Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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20 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sturz eines Paradigmas, 7. Juni 2004
Gäbe es einen Nobelpreis für Psychologie, würde ich nicht zögern, Judith Rich Harris dafür vorzuschlagen. Sie hat mit diesem Buch meiner Meinung nach eins der mächtigsten Paradigmen erlegt, das seit langer Zeit durch die Kulturen der Neuzeit geistert und Generationen von Eltern das Leben schwer gemacht hat: die Erziehungshypothese. Dieser Hypothese zufolge kommt jeder Mensch als "unbeschriebenes Blatt" zur Welt und wird in der Hauptsache durch den Einfluss der Eltern und deren Kultur zu dem geformt, was ihn später als Erwachsenen ausmacht. In ihrer modernen Prägung, die jeglichen genetischen Einfluss bis zur Bedeutungslosigkeit leugnet, geht die Erziehungshypothese auf Behaviorismus und Psychoanalyse zurück. Harris, die selbst jahrzehntelang Anhängerin der Erziehungshypothese war und viele psychologische Universitätslehrbücher über Erziehung geschrieben hat, gelang es aufgrund ihrer besonderen Situation (sie war wegen Krankheit und ihrer Kinder lange Jahre ans Haus gebunden) sozusagen aus der Vogelperspektive die Resultate von zwei Gebieten miteinander in Einklang zu bringen und damit eine neue Interpretation der vorliegenden Daten zu wagen. Die beiden Gebiete, die sich mit Verhalten und Sozialisation von Kindern befassen sind zum einen die Verhaltensgenetik und zum anderen die Sozialisationsforschung. Die Vertreter beider Gebiete scheren sich relativ wenig um die Resultate der jeweils anderen. Erst eine Synthese beider Richtungen führt zu plausiblen Erklärungen und zu einer neuen Sichtweise auf die Sozialisation von Kindern zu Erwachsenen, die sich nebenbei glänzend mit dem Evolutions-Paradigma verträgt und über alle Kulturen und Zeiten hinweg gültig ist. Judith Rich Harris war außerordentlich fleißig: sie hat sämtliche (!) Quellen der Neuzeit zum Thema Erziehung gesichtet und alle vorhandenen Daten einer kritischen Prüfung unterzogen. Dabei musste sie feststellen, dass die allermeisten Daten nicht zur Untermauerung der Erziehungshypothese taugen, weil sie weder genetische Einflüsse noch Kind-Eltern-Effekte systematisch ausschließen. Auch Kontext-Effekte werden regelmäßig vernachlässigt. So lassen sich die zwei zentralen Verallgemeinerungen der Daten zugunsten der Erziehungshypothese, nämlich erstens, dass Eltern, die gut im Leben zurechtkommen, auch Kinder haben, die später gut im Leben zurechtkommen, und zweitens, dass Eltern, die nett zu ihren Kindern sind, auch nette Kinder haben, im Lichte der Verhaltensgenetik völlig anders interpretieren. Kinder, die später gut im Leben zurechtkommen, könnten von ihren Eltern diejenigen Persönlichkeitsmerkmale geerbt haben, die dazu führen, dass man gut im Leben zurechtkommt (die Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen liegt bei ca. 50%). Die zweite Verallgemeinerung ist auch dann plausibel, wenn man sie umdreht: Kinder, die ein nettes Naturell haben, werden von ihren Eltern nett behandelt. Hier ist es also unmöglich zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden, aber die Erziehungshypothese lässt nur die erste Variante gelten. Wenn sich aber der Einfluss des Elternhauses meist auf die 50% Vererbung beschränkt, wodurch werden dann die restlichen 50%beeinflusst? Rich Harris entwickelt hierfür ein neues Modell, dass die Sozialisation des Kindes zum Erwachsenen beschreibt: die Gruppensozialisationstheorie. Kinder werden in Peer Groups sozialisiert, mit denen sie erwachsen werden. Ihre Theorie liefert plausible Erklärungen, die auf der evolutionären Entwicklung des Menschen und auf gesicherten Daten der Verhaltensgenetiker und Humanethologen gründen. Sie können zudem einige merkwürdige Phänomene erklären, für die die Erziehungshypothese keine Erklärung liefern kann, wie z.B. die Tatsache, dass Kinder von Einwanderern in der Regel die Sprache des Einwanderungslandes akzentfrei sprechen lernen, obwohl ihren Eltern dies nie gelingt. Harris schreibt in flüssigem gut lesbaren Stil. Alle zitierten Studien und Aussagen werden über die Anmerkungen belegt. Das Literaturverzeichnis umfasst 43 Seiten. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, dem die Zukunft seiner Kinder nicht gleichgültig ist, und der Argumente für den Sturz des überkommenen Paradigmas der Erziehungshypothese benötigt.
