Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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53 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Gesellschaftsroman und Thriller in einem - leider!, 29. Januar 2006
Martin Probst hat den St. Louis Arch erbaut, das große Wahrzeichen des amerikanischen Aufbruchs nach Westen. Die Stadt, in der er das getan hat, war dereinst die viertgrößte Metropole der Vereinigten Staaten und galt manchen lange Zeit als die natürliche Hauptstadt des Landes. Heute befindet sich St. Louis dagegen im freien Fall – der stolze Arch ragt über einem Ort, der auf den Platz 27 auf damit auf den Rang einer amerikanischen Allerweltsstadt abgestürzt ist. Das ist die Lebenswelt von Martin Probst, einem erfolgreichen Bauunternehmen, der als geachteter Vorsitzende des städtischen Wohlfahrtsvereins sein Leben mit schwierigen Bekannten, eitlen Freunden, missgünstigen Schwägern, skurrilen Geschäftspartnern und Ehefrau und Tochter lebt, so gut es eben geht. Ein Gesellschaftsroman über den Niedergang der amerikanischen Stadt? Nicht nur, denn in dieser 27ste Stadt wird nach der Pensionierung des Posteininhabers völlig überraschend die Inderin Susan Jammu Polizeichefin – und das zu einem Zeitpunkt, als der reichste Junggeselle der Stadt, Sydney Hammacker, die indische Prinzessin Aisha aus Bombay heiratet. Plötzlich tauchen auf den Straßen immer mehr indische Zuwanderer auf, eine indianische (nicht indische!) Terrorgruppe macht von sich reden, Bomben detonieren, Wälder brennen, und Macheinengewehre rattern in der bis dahin so friedlich vor sich hin schrumpfende Gemeinde. Wieso das? Polizeichefin Susan Jammu und Prinzessin Aisha und mit ihnen eine ganze Horde indischer Finsterlinge, so erfährt der erstaunte Leser, haben es sich zum Ziel gesetzt, St. Louis in den Griff zu bekommen, und um dieses Ziel zu erreichen, wird integriert, verwanzt, gelogen und wenn es sein muss, auch gemordet. Also doch kein Gesellschaftsroman sondern eher ein Thriller? Die Antwort ist: beides, und das ist das Hauptproblem des Romans. Jedes der beiden konkurrierenden Plots hätte zu einem guten Buch verarbeitet werden können, entweder zu einem Gesellschaftsroman im Stile von Updike oder Wolfe zu einem solider Thriller ala Ludlum oder Harris. Zusammen aber stehen sie sich über die gesamte Romanlänge im Weg und enttäuschen sowohl die an literarischen Feinheiten wie die an Mord und Totschlag interessierten Leser. Vor allem die Grundidee der indischen Verschwörung mutet ein wenig an wie die Geschichte vom Satan aus der Kiste, von dem keiner weiß, woher er kommt und warum er überhaupt so böse ist. Auch der groteskerweise erst nach 500 Seiten nachgelieferte und vollkommen uninspirierte Lebenslauf von Susan Jammu macht die Motivlage der emsigen Polizeichefin nicht plausibler. Was veranlasst diese unfassbar begabte und von Indira Gandhi persönlich geförderte Indo-Amerikanerin, eine doch so relativ unbedeutende Stadt wie St. Louis zum Schauplatz einer gigantischen Verwanzungs- und Manipulierungsstrategie zu machen, wo sie doch daheim ein wunderbares Leben führen könnte? Das wird niemand begreifen. Der Bauunternehmer Martin Probst, anfänglich der Gegenspieler der bösen Polizeichefin, übernimmt die Rolle des Noah, über den das Unglück hereinbricht, ohne dass er die geringste Ahnung besitzt, wieso. Sein Hund wird getötet, seine Tochter zieht aus, seine Kunden machen Bankrott – zu guter Letzt wird auch noch seine Frau entführt und erschossen. Er selbst verfällt dem morbiden Charme der Polizeichefin, obwohl sie „von der Seite aussieht wie eine Greisin, die keine zehn