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Die Last des Erinnerns: Was Europa Afrika schuldet - und was Afrika sich selbst schuldet
 
 

Die Last des Erinnerns: Was Europa Afrika schuldet - und was Afrika sich selbst schuldet (Gebundene Ausgabe)

von Wole Soyinka (Autor), Gerd Meuer (Übersetzer)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Wann reisst eine Hängebrücke?

«Die Last des Erinnerns» von Wole Soyinka

Nicht mehr Friedensverträge oder neu erarbeitete Verfassungen setzen heute den Schlussstrich unter begangene Verbrechen von Militärregimen und Diktaturen. Auf der ganzen Welt haben in den letzten Jahrzehnten Tribunale, Ausschüsse und sogenannte Wahrheitskommissionen als neue politische Instrumente versucht, den humanen Umgang mit einer inhumanen Vergangenheit, aber auch gesellschaftliche Neuanfänge zu ermöglichen. Öffentliche Formen des Erinnerns und der Versöhnung sind an die Stelle des privaten Akts des Vergessens und Vergebens getreten.

Die oft kühn gebauten Hängebrücken über Abgründe von Trauma, Misstrauen und Hass werden dabei getragen von Pfeilern einer Versöhnungsbereitschaft, die kürzlich vor allem in Südafrika – nach Jahrzehnten der Apartheid und des Rassenhasses – die Welt in Erstaunen versetzt hat. Doch, so der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka, werden auch diese Brücken letztlich «gewissen Gesetzen der Materie» gehorchen müssen. In seinem Essayband «Die Last des Erinnerns» prüft der erste afrikanische Nobelpreisträger für Literatur (1986) die Tragfähigkeit dieser Pfeiler.

Kein Friede ohne Gerechtigkeit

Südafrika sah in der gemeinsamen Wahrheitsfindung durch Opfer und Täter eine Grundlage für Amnestie, Versöhnung und Heilung der Gesellschaft. Als Afrikaner stellt sich Soyinka die Frage, ob und wie dieser Ansatz – «kühn, human und einzigartig» – für andere afrikanische Länder beispielhaft sein könnte. Soyinka, wohl von der guten Absicht, nicht aber vom Erfolg des südafrikanischen Weges überzeugt, setzt seine Kritik am südafrikanischen Modell beim «missing link» zwischen Wahrheit und Versöhnung an: Ohne greifbare Entschädigung für die Opfer habe die Geste der Versöhnung nach den grausamen Erfahrungen der Unterdrückung und Entmenschlichung keine Substanz und politisch wie sozial keine Dauer. Warum, so fragt Soyinka ganz pragmatisch, wird der weissen Bevölkerung Südafrikas nicht eine «allgemeine Steuer als Wiedergutmachung für die Jahre der Apartheid» auferlegt? Ungerechtigkeit – und das ist in Südafrika der fortbestehende Reichtum der Weissen und die Armut der Schwarzen – erodiere mit der Zeit die Pfeiler der Versöhnung, die gegenwärtig noch die südafrikanische Gesellschaft stützen.

Die Versöhnungsbereitschaft der schwarzen Südafrikaner, getragen von afrikanischer Spiritualität und Toleranz, gehe weit über das Gebot der christlichen Nächstenliebe hinaus. Dass diese in Südafrika noch Kraft und Glaubwürdigkeit hat, schreibt Soyinka einem Rest von Humanität zu, den sich das Land bewahren konnte. Südafrika erlebte keine doppelte Vernichtung seiner Menschlichkeit wie z. B. Nigeria und Rwanda, wo nach der inhumanen kolonialen Ausbeutung ebenso unmenschliche postkoloniale afrikanische Militärregime den eigenen Landsleuten die letzte Würde raubten.

