Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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106 von 129 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Auf die Interpretation kommt es an..., 5. März 2009
Nachdem ich viele der über 300 Rezensionen zu diesem Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass das Buch von vielen Lesern offensichtlich falsch verstanden wurde. Natürlich ist es kein spannendes Buch mit einem klar definierten Plot, der in einem Höhepunkt kumuliert, denn das ist meines Erachtens nach auch nicht der Anspruch dieses Werkes. Vielmehr ist Kehlmanns Roman in erster Linie eine satirische, bisweilen karikierende Darstellung des "Deutschseins", und zwar in zeitlich ungebundenen Kategorien eingebettet. Auch wenn die Handlung bereits vor 200 Jahren stattfand, so sind die meisten Stereotypen doch bis heute erhalten. In zweiter Linie ist es wohl eine philosophische Abhandlung über das Altern, das Kehlmann wie kein Zweiter auf sehr subtile, würdevolle, aber auch lustige Art und Weise betrachtet.
Hervorzuheben ist meiner Meinung nach besonders sein Schreibstil. Als Vielleser von Gegenwartslitaratur (nicht nur deutschsprachiger zwar) war Kehlmanns Roman stilistisch gesehen für mich ein besonderer Genuss. Die oftmals kritisierte, immer anwesende indirekte Rede schafft eine ganz besondere und auch nötige Distanz zu der lange zurückliegenden Handlung, was ich (als Geschichtsstudent) ausschließlich positiv bewerten kann. Historische Romane, in denen die direkte Rede überwiegt, können per se nicht authentisch sein, denn wer will genau wissen können, was wirklich gesagt wurde?!
Über kleinere Ungenauigkeiten bei der biographischen Recherche zu Gauß und Humboldt kann man durchaus hinwegsehen, sie tun der Handlung bzw. vielmehr der Aussage des Buches keinen Abbruch. Auch den Titel des Buches empfinde ich im Gegensatz zu vielen anderen Lesern nicht als störend, da es eben genau die Vermessung der Welt ist, die die Leben der beiden Charaktere miteinander verbindet und im Übrigen auch eine sehr "deutsche" Wesensart darstellt. Auch die Doppeldeutigkeit des Wortes "vermessen" ist hier nicht zu vernachlässigen.
Insgesamt gelingt es Kehlmann also sehr gut, ein leicht zu lesendes, zumeist lustiges, inhaltlich interessantes, wenn auch nicht spannendes, Buch zu verfassen, das durch die Einbettung in die Biographien zweier großer deutscher Wissenschaftler einen hervorragenden Rahmen besitzt.
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122 von 155 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Keine Kehlmann- Euphorie ausgebrochen, 14. März 2008
Recht witzig und amüsant geschrieben, begleitet es zwei der exzellentesten Forscher des ausgehenden 18. Jahrhunderts durch ihr völlig verschiedenes Leben: Alexander von Humboldt, der im nördlichen Südamerika forscht, den Orinoko befährt, auf Vulkane klettert, in Höhlen kriecht und die Kopfläuse der Eingeborenen zählt. Der alles mißt und kostet und katalogisiert, was ihm unterkommt. Beinahe sein ganzes Leben auf Reisen verbringt. Und Friedrich Gauß, der geniale Mathematiker, Astronom, zuletzt auch Physiker, der kaum glaubhafte Erkenntnisse en passant gewinnt, ein Eigenbrötler ist, ein Frauenliebhaber, zuletzt im Alter ein Grantscherm wird. Gewiss ist das Buch gut zu lesen, auch informativ, bietet einige Facetten aus Wissenschaft und Politik der Zeit, läßt den Schluß zu, dass Gauß das wirkliche Genie war, Humboldt eher ein verbohrter, penetranter Pedant, beide sozial wenig gebildet, rücksichtslos, eigensinnig, stur. Was fehlt, ist der Rote Faden in dem Buch: es ist eine Geschichte ohne lebendige, sich aufbauende Handlung, ohne Spannung (wenn auch spannend erzählt) aus sich heraus, ohne Anfang und Ende. Der Erzählfluss plätschert locker dahin, doch es fehlt die Quelle und der große Strom, der ins Meer fließt. Die Begleitgeschichten (z.B. von Herrn Bonpland) muss man recherchieren, es geht nicht hervor, was Geschichte ist und was Fiktion. Alles in Allem ein angenehm zu lesendes Werk, bringt etwas Licht in das Leben der beiden Gestalten, aber mit der überschwenglichen Beweihräucherung der Klappentexte (wo, bitte sind die "fabelhaften Dialoge"?) bin ich nicht einverstanden.