Jahre mehr zu leben haben wird“. Das wird erst recht niemand verstehen können. Auf kommunaler und politischer Ebene dreht sich derweil alles um ein großes Referendum, mit dem auf Initiative von Polizeichefin die Wiedervereinigung von City und County eingeleitet werden soll, ein Plan, den die einen heftig befürworten und die andere ebenso heftig bekämpfen. Welche Vor- und Nachteile dieses Referendum haben soll, wird übrigens auf immer ein Geheimnis des Autors bleiben – aus dem Text und der Handlung heraus ist das für normalintelligente Leser jedenfalls nicht zu erschließen. So torkelt der große Roman zwischen Gesellschaftskritik und Thriller über Hunderte von Seiten vor sich hin. Firmenchefs verlegen ihre Firmenzentrale vom Land in die Stadt und werden gefeuert, Finanzdezernenten werden ermordet, und als sei das nicht genug, tappen noch über zwei Dutzend Nebenfiguren wie Blinde und ohne erkennbar poetologische Funktion durch die weit gespannte Handlung des Romans. Am Ende kommt dann alles anders, als man denkt. Das Referendum scheitert mangels Wahlbeteiligung, was denn Autor zu einem rätselhaften Kurzessay über Amerika veranlasst ( S. 632f. ). Die so unglaublich willensstarke Jammu, die geradezu frappant an die böse Generalin Wu in Schätzings „Schwarm“ erinnert, erschießt sich, Martin Probst, um Hund, Frau, Haus und Tochter ärmer, sichtet die Überreste seines Lebens - und der Leser bleibt ratlos zurück. Die Thriller-Elemente und die am Ende gerade drehbuchartige Erzähltechnik haben ihn bis zuletzt bei der Stange gehalten, die geistreichen Miniaturen und brillante Apercus, die bereits den großen Jonathan Frantzen der "Korrekturen" ahnen lassen, haben ihn für viele Unstimmigkeiten und Längen entschädigt. Trotzdem bleibt alles am Ende die Empfindung, dass hier ein Romanprojekt an seiner viel zu gewaltigen Ambition und der Vermischung der Genres gescheitert ist und dass man ein Werk gelesen hat, in dem sich der junge Romancier (Franzen war bei der Veröffentlichung des Romans gerade mal 29 Jahre alt) noch nicht so recht entscheiden konnte, ob er Philip Roth oder Ken Follett sein wollte.
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15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Erstling noch nicht besonders kraftvoll, 23. September 2003
Der mit seinen "Korrekturen" bei uns bekannt gewordene Franzen ist hierzulande nun auch mit seinem Erstling "Die 27ste Stadt" zu lesen. Schade, dass man ihm das auch anmerkt. Die nicht so ganz fiktive Stadt St. Louis ist einziger Erzählort. Eine Inder-Mafia, angeführt von der Polizeichefin Jammu, nimmt sich vor, die bestehende Ordnung zu stören, um aussergewöhnliche Gewinne aus Grundstücksgeschäften realisieren zu können. Das Spannende daran ist, dass die Unterwanderung der biederen, bürgerlichen Oberschicht nicht durch Attentate und Entführungen gelingen soll, sondern durch das Gift des Stachels "Krise". Auf fast hundert Seiten der insgesamt über sechshundert entwickelt sich schon so etwas wie Krise bei den örtlichen Unternehmern und deren Familien, die die Geschicke der Stadt bislang bestimmten. Nur einer widersteht allen untugendhaften Angriffen, der Bauunternehmer Martin Probst ist der gute Mensch von St. Louis - und bleibt es bis zum Schluss.Das ist also die Umkehrung aller Werte: die Polizeichefin ist die Femme fatal, der Bauunternehmer der saubere, familienpflegende Gute. Am Ende geht doch alles schief. Es gibt viele Tode und die Moral siegt nicht. Wäre es anders, wäre der Roman noch mehr Märchen. Teilweise verliert man den Überblick über die vielen auftretenden Figuren, man muss also schon zügig