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26 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Wenig wissenschaftlich, 30. Juli 2003
Von Ein Kunde
Judith Rich Harris vertritt in diesem Buch die These, daß Erziehung sinnlos und die Eltern praktisch ohnmächtig seien. Eltern seien austauschbar wie Fabrikarbeiter. Für die Entwicklung der Kinder seien laut Rich Harris neben den Genen nur die gleichaltrigen Kinder entscheidend. Nur von ihnen würden die Kinder lernen.Ihre These zu belegen, gelingt der Autorin jedoch nicht. Meine wichtigsten Kritikpunkte: - Die Autorin widerspricht sich häufig selbst; so führt sie ein Beispiel von zwei Müttern an, von denen die eine ihrer Tochter Klavierunterricht nur anbot und die andere darauf bestand, daß ihre Tochter Unterricht nahm, und auch darauf achtete, daß ihre Tochter übte. Circa 20 Seiten später heißt es auf einmal, die eine Mutter sei genauso nachlässig gewesen wie die erste. Sie schreibt des weiteren: Kinder lernen zu Hause vieles, was ihr ganzes weiteres Leben beeinflußt (Begabungen, Hobbys, Berufspläne, politische Neigung, Religion). Nach wenigen Seiten heißt es, Eltern können NUR auf den Lebensverlauf ihres Kindes Einfluß nehmen, indem sie ihren Umgang beeinflussen, indem sie z. B. entscheiden, in welche Schule das Kind gehen soll. - Die Autorin unterscheidet nicht zwischen den Bedürfnissen unterschiedlicher Altersstufen. Sie setzt Kleinkinder, größere Kinder und Jugendliche offensichtlich gleich. - Sie meint, wie Kinder sich verhalten hinge nur davon ab, wie diejenigen sie behandeln, mit denen sie zusammen sind. Die Persönlichkeit des Kindes (also dispositionale Faktoren) werden völlig außer acht gelassen. - Sie kritisiert Autoren anderer Erziehungsratgeber, weil diese ihre Thesen mit Anekdoten belegen, macht es selbst aber genauso. - Ihr Schreibstil ist äußerst salopp und umgangssprachlich. - Quellenangaben angeführter Studien fehlen durchweg, so daß Rich Harris' Behauptungen nicht überprüfbar sind. Am Ende des Buches findet sich zwar ein ausführliches Literaturverzeichnis, jedoch können die einzelnen Einträge nicht mit den im Text des Buches angeführten Studien in Verbindung gebracht werden. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Meines Erachtens würde dieses Buch bei einem aufmerksamen Leser nur Verwirrung erzeugen.
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9 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Neue Perspektive für stressgeplagte Eltern, 11. September 2000
Von Ein Kunde
Bin ich eine gute Mutter ? Eine provokante Frage, die sich jede Mutter stellt. In ihrer Zusammenfassung der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zeigt die Autorin die überragende Bedeutung der Gruppe. Nicht nur das die Anpassung der einzelnen Individuen an die Gruppe überlebenswichtig ist, sondern es wird deutlich, das die Differenzierung der Gruppen untereinander ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von frühen Stadien des Menschen bis heute, gewesen sein könnte. So wird verständlich, daß die Kinder gut daran tun, sich an ihre eigene Gruppe anpassen. Sie tun es ja auch, nur das die Eltern in unserer Zeit ihrem eigenen Einfluß einen hohen Stellenwert einräumen. Dies führt im Einzelfall verständlicherweise zu einer Menge Stress. Mit ihrem Buch möchte die Autorin Eltern die Gelassenheit zurückgeben. Sie zeigt, welche Beeinflussungsmöglichkeiten Eltern wirklich haben, und welche Grenzen der Einflußnahme bestehen. Ich lerne aus diesem Buch meinem Kind und seinen guten Anlagen zu vertrauen.
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