Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Armistead Maupin von Paris Um mit Marcel Reich-Ranicki zu sprechen: "Was interessiert mich eine proletarische Großfamilie im Pariser Norden?" Dementsprechend die Skepsis, wenn man das Buch zur Hand nimmt. Doch Daniel Pennac schafft es mühelos, den Leser für den skurrilen Alltag der Malaussènes zu begeistern und ihn Partei ergreifen zu lassen für die gebärfreudigen, öfter mal inhaftierten, lebenslustigen Familienmitglieder. In Frankreich bereits als Kult gefeiert, warteten die Leser ungeduldig auf Fortsetzungen der Geschichten.
Im vorliegenden Band geht es um die unscheinbare, orakelnde Thérèse, die im Begriff ist, einen adligen, konservativen Politiker zu heiraten. Ein Aufstieg? Mitnichten! Der Sippenstolz der Malaussènes regt sich und tatsächlich entpuppt sich so einiges an dieser Verbindung als fauler Zauber... Doch die Malaussènes kommen mit gestärktem Zusammengehörigkeitsgefühl (mehr oder minder) unbeschadet aus der Malaisse hervor. (Nur eine Malaisse? Immerhin geht es um uneheliche Kinder, Mord und Totschlag, Inhaftierung, lautstarken Sex zu dritt, Waffenschieberei im tschechischen Wahrsage-Wohnwagen und mehr...). Eine Stadtgeschichte, die in den absonderlichen, immer sympathisch-ehrlichen Haupt- und Nebenfiguren in nichts dem Personal von Armistead Maupins Stadtgeschichten nachsteht. --Kathrin Rüstig
Neue Zürcher Zeitung
Der Clan der Durchgeknallten
Neue Malaussène-Geschichten
von Daniel Pennac
Daniel Pennacs reichlich überspannte Grossfamilie Malaussène aus dem Pariser Stadtviertel Belleville gibt sich erneut die Ehre, und dies gleich mit zwei Titeln. Deutschsprachige Anhänger dieser Sippschaft sollten also ohne weiteres wieder auf ihre Kosten kommen.
In «Adel vernichtet» sitzt der Stamm zusammen, um eine schiere Ungeheuerlichkeit zu diskutieren: Thérèse Malaussène, Schwester des erzählenden Benjamin, gedenkt, den adligen Marie-Colbert de Roberval, seines Zeichens Beamter am Rechnungshof, zu heiraten. Kann das überhaupt gut gehen ein beinahe normaler Mensch und eine spinnerte Hellseherin, die in einer Pommes-frites-Bude, pardon: in einem Wohnwagen, unterhalb des Père-Lachaise die Karten legt und die Hände liest? Benjamin setzt alles daran, die Heirat zu verhindern, doch unterschätzt er Thérèses Hartnäckigkeit. Bereits zwei Tage nach der Hochzeit und einer Reise nach Zürich ist sie auch schon wieder in den Schoss der Familie zurückgekehrt, nur: ab jetzt geht hier wirklich alles drunter und drüber ein Mord geschieht, ein Brandanschlag auf den Wohnwagen wird verübt, und eine Geburt mit einer höchst zweifelhaften, da doppelten Vaterschaft kommt auch noch zustande. Dieses grell inszenierte Sittengemälde aus dem Pariser Belleville setzt schnell erkennbar auf leichte Unterhaltung, und die darf man dem Roman gewiss auch attestieren. Die flapsigen oder neunmalklugen Dialoge, in denen auch schon einmal kursiv gesprochen wird, verlieren mit der Zeit gleichwohl an Schwung, und die Überdrehtheiten dieser schwatzenden Sippe sowie vor allem die hartnäckig angestrengte Auflösung der zugrunde liegenden Intrige, jene akribisch anberaumte Offenlegung krimineller oder pseudokrimineller Tatmotive, schmälern durch immer neu eingestreute Volten das Amüsement doch erheblich.
Die Lektüre der kleinen, gerade 80 Seiten starken Taschenbuchausgabe mit einer jederzeit überschaubaren Darbietung malaussènescher Grillen Titel: «Vorübergehend unsterblich» erweist sich deshalb auch als lohnender. Aber keine Frage: Echte Fans des Clans werden diesen Hinweis ignorieren.
Thomas Laux