durchlesen. So lebendig beschrieben wie die Protagonisten bei den Korrekturen sind die Handelnden in der 27sten Stadt nicht. Das Subtile des Heraufbeschwörens einer Krise als Waffe, im Gegensatz zu Bomben und Gewehren, macht anfangs sehr neugierig und man sucht Parallelen in der hiesigen Stadt oder Landespolitik. Leider entscheiden sich die Figuren im Roman dann immer mehr für die traditionellen Vorgehensweisen: Bomben, Entführung, Mord. Franzen hat sich längst weiterentwickelt, sein letzter Roman ist halt besser, als sein erster. Das soll nicht wundern. Also freuen wir uns auf seinen nächsten, seinen wirklich nächsten allerdings. Der Verlag wird, um die Wartezeit zu verkürzen wohl inzwischen seinen Zweitling "Strong Motion" herausbringen. Aber auch der müsste schon besser sein als die 27ste Stadt.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
kommunalpolitischer Thriller, spannend, aber unausgereift, 25. September 2003
Von Ein Kunde
Franzen erzählt in seinem 1988 verfassten Erstlingswerk das alltägliche Drama des „urban renewal" (Luxusmodernisierung, Flächensanierung, Immobilienspekulation, Verdrängung sozial schwacher Mieter etc.) auf nicht gerade alltägliche Art und Weise. St. Louis ist auf den unbedeutenden 27. Platz in der Rangfolge amerikanischer Städte abgerutscht. Alles soll anders werden als eine Inderin aus Bombay zur Polizeichefin ernannt wird. Und alles wird anders werden. S. Jammu erobert in kürzester Zeit die Herzen der Stadt - allerdings nicht nur mit Fleiß und Charme. Sie erhält Unterstützung von einer ausgewählten indischen Gefolgschaft, die mit einem Mix aus Abhöranlagen, Bombenanschlägen und sexueller Verführung die führenden Familien der Stadt unbemerkt in Lebenskrisen stürzen sollen. Langsam bildet sich ein unzugänglicher Dschungel aus Intrigen, Korruption, Verschwörungen, Rassismus, Kolonialismus, Kaltem Krieg und einem alles entscheidenden Referendum. Doch um all das geht es nicht wirklich. Viel mehr geht es um den banalen Wahnsinn, der in weißen, amerikanischen Familien einzieht, wenn die Moralität des suburbanen Alltags brüchig wird. Dass „Suburbia" - in der Gestalt von Websters Groves, dem Ort von Franzens Kindheit - mit all seinen negativen Konsequenzen für die Kernstädte dieser Welt eine prinzipiell zweifelhafte gesellschaftspolitische Erfindung war, das ist Teil des Romans.Wie auch in den „Korrekturen" stellt Franzen hier sprachgewaltig einen bunten Strauß bizarrer Ideen zusammen. Doch dort wo die „Korrekturen" durch eine unaufgeregte Lust am Schreiben und Beschreiben überzeugten, wirkt „Die 27. Stadt" etwas krampfhaft um Originalität bemüht - einzelne Stories des ausgetüftelten Plots finden nur widerwillig wieder zusammen. Zeichneten sich die „Korrekturen" aus meiner Sicht durch die Überschaubarkeit des liebenswert realistisch skizzierten Personals aus, so ist es hier manchmal schwierig, den Überblick über die Vielzahl der beteiligten Figuren zu behalten. Trotzdem und trotz einiger entbehrlicher Längen: Ich habe das Buch gerne gelesen, fand es durchaus spannend, bisweilen sogar fesselnd. Hätte sich der Verlag entschieden, das Buch auch ohne den großen Erfolg der Korrekturen nachzulegen? Wohl nicht. Warum also nicht auf das Taschenbuch warten, oder noch besser, gleich auf die englische Version zurückgreifen. Denn in weiten Teilen ist der Roman nicht übersetzbar. Die Story lebt von der Polysemie des englischen Wortes „Indian" (Inder und Indianer) und wenn „Indianer" eine amerikanische Stadt erobern, dann ist das eben etwas ganz anderes als wenn dies „Inder" tun.
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