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52 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der sensible Hans und seine Welt, 22. Juni 2009
Schon wieder ein Buch über New York? Schon wieder eine amerikanisch-europäische Familientragödie? Und das auch noch mit der Cricket-Thematik verwoben? Sonderlich neugierig war ich nicht, als ich das vorliegende Buch begann, aber - um schon einmal ein Voraburteil abzugeben - mit der Lektüre kam die Lust am Lesen.
Worum geht es? Im Mittelpunkt des vorliegenden Romans steht Hans van der Broek, ein verheirateter Mann in den Dreißigern, der bei einer Investmentbank in New York als gut verdienender Ölanalyst beschäftigt ist. Seit den Anschlägen vom 11.9.2001 fühlt sich seine Frau Rachel in New York unwohl, ob aus Terrorangst oder aus ehelichem Überdruss bleibt zunächst zu nur zu vermuten. Dann kommt es, wie es kommen muss: ohne ihrem Mann ein hinreichendes Mitspracherecht einzuräumen, verlässt sie mit ihrem kleinen Sohn Jake New York und kehrt zu ihren Eltern nach London zurück.
Ein fast zwei Meter großer und gut verdienender Mittdreißiger im Big Apple - ist das nicht wunderbar? möchte man nun denken. Doch weit gefehlt. Der sensible Hans leidet unter der Trennung von seiner Familie zum Gotterbarmen, einsam betrachtet er sich das Haus der Schwiegereltern im entfernten London über Google Earth oder flaniert ziellos durch die Straßen der Stadt. Wie es der Autor will, lernt er dabei den Kariboamerikaner Chuck Ramkissoon kennen, das genaue Gegenteil von Hans, dem es als agile, risikobereite und phantasiebegabte Persönlichkeit gelingt, den deprimierten Hans mit Hilfe des Criketspieles zu revitalisieren. Cricket als Therapie? Das klingt gut. Hans wird heimisch im Kreis einfacher Leute, spürt die Wonnen der Gemeinschaft und scheint langsam zur Ruhe zu kommen.
Aber nur, bis er bei einem seiner Europaflüge entdeckt, dass sich seine Noch-Ehefrau Rachel in London in einen stadtbekannten Koch verliebt hat und mitsamt ihrem kleinen Sohn in dessen Loft gezogen ist. Das haut rein. Hans sagt seiner Cricketwelt Adieu und zieht nach London zurück, wo er dann tatsächlich kurz darauf ( als der neue Liebhaber Rachel den Laufpass gibt ) auf eine demütigende Weise wieder zum Zuge kommt. Die Ehekrise ist überstanden, das wiedervereinigte Paar kauft sich sogar ein neues Haus, und wenn sie nicht gestorben sind, dann zanken sie noch immer.
Mit Chuck Ramkissoon allerdings nimmt es ein böses Ende. Schon vor der Rückkehr Hans van den Broeks nach London hatte er sich als eine Art Halbgangster geoutet, nun findet man ihn ermordet im Hudson. Alle Pläne des agilen Jamaikaners hatten sich in Luft aufgelöst, am Ende ist es so, als hätte es ihn nie gegeben.
Was sich in dieser Zusammenfassung als kompakte Geschichte anhört, wird in dem vorliegenden Buch allerdings sehr verschachtelt und mit zahlreichen Einschüben erzählt. Die Kindheit in Den Haag, Hans van den Broeks Mutter, seine Kollegen in der Investmentbank, seine Cricketspiele und seine Ehekrise, sein Zusammenleben mit zahlreichen schrägen Figuren im sagenhaften Chelsea-Hotel und die Atmosphäre im New York nach dem 11.9.ergeben insgesamt eine dicht und gut erzählte Geschichte samt satt ausgeleuchtetem Bühnenbild.
Nur - was will sie uns sagen? In den teilweise enthusiastischen Rezensionen unserer Feuilletongiganten war immer wieder von der wunderbaren Symbolik die Rede, mit der der Autor das Schicksal Hans van der Broeks mit den Geheimnissen des Cricketspieles parallelisiert. "Was war ein Inning", reflektiert Hans an einer Stelle, "wenn nicht eine einzigartige Gelegenheit die variable Welt mittels Anstrengung, Geschick und Selbstbemeisterung in die Schranken zu weisen?" (S. 218) Das klingt gut. Fungiert also das Cricket in dem vorliegenden Buch als ein Symbol der Weltbewährurng? Dann wäre Hans Rückkehr zu seiner Frau und die Beendigung des Cricketspieles einer Kapitulation vergleichbar. An einer anderen Stelle schwärmt Chuck Ramkissoon vom Cricket als einem Spiel, das die Aggressionen der Völker durch seinen friedlichen Ritualismus besänftigen könnte. (S.260) Muss man das ernst nehmen? Oder spiegeln Werfer und Fänger beim Cricket den Antagonismus von Mann und Frau wieder, wobei amüsanterweise der magische Dritte immer anwesend ist?