Diese entmenschlichten Gesellschaften in Afrika kommen, wenn Versöhnung tatsächlich auf der politischen Agenda steht, ohne symbolische und materielle Akte der Entschädigung und Busse nicht aus, findet Soyinka; sondern gerade diese seien wesentliche Bestandteile eines erfolgreichen Neuanfangs. Ohne sie werde Versöhnung allzu leicht als ein Akt der Schwäche sowie als Bestätigung der Unschuld der Täter wahrgenommen und führe zu einer «Kultur der Straflosigkeit». In den Versöhnungsprozess muss auch der Umgang mit der afrikanischen Geschichte des Sklavenhandels und des Kolonialismus einbezogen werden, denn sie werden immer wieder und immer noch als Erklärung und Entschuldigung für Afrikas wirtschaftliches und politisches Versagen zitiert. Soyinka erinnert dabei an die arabische Teilnahme am Sklavenhandel sowie an die Schuld afrikanischer Kollaborateure, die ebenfalls in einem Wiedergutmachungsprozess offen thematisiert werden müssen. Soyinka kennt kein Tabu. Zu der «Last des Erinnerns» gehöre bei ihm auch die Erinnerung an die eigene afrikanische Destruktivität sowie an das afrikanische Komplizentum, das «trübt, was eigentlich eine klare Unterscheidung zwischen Opfer und Täter sein sollte». Afrika ist Täter und Opfer zugleich.

Soyinka fordert die Nationen der Welt auf, symbolische Konzepte zu suchen, die würdevoll Akte der Reue und Busse der Täter ausdrücken. Er appelliert dabei an ihren Einfallsreichtum und ihre moralische Kraft, er spricht von «Reinigungsriten alter Gesellschaften, Opfergaben für die ruhelosen Geister . . . bis hin zu dem neuzeitlichen Äquivalent in Form des Verlustes bürgerlicher Rechte, Ableistungen sozialer Arbeitsstunden, Geldstrafen und Busszahlungen», erwähnt den Erlass nationaler Schulden und die Rückgabe geplünderter afrikanischer Kunstschätze aus europäischen Museen an ihre Heimatorte. Er taucht in das mythologische Reservoir seiner eigenen Kultur ein, beschreibt das Obatala-Fest der nigerianischen Yoruba, in dem Opfer und Täter gemeinsam unter einem symbolischen Bogen hindurchschreiten und Versöhnung zu einem Fest für alle wird – «das Obatala-Fest ist allumfassend in seinem Ethos der Schuld, der Reue und der Wiedergutmachung; es verschont weder die Götter noch die Menschheit».

Visionen

Wo Soyinka die tiefe Verwurzelung in seiner afrikanischen Kultur mit einer globalen Vision verbindet, wo er nicht als Politiker, sondern als Schriftsteller nach neuen Denkprozessen sucht, neugierig auf die chaotischen Regionen des Übergangs schaut, dorthin, wo Gegensätze aufeinander prallen, wo Energien revitalisiert werden, wo Altes und Neues sich neu positionieren in einem Netz von Traditionen und alten Bräuchen, ist er am stärksten. Leider ist die Übersetzung so mangelhaft, dass es leichter ist, den englischen Originaltext zu erahnen, als die deutsche Übersetzung zu verstehen. Was im Englischen, wie im Klappentext beschrieben, «ein glänzender sprachlicher Stil» ist, der sogar «politischer Essayistik literarische Qualität verleiht», wird im Deutschen oft zu einem holprigen Hindernislauf, bei dem unelegante Wortkonstruktionen und nicht enden wollende Zwischensätze zu Barrieren des Verständnisses werden. Die Übersetzung über das rein Inhaltliche hinaus in das Elegante und Fliessende, das Literarische und Eigenwillige, in das Afrikanische und Andersartige eines Wole Soyinka, das letztlich auch ein Über-Setzen zu einer anderen Kultur ist, leistet der deutsche Band leider nur ansatzweise.

