Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Robert Altman der Literatur, 2. September 2007
"Schwere Beben" entstand 1992 und weist stilistisch bereits den Weg zum Nachfolger "Die Korrekturen". Wieder wird das Innenleben einer Familie, der Familie Holland, akribisch seziert. Wieder wechselt Franzen innerhalb des Romanes die Perspektive und zerlegt den Roman dafür in vier Teile, chronologisch geordnet und doch subtil mit Rückblenden angereichert, die dem Leser zum rechten Zeitpunkt das eben Nötige enthüllen. Doch Franzen wäre nicht Franzen, würde er es sich und uns so einfach machen, denn jeder Teil des Romanes beinhaltet subtile Perspektivwechsel, als wolle er damit unterstreichen, dass im Leben nichts so ist, wie es scheint, dass alles in Bewegung ist: die weiten Passagen, die im wesentlichen und sehr akribisch Louis Holland begleiten, enfant terrible der Familie und überhaupt nicht zufrieden damit, dass seine Mutter dank einer Erbschaft jetzt Millionärin ist und sich augenblicklich daran macht, das Geld auszugeben; jene Passagen, am Anfang und am Ende des Romanes, legen den Fokus zunächst und sehr kurz auf seine schnöselige Schwester Eileen. An dem Punkt, an dem sich Louis von seiner Freundin Renee Seitchek trennt, im Mittelteil, wechselt Franzen die Perspektive und übergibt den Stab an Renee, die die Geschichte durch ihre geradezu detektivische Arbeit nunmehr vorantreibt, und doch beginnt er diesen zweiten Teil zunächst mit einer eingehenden Skizzierung ihres Studienkollegen Howard Chung. In dem Moment jedoch, in dem ein Anschlag auf sie verübt wird, wechselt er zurück zu Louis, der gerade im Haus seines Vaters Bob ankommt, um sehr schnell und unvermittelt auf diesen überzuspringen und ihm und seinen Erinnerungen Raum zu geben, die einiges von den Hintergründen der Geschichte zu enthüllen haben.
Und Franzen wäre nicht Franzen, wenn sich der Titel (im Original "Strong Motion") nur auf die Erdbeben-Serie bezöge, die den Großraum Boston heimsucht und als erstes Louis' exzentrische Großmutter zum Opfer hat. Denn damit, genauer mit ihrem bereits erwähnten Erbe, beginnen die Probleme, brechen alte Konflikte auf und entstehen neue Kontakte.
"Seit acht Jahren versuche ich, meinen Sender politikfrei zu machen", erklärt der Exilrusse Bressler Louis Holland, der als Techniker in seiner Radiostation arbeitet. "Es ist mein amerikanischer Traum - ein Sender, in dem den ganzen Tag geredet wird (keine Musik, das wäre ge-mo-gelt!), ohne dass EIN Wort über Politik fällt. Ein Radio, das den ganzen Tag Wortbeiträge bringt und keine Ideologie. Reden wir über Kunst, Philosophie, Humor, das Leben. Reden wir darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und je näher ich meinem Ziel komme - man kann es in Grafik zeigen, Louis -, je näher ich meinem Ziel komme, desto weniger Leute chören mir zu!"
So wie die Vision von Louis' Chef scheitern muss, weil Politik zu dem gehört und sich einmischt in das, was es heißt, ein Mensch zu sein, so drängt das Große und Ganze quasi als Beweis auch in das Leben der Familie Holland und stellt sie vor eine Zerreißprobe.
Und so ist auch dieser Roman das Psychogramm einer Familie und gleichzeitig das eines ganzen Landes, einer ganzen Gesellschaft. Denn je mehr Louis' Freundin Renee, die engagierte Seismologin, sich mit den Ursachen der Erdbebenserie um Boston beschäftigt, um so mehr gerät sie in einen Umweltskandal, der ein bezeichnendes Licht auf die amerikanische Wirtschaft wirft und darauf, dass - wir ahnten es - die Moral vor der Tür zu bleiben hat, wenn es ums ganz große Geld geht. Ein Konflikt, der wiederum in die Familie Holland hineingetragen wird, denn hinter den ganzen Vorgängen steckt ausgerechnet der Chemiekonzern Sweeting-Aldren, dessen Großaktionärin Louis' Mutter durch das Antreten ihrer Erbschaft plötzlich ist. Und so verwebt Franzen die Wege all seiner Protagonisten kunstvoll und leichthändig und erweist sich einmal mehr als ein Robert Altman der Literatur.