Das Buch ist voller solcher Anspielungen, die aber insgesamt auf einer fast banalen Ebene verbleiben - und dass aus einem ganze einfachen Grund. Denn niemand wird auf der Grundlage des vorliegenden Romans die Cricketregeln wirklich verstehen (es ist mir auch unter Zuhilfenahme diverser Lexika nicht gelungen), weswegen auch aus den Regeln dieses Spieles keine vertiefte Einsicht über den Roman erwachsen kann.
Bleibt der Cricketplot also insgesamt uneingelöst, tut das dem Roman erfreulicherweise keinen Abbruch. Denn die Geschichte lebt von ihrer ungemein poetischen Sprache und der imaginativen Einbildungskraft, mit der der Autor seinen sensiblen Protagonisten die Welt und seine Zeit betrachten lässt. Wunderbar, die Reflexionen über die "Müdigkeit" als Symptom der Ehekrise auf Seite S.31. Über die Anti-US-Hysterie der Europäer nach dem Ausbruch des Irakkrieges heißt es "Viele meiner Bekannten hatten die zurückliegenden ein, zwei Jahrzehnte in einem Zustand intellektueller und psychischer Sehnsucht nach einem solchen Augenblick verbracht."(S.126).
Für Hans van den Broek sind diese Ereignisse im Fernhorizont unerheblich. Ihn interessiert nun sein Sohn, "die einzig mögliche Paginierung" seines Lebens (S. 291). Und über die Ehe vertritt er am Ende eine fast fatalistische Meinung. "Heirate unbedingt, denn am Ende wirst Du entweder glücklich sein oder zum Philosophen werden."(S. 229 ). Ein empfehlenswertes Buch - nicht unbedingt, wegen der Cricket-Metaphorik sondern wegen einer Sprachkraft und einer psychologischen Einfühlungskraft, wie man sie selten findet.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Man kann hier getrost von "großer Literatur" sprechen, 15. September 2009
Ein erstaunliches Buch. Es geht vor allem um einen Mann in einer Stadt. Beide - der Mann und die Stadt - sind stark verunsichert, da Ihnen ein großer Teil des Bodens unter den Füßen weggezogen wurde. Die Stadt ist New York vor allem in der Zeit nach dem bedeutungsschweren 09/11. Der Mann ist ein erfolgreicher Analyst, der mit Frau und ungeborenem Kind 1999 beruflich nach New York wechselt und sich ab 2002 alleine dort aufhält, da die Familie - eine Pause braucht, deren Ende offen zu sein scheint.
In der New York Times stand "O'Neill scheint unfähig zu sein, auch nur einen langweiligen Satz zu schreiben." Und das trifft es wunderbar. Zwar passiert in dieser Geschichte nicht wirklich viel, außer dass die Hauptfigur einige skurrile Persönlichkeiten trifft, von denen es in New York so viele gibt, und sich obendrein mit einem charismatischen Mann, der große Ideen verfolgt und unklaren Machenschaften nachgeht, anfreundet. Dieser "Freund" - so beginnt die Geschichte - wird zwei Jahre nachdem die Hauptfigur New York den Rücken gekehrt hat (2006) tot aufgefunden. Und ab da beginnt die Reflexion der Hauptfigur auf "seine" New Yorker Zeit.
Der Schreibstil von O'Neill ist kurz, knapp und sehr prägnant. Dabei wirken seine Geschichten ein bisschen, wie Gedanken. So fliegt er manchmal von einer Geschichte zur nächsten, dann weiter zu einer dritten, um schließlich wieder zur ursprünglichen Situation zurückzukehren. Es kommt einem manchmal so vor, als ob man den Gedanken und Erinnerungsbildern der Hauptperson 1:1 folgt.
Dieses Buch ist niemals langweilig und immer klar. Und mit welcher Treffsicherheit und Akkuratesse O'Neill Stimmungen und Gefühle beschreibt ist sehr beeindruckend.
