Neue Zürcher Zeitung
Dichter und Henker
Roberto Bolaños Handbuch der «Naziliteratur in Amerika»
Hat schon die, durchaus reale, Existenz «konservativer Intellektueller» auf dieser Welt etwas unbestreitbar Paradoxes, stellt der Begriff «Naziliteratur» erst recht eine Contradictio in adjecto dar: Wie soll eine Tätigkeit, zu deren edelsten Antrieben das Bemühen zu rechnen ist, dem Terror der Eindeutigkeit etwas entgegenzusetzen, zusammengehen mit einer Ideologie, die genau diese Eindeutigkeit um jeden Preis durchzusetzen entschlossen ist? Umgekehrt liesse sich eine solcherart totalitäre Literatur in der Weise definieren, dass ihre Produzenten im Unterschied zu den echten Literaten die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit in einem bestimmten Moment aus den Augen verlieren oder von vornherein nicht respektieren: D'Annunzio versuchte einst tatsächlich, in militärischer Verkleidung die Stadt Rijeka/Fiume dem italienischen Ganzen einzuverleiben; Mussolini schrieb Gedichte und machte sich dann daran, den Traum der Futuristen von der Herrschaft der Maschinenmenschen und Aeroplanes in die Realität umzusetzen; und der kläglichste aller Glücksritter, die die Welt bisher mit ihren Visionen heimgesucht haben, beschrieb seinen «Kampf» mit diversen halluzinierten Monstern in einem Buch, bevor er aufbrach, um leibhaftig gegen sämtliche Windmühlen in allen vier Himmelsrichtungen anzurennen genau das, was der Schöpfer des Don Quijote im wirklichen Leben nie getan hätte, selbst als er noch beide Arme besass.
In bescheidenerem Massstab, falls ein solches ranking der Dichter-Diktatoren überhaupt zulässig ist, kleidete auch der chilenische General Augusto Pinochet sein sehr reales Handeln mitunter in ein dichterisches Gewand, etwa, als er den vielzitierten Ausspruch tat, die Demokratie müsse «von Zeit zu Zeit in Blut gebadet werden». Ob er sich damit der Welt als Neuschöpfer der Nibelungensage präsentieren wollte, wird sich wohl nie restlos klären lassen. Auf der Spur seiner und ähnlicher Verbrechen an den Rechten der Literatur nicht weniger als denen der Menschen ist jedoch seit einiger Zeit, neben dem unerschrockenen spanischen Richter Baltasar Garzón, auch der chilenische Schriftsteller Robert Bolaño. Gerade einmal zwanzig Jahre alt, musste sich dieser ein halbes Jahr lang ebenjener «Reinigung» unterziehen, die der dichterisch veranlagte General seinem Volk verordnet hatte. Danach «entliess» man ihn ins Exil, nach Spanien, wo er seitdem zurückgezogen mit seiner Familie in dem katalanischen Küstenort Blanes lebt.
Dem Helden Siegfried vergleichbar, scheint Bolaño jedoch gestählt mit einem unbezähmbaren Humor aus dem ihm einst aufgezwungenen «Blutbad» hervorgegangen zu sein. Sein fiktives Handbuch der «Naziliteratur in Amerika» macht zunächst den Eindruck, er habe eine dieser neuartigen «Suchmaschinen» mit dem Befehl «Amerika-Dichter-Nazi» in die Weiten des Internets ausgesandt und nach ihrer Rückkehr einfach alles aufgeschrieben, was sich in ihrem Netz verfangen hat. Die Ausbeute präsentiert sich allerdings fast durchwegs als Ansammlung meist völlig aus dem Ruder gelaufener Spinner und bemitleidenswerter Einzelgänger statt der erwarteten blutrünstig-perversen Nazis. Und so wächst von Seite zu Seite ungehemmt das Vergnügen an den herrlichen Skurrilitäten, die Bolaños schier unerschöpflicher Erfindungsreichtum aufs Papier zaubert. Dass er dabei sehr wohl alles fest im Griff hat, zeigt nicht nur die feine Melancholie, die immer wieder zwischen den Zeilen hervorsickert. Vor allem beweist es die meisterlich angelegte Wendung, die Bolaños «Handbuch» im letzten «Eintrag» nimmt. Er ist dem «schrecklichen Ramírez Hoffman» gewidmet, welcher mit dem Rauch seines Flugzeugs Todeshymnen an den Himmel über Santiago zeichnet und natürlich um nichts weniger fiktiv ist als seine Vorgänger, doch dass Bolaño sich nun auf einmal selbst im Text auftreten lässt und dabei einem anderen Exilanten hilft, «eine Angelegenheit unter Chilenen» mit Ramírez Hoffman zu begleichen, lässt ahnen, wie bitter dieser ganze Humor hat erkauft werden müssen. Doch will es Bolaño hierbei keinesfalls bewenden lassen, und so beschliesst er sein «Handbuch» mit dem wohl komischsten bio-bibliographischen Anhang der Weltliteratur. Nicht bloss deswegen verdient sein Buch einen Platz in jeder anständigen imaginären Bibliothek.
Peter Kultzen
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Dreißig Lebensläufe von Nazi-Dichtern aus Süd- und Nordamerika. All diese Autoren haben nie existiert. Sämtliche hier beschriebenen Lebensläufe und Werke sind voller kultureller, politischer und geschichtlicher Bezüge zur Realität - der historischen, der gegenwärtigen, sogar der künftigen, denn einige der hier Versammelten sind erst im Kommenden Jahrtausend gestorben. Diese seltsamen Dichter reisen durch Amerika und Europa, erleben Abenteuer, deren historischer Hintergrund bekannt ist, und geraten in Kontakt mit Künstlern, Literaten, Politikern und Wissenschaftlern, die der Leser in den passenden historischen und politischen Kontext wird setzen können ...