Franzen macht schon bei diesem Roman alles richtig: die Sprache ist ausgefeilt (und gut übersetzt), die Geschichte melancholisch und humorvoll zugleich und der Plot an den richtigen Stellen gebrochen. "Schwere Beben" bietet somit 685 anregende Seiten mit hervorragender amerikanischer Literatur.
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32 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Kein Vergleich mit "Korrekturen"!, 31. Juli 2005
Eigentlich war es ja schon vorher klar: Wenn ein Verlag sich nach einem großen Erfolg entschließt, frühe Werke des Autors zu veröffentlichen, ist die Enttäuschung in aller Regel vorprogrammiert! Nach der "27ten Stadt" im vergangenen Jahr so leider auch mit "Schweres Beben", ein Franzen aus dem Jahr 1992. Wieder stellt der Leser fest, dass nur "Korrekturen" die Tiefe und das Format eines großen Romans haben! Dabei beginnt das neue Buch von Jonathan Franzen durchaus vielversprechend: Wieder findet sich der Leser recht schnell in die Handlung rein, wieder geht es um eine Durchschnittsfamilie, ihren inneren Zusammenhalt, ihre Brüche, ihre Lebenslügen. Erzählt wird diesmal von einer Familie mit zwei erwachsenen Kindern, die anlässlich des Todes der Stiefgroßmutter zusammenkommt, die durch ein Erdbeben plötzlich zu Tode kam. Schamlos zanken sich die Familienmitglieder um das stattliche Erbe, während sich zeitgleich eine Liebesgeschichte anbahnt zwischen dem Sohn und einer Seismographin, die das Beben untersucht... soweit so gut! Dieser Stoff gibt schon einiges her und Franzen gelingt es auch auf den ersten hundertfünfzig Seiten Spannung zu erzeugen. Dann jedoch flacht das Buch mehr und mehr ab und Franzen schafft es nicht mehr, den Leser bei der Stange zu halten. Natürlich liegt die Messlatte bei diesem Autor besonders hoch, vielleicht hat man auch zuviele ähnliche Geschichten in den letzten Jahren gelesen, denn amerikanische Familiengeschichten liegen ja durchaus im Trend! Dennoch, mit Korrekturen hat Franzen Maßstäbe gesetzt, einen Nerv getroffen! So warte ich gespannt auf ein wirklich neues Buch von ihm!
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Erde kracht - der Hörer lacht, 10. Dezember 2005
Melanie, frisch gebackene Alleinerbin eines Multi-Millionen-Erbes, wird ihres neuen Lebens nicht froh: ihre Tochter heult sich die Augen aus, weil sie ihr vom Vermögen nichts abgibt. Ihr hochintelligenter, aber in ihren Augen missratener Sohn Louis, dessen einziges Manko das Fehlen jeglichen Interesses an Konsumgütern ist, verachtet sie wegen ihrer Egozentrik und ihres Geizes und ihr Ehemann bekifft sich lieber, statt mit ihr zu reden – geschweige denn andere Dinge gemeinsam zu tun. Genüsslich seziert Franzen in seinem Roman „Schweres Beben“ die amerikanische Familie und den American-Way-of-Life ohne jedoch ein hoffnungsloses Bild der amerikanischen Jugend zu präsentieren.Wie ein Domino-Effekt setzt ein Erdbeben eine Kette von Ereignissen in Kraft, deren Zusammenhang anfangs nicht offensichtlich ist. Das „Schwere Beben“, so der Titel des Romans, haut Louis volltrunkene Großmutter dergestalt von den Beinen, dass sie an den Folgen stirbt. Die Freude über das 22 Millionen Dollar schwere Vermächtnis tröstet Melanie, Louis Mutter und Allein-Erbin, schnell über den Verlust der ohnehin unbeliebten