Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit
OA 181114/ 1833Form Autobiografie Epoche Klassik
Die erste moderne Autobiografie eines deutschen Dichters gibt Aufschluss über das Ineinander von Wollen und Sollen in Goethes Leben, wie er es sah.
Entstehung: Seit Ende 1809 arbeitete Goethe an dem Projekt. Da er selbst mehrere Künstlerbiografien geschrieben bzw. übersetzt hatte (Benvenuto Cellini, Johann Joachim Winckelmann, Philipp Hackert), war dem 60-Jährigen bewusst, wie schwer die Strukturen der eigenen Vita zu erkennen und für Leser interessant zu erzählen seien. Die ersten drei Teile erschienen kontinuierlich 1811, 1812 und 1814. Den vierten Teil skizzierte Goethe 1816, schrieb ihn aber erst im Jahr vor seinem Tod nieder. Indirekt schließen sich die Italienische Reise der Jahre 178688 (1829), die Feldzugsberichte über 179293 und die rein faktenorientierten Tag- und Jahreshefte an. Goethes über 50 Jahre währendes Leben in Weimar hat er dagegen erzählerisch nicht gestaltet.
Inhalt: Goethe schildert seine Kindheit in Frankfurt, die planvolle Erziehung des Vaters, die humorvolle Güte der Mutter, wie er früh, u. a. durch ein eigenes Puppentheater, mit der Bühne in Berührung kommt und der Literatur zuneigt und wie er durch französische Einquartierung die Folgen der Politik und die Nachbarkultur kennen lernt. Die Krönung Kaiser Josephs II. erlebt der 15-Jährige als Stadtfest und zugleich als Kulisse seiner ersten Liebe, die er »Gretchen« nennt.
Im zweiten Teil zieht Goethe 1765 nach Leipzig, von wo er ohne entscheidende Förderung und schwer krank nach Frankfurt heimkehrt. Dort kümmert sich eine pietistische Freundin der Mutter um ihn, bevor er, genesen, das Studium 1770 in Straßburg fortsetzt. Neben der Bekanntschaft mit Johann Gottfried Herder (17441803) schildert Goethe seine Beziehung zu Friederike Brion in dem Dorf Sesenheim.
Im dritten Teil wird er als Dichter selbstständig und schildert sein Leben in Wetzlar, Frankfurt und Darmstadt, beschreibt auch seine Freundschaften. Der frühe Erfolg des Götz von Berlichingen (1773) und des Werther geben ihm eine neue Richtung.
Der Schlussteil behandelt das scheiternde Verlöbnis Goethes mit Lili Schönemann, die Schweiz-Reise mit den Brüdern Stolberg und die, beinahe schon nach Italien führende, Vorgeschichte seiner Berufung nach Weimar durch einen Boten des Herzogs.
Aufbau: Die vier Teile sind jeweils in fünf Bücher unterteilt, die Kindheit, Erwachsenwerden, Orientierung zur Dichtkunst und Weichenstellung für Weimar umfassen. Schon diese Symmetrie verdeutlicht Goethes Willen, sein Leben gestaltend zu interpretieren, zu erkunden, wo sich sein Charakter behauptet und eigengesetzlich entwickelt, wo Schicksal und Umstände hemmend oder fördernd eingegriffen haben. Dabei gerät auch in den Blick, was alternativ aus ihm hätte werden können. Gemäß der Maxime, dass ein »Factum unseres Lebens« nicht gilt, »insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hat«, geht der alternde Goethe, wie der Untertitel verrät, frei mit den Ereignissen und ihrer Chronologie um.
Wirkung: Goethe war fasziniert von Bildungsprozessen. Er betrachtet die eigene Persönlichkeit, bei aller ironischen Distanz im Bewusstsein ihrer Bedeutung, exemplarisch, und bietet sie den Lesern als Medium für die Reflexion des eigenen Werdegangs an. Da er seine Werke nur spärlich kommentiert, gewann die Nachwelt hauptsächlich eine eigenständige, auch sozialhistorisch bedeutsame Synthese aus Dokumentation und subjektivem Selbstporträt. A.H.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
"Seit der groáen Lcke, die durch Schillers Tod in mein Dasein gefallen ist", schreibt Goethe 1806, "bin ich lebhafter auf das Andenken der Vergangenheit hingewiesen und empfinde gewissermaáen leidenschaftlich, welche Pflicht es ist, das, was fr ewig verschwunden scheint, in der Erinnerung aufzubewahren." Aus dieser Verpflichtung heraus ist Goethes Autobiographie entstanden, deren abgeschlossener Teil - Dichtung und Wahrheit - sein Leben und Werk bis zum Aufbruch nach Weimar 1775 schildert.