Wie gesagt - ein erstaunliches Buch. Meines Erachtens kann man hier getrost von "großer Literatur" sprechen.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Weinerlicher Holländer - Verloren im Schmelztiegel, 28. Juni 2009
Erzählt wird die Geschichte von Hans van der Broek, einem Holländer der mit seiner bezaubernden und intelligenten Frau Rachel nach New York zieht und als Analyst für Rohstoffe Teil an den Segnungen der Finanzwelt hat. Dort, wo die eine Million hier, die andere dort angelegt ist, und sich dann noch ein paar hundert tausend auf irgendwelchen Konten herumtummeln; wo berufliche Erfolge mit Unmengen an Schampus in New Yorker Bars gefeiert werden, und wo man sich nach 9/11 in einem Hotelappartement zwecks Überbrückung bis das eigene Loft wieder beziehbar ist, niederlässt. Leider klappt die Beziehung der Mit-Dreißiger nicht so recht, und so sieht sich Hans kurzerhand damit konfrontiert, dass seine Frau nach London übersiedelt, den kleinen - geliebten - Sohn mit im Gepäck.
Um die Einsamkeit zwischen den vierzehntägigen Europabesuchen und der beruflichen Leere zu überwinden, schließt sich Hans einem Cricket-Club an. Dort kann er dem Sport frönen, den er bereits in seiner Jugend spielte. Die Mitglieder des Clubs sind durchwegs Immigranten aus dem südostasiatischem, indischen, karibischen Raum, dunkelhäutig und so begeistert wie unbegabt. Aber genau das scheint die Verbindung zwischen den Mitgliedern zu konstituieren. Eine Herzlichkeit, ein Sorgen für einander mit dem sportlich notwendigen aber nie übertriebenen Ehrgeiz.
Durch den Club lernt Hans auch Chuck Ramkissoon kennen. Aus Trinidad stammend pflegt der fünfzig Jährige gerne zu dozieren, belehren, kann begeistern und ist ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsideen: allen voran die Vision eines großen New Yorker Cricket Centers in die er Hans einweiht und für die er ihn zu gewinnen versucht. So hat es Chuck denn auch zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Nach und nach erkennt Hans aber, dass sich wohl nicht alle Geschäfte Chucks innerhalb der Legalität bewegen. Dennoch bleibt Chuck die faszinierendste Gestalt für Hans - und den Leser - in der an menschlichen Kuriositäten so reichen Stadt. Cricket selber, die Sportart, mit der weder die Amerikaner noch die Mehrzahl der Leser etwas anfangen können, deren Unterschiede zu Baseball nicht wirklich klar werden, nur dass es ursprünglicher, eigentlicher ist, nimmt einen zentralen Raum im Gefühlsleben des Protagonisten Hans sowie im Roman selber ein. Dabei fungiert es - ja als was eigentlich?
Joseph O'Neils versucht New York und das zugehörige Weltgefühl als Außenstehender für Außenstehende zu erklären. Aus der Perspektive jener, die ankommen, versuchen, Fuß zu fassen und wieder gehen oder sich heimatliche Zonen erobern, in denen sie vergessen können wo sie eigentlich sind. In vielen Phasen, mit teilweise komplexen Konstruktionen - Vor- und Rückschauen - meint man tatsächlich, so könnte es sein. Immer wieder schleicht sich aber auch Unbehagen ein: Wirkt das nicht doch ein bisschen zu platt? Sind da nicht zu viele Klischees aneinander gereiht. Bleibt zu vieles an der Oberfläche? Ist das wirklich Tiefgang oder doch nur Pseudotiefgang?
Der Roman kam in den Feuilletons hervorragend weg. Das kann ich entschieden nicht nachvollziehen! Lesenswert? Ja! Aber ein Must? Keinesfalls. Nur phasenweise gelingt es dem Autor wunderbare sprachliche Bilder entstehen zu lassen. Oft genug verheddert er sich im Kitsch, im Trivialen, im Vorhersehbaren. Das (einigermaßen) Happy-End mit Wiedervereinigung der Familie, das Ende von Chuck, der weinerliche Grundzug von Hans, die Freak-Sammlung an New Yorker Immigranten, das Überstrapazieren des Crickets - hier wird wohl zu tief im Werkzeugkasten der Schreiberlinge gekramt, im Versuch von allen guten Ingredienzien eines literarischen Werks nicht zu vergessen und in den 300-seitigen Roman hineinzupfropfen. Weniger wäre da manchmal mehr gewesen.
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