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35 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
strittige Thesen, spannende Übersetzungsvorschläge: gelungen, 14. Februar 2001
Von Ein Kunde
K. Berger und Chr. Nord ist etwas seltenes gelungen. Ihre Übersetzung wird strittig bleiben. Die zeitliche Einordnung der Texte wird strittig bleiben. Sogar die Zusammenstellung der Texte wird von einigen immer abgelehnt werden.Aber auf Konsens ist dieses Buch auch gar nicht aus. Wer Klaus Berger kennt, weiß, daß es eher um das Gegenteil geht. Wo ein Konsens das Denken blockiert, ist er aufzulösen. Und um nicht nur negativ zu sein, ideologiekritisch alles kleinzumachen, zeigt er schon lange und gerne alternative Lösungsansätze auf. Deren Ziel ist es in der Regel nicht, DER NEUE KONSENS zu werden, sondern das Denken in Alternativen zu ermöglichen. Zur Übersetzung: Sie ist nicht wörtlich - und ärgert denjenigen, der meint, wörtlich sei richtig. Berger/Nord versuchen, den kultur- und religionsgeschichtlichen Hintergrund mit in die Übersetzung einzubringen - zur Not durch Einfügungen -, der damaligen Lesern präsent, uns heute aber oft gar nicht bekannt ist. Ein derartiges Übersetzungsunternehem hat es in der Tat im biblischen Bereich noch nicht gegeben. Gleichzeitig versuchen Berger/Nord wie Luther den "Leuten aufs Maul" zu schauen, ohne dabei peinliche Soziologensprache zu verwenden, wie es oft in der "Guten Nachricht" geschieht. Die Sprache ist einfach und natürlich. Die Übersetzungsvorschläge sind oftmals strittig. Aber das sind auch diejenigen der Lutherbibel, der Einheitsübersetzung usw. Gerade die Andersartigkeit mancher Übersetzungen zwingt erneut, Übersetzungen nebeneinander zu legen oder den Urtext zu benutzen oder einfach das Risiko auf sich zu nehmen und eine Zeit lang sich eben für eine bestimmte Übersetzung zu entscheiden. Berger/Nord ist da wahrlich nicht die schlechteste. Zu den Texten: Wo bekommt man für den Preis derart viele frühchristliche Texte? Allein Bergers Sammlung der Agrapha (ungeschriebene Jesusworte) ist bislang einmalig - und eben auch anregend! Oder wo bekommt man eine LESBARE Fassung des Wahrheitsevangeliums, des Protevangeliums Jakobi und, und, und, und! - Neben der Vielzahl der Texte ist vor allem auch die LESBARKEIT hervorzuheben! Da mögen einzelne Übersetzungsvorschläge umstritten sein (nichts anderes hatte Luther von seinen Gegnern zu hören bekommen)- aber daß diese frühchristlichen Texte auch für einen außerwissenschaftlichen Gebrauch zugänglich sind - das ist neu. Die Übersetzer der Qumran-Psalmen haben hier ein Mammut-Unternehmen mit einem wirklich präsentablen Ergebnis erbracht. Frühchristliche Spiritualität außerhalb der gewöhnlichen Bibel ist jetzt auch in lesbarer Form für interessierte Gemeindeglieder zugänglich, kann in Gebets-, Bibel- und anderen Kreisen - auch im Gottesdienst - verwendet werden. Daß man im Weihnachtsgottesdienst die geprägte Lutherfassung des Evangeliums nach Lukas immer bevorzugen wird, ist ein anderer Punkt, der aber überhaupt nicht die Leistung an sich auch nur tangiert, sondern damit zusammenhängt, daß eben bewußt anders übersetzt wurde und wir als Gewohnheitstiere eben die Worte hören wollen, die wir schon als kleine Kinder gehört haben. Das ist gut so und soll auch wohl niemandem abgesprochen oder genommen werden. Ich lese jedenfalls in der Einleitung nicht, daß die Übersetzer ein derartiges Ziel verfolgten. Zur Kanonfassung: Ausdrücklich betonen Berger/Nord, daß es nicht um eine Ersetzung des Kanons geht. Es geht vielmehr