mit seinen komlexen Satzgebilden mit einer solchen Leichtigkeit und Souveränität vortragen kann ist schlichtweg brilliant. Eine außergewöhnliche hervorragende Lesung! Die CDs werden in einem Leinenbüchlein mit Hintergrundinformation geliefert. Sehr schöne Aufmachung zu einem Top-Preis.
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