Erika von Wietersheim



Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 19.04.2001
Nach Andreas Eckert bietet der Autor hier "bedenkenswerte Argumente" zu der Debatte, ob und inwiefern Afrika für die Leiden der Sklaverei und des Kolonialismus materielle Entschädigung zusteht. Soyinka, so der Rezensent, steht dabei zweifellos auf dem Standpunkt, dass Reparationszahlungen angemessen sind, allerdings werde in diesem Buch nicht recht deutlich, "wie das konkret geschehen soll". Doch insgesamt weiß der Rezensent die Überlegungen des Autors durchaus zu schätzen, zumal Soyinka sich auch seit jeher kritisch mit der Mitbeteiligung von afrikanischen Potentaten an der Versklavung beschäftigt habe. Soyinka hat sich nach Eckert in diesem Buch auch ausführlich mit der Arbeit der südafrikanischen "Wahrheits- und Versöhnungskommission" auseinandergesetzt, der er großen Respekt entgegenbringt. Doch gleichzeitig zeige sich beim Autor die Befürchtung, dass der Verzicht auf Reparationen eine Verharmlosung der Verbrechen nach sich ziehen könnte. Die insgesamt überlegenswerten Argumente Soyinkas sieht der Rezensent hier mit einer "soliden Dosis Sarkasmus und Polemik gewürzt" dargestellt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 27.09.2001
Die bisher erschienenen Werke des 1934 geborenen nigerianischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka zeugen von der Faszination, mit den Mitteln der erzählenden Prosa die Wirklichkeit in ihrer Mehrschichtigkeit darzustellen, findet Hans Jürgen Heinrichs. In seinem neuen Buch gehe es um die Kolonialisierung Afrikas und die Schuld, die die einstigen Kolonialländer auf sich geladen haben. Das zentrale Anliegen des Autors sei hierbei die moralische und finanzielle Wiedergutmachung begangener Verbrechen, führt Heinrichs aus. Dabei berücksichtige Soyinka viele einzelne Schritte, wie z.B. die Rückführung von ins Ausland geschaffter Kunstschätze. Heinrichs bedauert, dass der Autor sich in diesem Zusammenhang zu wenig als Botschafter einer reichen und von größter Vielfalt geprägten Kunst und Mythologie zum Beispiel seines eigenen Volkes versteht. Auch klingt Wehmut an bei der Feststellung des Rezensenten, dass man in diesem Buch den Literaturnobelpreisträger nur schwerlich erkenne. Das Buch sei eher ein bedeutender politik- und gesellschaftskritischer Kommentar, der nur phasenweise die der Dichtung eigenen Möglichkeiten, mit Sprache zu überzeugen, einsetze, findet Heinrichs.

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7 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Ein Versuch für die Hoffnung, 14. Mai 2001
Von Ein Kunde
Wole Soyinka gibt, wie jeder guter Poet, sein Bestes. Er schreibt einen Stil, der zwischen elitärer Ausdrucksweise und prophetischer Gabe liegt, also einem Psalmenschreiber sehr nahe kommt. Das berührt und er will berühren.Was sind seine Ziele? :"früher oder später schreib'ich für jeden was..."sagt er und Gerd Meuer, ein kongenialer Übersetzer dieses Werkes, erwähnt es im Nachspann zu diesem "spannenden Buch". Was klagt Wole Soyinka an? Er beschreibt das, was, wie schon gesagt, jeder gute Poet auch tut (z.b. Pablo Neruda, z. B. Ezra Pound, z. B. H.M. Enzensberger). Sie alle klagen an: die Unmenschlichkeit der Menschen auf unserer Erde. Und wenn wir bedenken und wenn wir betrachten, dann schämen wir uns. Alle schämen wir uns, auch wir Christen, auch wir, die wir uns Muslime nennen und uns einer extra beschriebenen Toleranz verpflichtet fühlen, auch wir Juden, die wir uns auf Moses beziehen und oftmals dem sehr nahe zu seien scheinen, dessen Name unaussprechlich ist. O ja, wir alle sind schuldig und hier, in diesem Buch wird es offenbar. Gesündigt haben viele von uns an den Menschen in Afrika (unserer menschlichen Heimat, der Wiege der Menschheit?). Aber ob nun ein Preis dafür errechnet und entrichtet werden kann, das steht in den Sternen. Vielmehr ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was hier im Namen des Fortschritts, der Religionen geschehen ist. Alle, die dieses Buch lesen, werden erschüttert sein und für einen Moment wenigstens, so hoffe ich, den alltäglichen Sinn und Unsinn auf diesem Planeten beiseite legen, einhalten, bedenken und vielleicht sich selbst und ihre Umwelt verändern. Zu spät? Wer kann das beantworten.
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