um eine Erweiterung des Blickfeldes. Und das ist wohltuend. Denn oftmals schwimmt man sonst zu sehr im immer gleichen Brei (Rechtfertigungslehre, Lasset die Kinder zu mir kommen, Barmherziger Samariter ...). Zur Anordnung: Datierungsfragen sind oftmals ideologisch besetzt. Warum muß z.B. die Johannesoffenbarung eine der letzten Schriften sein? Im Kanon deswegen, weil sie kompakt einen Ausblick auf "die letzten Dinge" gibt. Aber warum soll sie spät entstanden sein? Wohl, weil man sie gut lutherisch oder auch gut aufgeklärt-liberal weit abrücken möchte von Rechtfertigungslehre und liberalem Gutmenschentum. Wenn aber die Zahl 666 sich auf Kaiser Nero bezieht, ist eine frühere Entstehung viel wahrscheinlicher. Warum z.B. sollen Johannesevangelium und Johannesbriefe so spät entstanden sein? Wegen hoher Christologie? Die ist in den frühen Paulusbriefen auch schon so oder gar heftiger vorhanden. Weil das Evangelium eine andere Story bietet? Das läßt sich mühelos mit einem anderen Umfeld und anderer theologischer Bildung des Autors erklären. Nachdem man heute weder gnostische noch doketistische Hintergründe in den johanneischen Schriften sehen muß, sind diese überhaupt nicht auf eine späte Entstehungszeit festgelegt, sondern können "ursprünglicher" sein, als man bisher dachte. Die Datierungsvorschläge Bergers sind ungewöhnlich. Sie sind aber nie unbegründet. Und sie haben wohl kaum vor, einen festen Konsens zu begründen. Die Festlegung oft auf genaue Jahreszahlen hat wohl mit dem Bemühen zu tun, ein alternatives Konzept ebenso feingliedrig zu bieten, wie es die herkömmlichen sind. Im Ergebnis lassen sich diese Zahlen alle nicht beweisen - und das zu zeigen, mag auch ein Ziel Bergers sein. Aber auch als Vorstellungsmodell taugen die von ihm genannten Zahlen durchaus: Wie wäre es denn, wenn tatsächlich der Jakobusbrief einer der ersten gewesen wäre? Oder wenn Kolosser- und Epheserbrief in direktem zeitlichen Zusammenhang mit dem historischen Paulus stünden? Vieles, was herkömmliche Wissenschaft durch zeitliches Auseinanderziehen voneinander absetzt und somit geradezu unverbunden sein läßt, muß nun theologisch in einen Diskurs treten. Da es ja nicht um eine Harmonisierung von Spannungen geht, ist das Ergebnis eher die Zunahme derselben und damit auch die verschärfte Suche nach echten THEOLOGISCHEN Lösungen, anstatt von pseudo-historischen. Letztere lösen nichts. Erstere können, wenn sie gut sind, auch für den heutigen Glauben einiges austragen. Insofern gebührt auch für die konsequente Auflistung von hypothetischen und teils auch recht fiktiven Jahreszahlen Berger Dank. Seine Zahlen sind nicht fiktiver als die des Konsenses. Sie regen aber stärker zum theologischen Denken an. Und bieten nebenbei eine theologiegeschichtlich durchaus begründete historische Alternative. FAZIT: Strittig ist vieles in diesem Buch. Das soll wohl so sein. Und das ist - im Gegensatz zum Harmoniebedürfnis vieler - Voraussetzung für produktives Weiterdenken in Wissenschaft und Glauben. Und das ist gut so. Einmalig sind Übersetzungskonzept, Textvielfalt und Anordnung. Einmalig ist vor allem auch, daß Wissenschaftler historisch abständige Texte in einer solchen Fülle und Komplexheit dem theologisch verständigen Publikum sowie den "Laien" unter weiterführenden Perspektiven zugänglich machen. Sich also nicht im wesentlichen um Fußnoten, sondern um Wege des Herzens und des Kopfes mit dem Glauben früher und heutiger Christen beschäftigen. Und das auf hohem Niveau. Vielen Dank.
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