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44 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
"Die lustigen Abenteuer von Alexander und Carl Friedrich", 13. Februar 2008
Ich falle ja selten auf einen literarischen Hype herein, aber diesmal ist es mir doch passiert. Überall wurde Kehlmanns Buch gelobt, und wissenschaftliche Themen finde ich eh interessant, also konnte das doch keine falsche Erwerbung sein. War es aber.
Das schlimmste an dem Buch finde ich eigentlich, dass der Autor so gar keinen Versuch macht, in die Tiefe der Personen vorzudringen, ihren Charakter zu verstehen und auszuleuchten. Er scheint eher fassungslos vor den beiden großen Männern zu stehen, die er sich zum Thema genommen hat, und schreibt dann eben mal ein bisschen was über sie. Das könnte eine Doppelbiographie sein, wie sie ja gerade in Mode sind, aber eher ist es eine Parodie auf eine solche. Nichts gegen Parodien, aber literarischen Wert haben sie meist keinen.
Und so ist es leider auch hier. Alles flach, alles Papierfiguren, keine der Personen lebt. Warum soll man das lesen? Warum jedenfalls, wenn man sich vom Lesen mehr erwartet als nur das Vertreiben der Zeit? Persönlich habe ich nach Seite 120 die Hoffnung aufgegeben, dass es noch besser würde, und habe Humboldts Dschungelscherze von da an nur noch überflogen statt gelesen. Gauß habe ich mir etwas länger angetan, weil diese Teile weniger nervten - und weil es auf die Stunde dann auch nicht ankam, denn der Text liest sich ja mühelos weg wie nichts. Kein Wunder.
Im wesentlichen hat man es bei dem Werk mit einer Anekdotensammlung zu tun: lustige Episödchen aus dem Leben eines Mathematikers und eines Naturforschers, ohne irgendeinen Anspruch auf Erkenntnisgewinn. "Guck mal, was der miesepetrige Gauß da wieder witziges gemacht hat, haha. Und Humboldt hat noch nie eine nackte Frau gesehen, nein sowas." Wenn das als Satire in MAD erschienen wäre, könnte man es würdigen, aber mit Literatur hat das ganze nichts zu tun. Mit Mathematik oder Naturforschung auch nicht viel, denn von den Arbeitsgebieten der beiden Personen lässt der Autor nur oberflächliche Begriffe und Bezeichnungen einfließen, die er in irgendeinem Buch gesehen (aber offenbar nicht verstanden) hat. Das ist nur dünne Staffage für Witzeleien im Kuriositätenkabinett. Wissenschaft als Freak-Show.
Man muss dem Text zugute halten, dass er eine prima Vorlage für eine TV-Klamotte abgäbe, so eine Historien-Comedy "Die lustigen Abenteuer von Alexander und Carl Friedrich", genau so liest es sich. Wahrscheinlich hat Kehlmann selbst so lange vor dem Fernseher gesessen, dass er alle schriftstellerischen Ansprüche in sich auf RTL-Niveau heruntergeschraubt hat. Alexander ist im Dschungel-Camp, und Carl Friedrich macht uns den Superstar... Mit den historischen und wissenschaftlichen Details, die durch Name-Dropping noch im Buch vorzufinden sind, kann man dann sogar noch den 8000-Euro-Level bei Herrn Jauch erreichen - insofern ist das Buch ein echtes Kind des TV-Zeitalters. Wahrscheinlich hat jede Generation die Bestseller, die sie verdient.
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