Verwandten hinweg. Doch ans Teilen denkt die egozentrische Mutter nicht. Weder Louis, einer Mischung aus Bill Gates und Woody Allen, noch ihrer Tochter Eileen, Abziehbild von Cameron Diaz, will sie einen Cent abgeben. Zufällig lernt Louis die Seismologin Renee kennen, die die Ursachen der Beben erforscht. Diese findet bei ihren Recherchen zu den merkwürdigen Erdbeben ein Gutachten des Chemiekonzerns Sweeting-Aldren aus dem hervorgeht, dass dieser Konzern seit über 20 Jahren illegal giftige Abwässer in unterirdisch angelegte Reservoirs entsorgt. Diese brisante Entdeckung bringt die beiden in Lebensgefahr und sie haben ihre Liebe Not, unbeschadet zu entkommen. Apropos Liebe: natürlich verlieben sich die Beiden ineinander, streiten, verlassen und versöhnen sich wieder bis zum Tränen treibenden Happy End. Doch Franzen beschränkt sich nicht auf die Elemente des Kriminal- und Liebesromans. Durch viele größere und kleinere Episoden flichtt er geschickt gesellschaftskritische Töne in den Plot. So prangert er die Macht der Fernsehprediger genau so an wie die bigotte Moral der Amerikaner. Er scheut sich auch nicht vor Kritik an der überbordenden Reagan-Administration oder an der Profitgier Multi-nationaler Konzerne. Das dieses Mammutwerk weder langatmig noch überfrachtet wirkt, verdankt man dem Umstand, dass es sich hier um eine brillant verfasste „autorisierte Lesefassung“ handelt, die die manchmal bemängelten Längen der Buchausgabe vermeidet, ohne dabei selbst kleinste Details unter den Tisch fallen zu lassen. Franzens ganz besondere Kunst liegt in der Ausgestaltung seiner Dialoge. Als Beispiel empfehle ich hier auf der zweiten CD den dritten Track. Unglaubliche 8 Minuten braucht die völlig entnervte Melanie, um Louis dazu zu bringen, sie nicht mehr zu dem ererbten Vermögen zu befragen. Diese intensive, ironische, überzeichnende und witzige Grundhaltung durch zieht den gesamten Roman. Dass dem Hörer auch ja nicht die kleinste Anspielung verloren geht, dafür sorgt Gerd Wameling mit seinem ausgeklügelten Vortrag. Gerade die Szenen, in denen sich Louis Mutter Melanie, dem gespielten Nervenzusammenbruch nahe, theatralisch Verzweiflung mimend, in Selbstmitleid ergeht, sind einfach großartig und wahnsinnig witzig. Dabei gelingt es dem Sprecher spielend, den Hörer über die gesamte Laufzeit an den Kopfhörer zu fesseln. Seine prägnante, jedoch nie unangenehme Stimme geht auch bei Bahnhofsansagen nicht in die Knie sondern setzt sich im Ohr des Hörers fest. Das Hörbuch wird in einer stabilen Schmuckbox geliefert, dem ein informatives Booklet beiliegt. Einziger, und wirklich winzigster Kritikpunkt ist das fehlende Namens- und Ortsregister, das den Hörgenuss noch vervollständigen würde, welcher jedoch bisher kein einziger Hörverlag mitliefert. Fazit: Nicht nur die Erde, sondern auch das Zwerchfell zittert bei diesem Hörbuch. Franzen ist ein begnadeter Erzähler, dem man eventuelle Längen gerne verzeiht und sich an seiner Detailfülle und genauen Recherche ergötzt. Ein positivistischer Roman, ein Spiegel der Gesellschaft, ein Liebesroman und ein Öko-Thriller – all diese Komponenten vereint Franzen ohne sich dabei in Klischees oder Kitsch zu verlieren. Dieser Roman wärmt mehr als ein Kaminfeuer. (C) Wolfgang Haan
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