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27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eichmann auf der Spur, 28. Januar 2005
Zur Zeit des Eichmann-Prozesses war ich noch nicht geboren. Als Deutscher, der erst viele Jahre nach den Ereignissen geboren wurde, die in diesem Buch zur Sprache kommen, konnte ich es unter dem allgemeinen Aspekt lesen, wie und warum Menschen sich in Schuld verstricken. Vieles von Hannah Arendts genauen Analysen wird noch deutlicher, wenn man die Prozess-Dokumentation vorher im Fernsehen gesehen hat. Eichmann war ein sog. Schreibtischtäter. Er selbst hat nie direkt einen Menschen getötet. Er war auch kein Drahtzieher der Judenvernichtung. Er arbeitete in einer Verwaltungsmaschinerie, die das Verbrechen in Routinehandlungen verwandelte und er gehorchte Befehlen. Eichmann war nur mittelmäßig gebildet. Seine Motive lagen im beruflichen Ehrgeiz und bürokratischen Kadavergehorsam. Eine zunächst gescheiterte Existenz fand in der Tätigkeit für das Regime eine gewisse Befriedigung. Dort entwickelte er ein Talent fürs Organisieren und Verhandeln. Als Verantwortlicher für den Transport schickte er Millionen von Juden in den Tod. Persönlich hatte er nie das geringste gegen die Juden gehabt. Seine Erziehung war streng christlich. Wäre er in einem funktionierenden Rechtsstaat aufgewachsen, wäre er nicht als Krimineller in Erscheinung getreten. Die Versuche des Staatsanwalts, Eichmann zu dämonnisieren, ihn auf eine Stufe mit Stalin, Hitler und Dschingis Khan zu stellen, ihm wenigstens einen eigenhändigen Mord nachzuweisen, schlugen zwangsläufig fehl.Eichmann wusste, dass die Einsatzgruppen den Tötungsbefehl bekommen hatten und er leugnete es nicht. Er tat immer sein Äußerstes für die „Endlösung". In seinem Schlussvortrag vor Gericht gab er zu, dass er unter dem ein oder anderen Vorwand aus der Sache hätte rauskokmmen können. „Ich habe aber nicht zu denen gehört, die das für zulässig hielten." Worin bestand seine Schuld? Sie bestand in der Beihilfe zum Mord in Millionen von Fällen. Beihilfe zu einem monströs großen Verbrechen. Im Urteil heißt es: „Aber in diesem gigantischen und weitverzweigten Verbrechen ... an dem viele Personen in verschiedenen Befehlsstufen und in verschiedenen Tätigkeitsausmaßen teilgenommen haben ... ist es nicht zweckmäßig, die üblichen Begriffe des Anstifters und Gehilfen in Anwendung zu bringen. Die gegenständlichen Verbrechen sind ja Massenverbrechen, nicht nur, was die Zahl der Opfer anlangt, sondern auch in Bezug auf die Anzahl der Mittäter, so dass die Nähe oder Entfernung des einen oder des anderen dieser vielen Verbrecher zu dem Manne, der das Opfer tatsächlich tötet, überhaupt keinen Einfluss auf den Umfang der Verantwortlichkeit haben kann. Das Verantwortlichkeitsausmaß wächst vielmehr im allgemeinen, je mehr man sich von demjenigen Entfernt, der die Mordwaffe mit seinen Händen in Bewegung setzt." Nach hochstehender moralischer Ansicht müsse auch in einem Staat, in dem das Unrecht Normalität ist, jeder Mensch aus sich heraus erkennen können, was Unrecht ist und wenn dadurch sein eigenes Leben nicht gefährdet ist, dürfe er daran nicht teilnehmen. Nach realistischerer Ansicht, kann man davon ausgehen, dass der Mensch sich in das jeweilige System hineinintegriert, in dem er lebt. Und wer vom jeweiligen System profitiert, sei es als Mitläufer, Profiteur oder Funktionselite, hat die Tendenz, den status quo aufrechtzuerhalten und das System nicht zu kritisieren. Eichmann hat seine Verteidigungsstrategie, für all seine Handlungen einen plausiblen Grund parat zu haben, als handle es sich um die normalste Sache der Welt, bis zum Ende voll durchgezogen. Den Richter und die Verteidigung brachte er damit fast an den Rand der Verzweiflung. Die Verhandlung trug teilweise grotesque Züge. Gelegentlich bricht die Komik in das Grauen ein und bringt dann Geschichten hervor, an deren Wahrheit kaum zu zweifeln ist, deren makabere Lächerlichkeit aber alles übertrifft, was dem Surrealismus zu diesen Dingen hätte einfallen können. Eichmann schrieb, dass ihn Gespräche über den Schulddruck der deutschen Jugend sehr beeindruckten. „dass ich, wenn es einen Akt der größten Sühne bezeigen würde, bereit bin, mich öffentlich selbst aufzuhängen ... Dieses Wollen ist ein ernstes Wollen meinerseits, denn so tue auch ich einiges, um diesen Schulddruck der deutschen Jugend wegzunehmen, die ja an sich nichts dafür kann, für das Geschehen oder für die Taten ihrer Väter..." Hannah Arendt hat für solche und ähnlichen Äußerungen Eichmanns eine psychologische Erklärung. Erhebende Worte dienten ihm dazu, erhebende Gefühle zu erzeugen. Das waren Klischees, mit denen er sich tröstete. Eichmann hätte sich seiner Verhaftung in Argentinien durch Flucht entziehen können, als er feststellte, dass das Suchkommando ihn aufgespürt hatte. Er floh jedoch nicht. Er hat zu seiner Verhaftung nicht aktiv beigetragen, er hat sich ihr auch nicht entzogen. Man könnte sagen, er hat seinen Prozess, dessen Ausgang er voraussah, akzeptiert. Dies scheint typisch für ihn zu sein, wenn eine Entwicklung über ihn hereinzubrechen drohte, hat er es akzeptiert. So hat er gelebt, so ist er gestorben. „Adolf Eichmann ging ruhig und gefasst in den Tod. Er bat um eine Flasche Rotwein und trank die Hälfte davon aus."
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