Das Orakel vom Berge bedeutete für Philip K. Dick den schriftstellerischen Durchbruch -- und zwar nicht nur innerhalb des SF-Genres. Das Buch dient noch heute als Paradebeispiel für die vielen Bücher, die sich mit den etwaigen Folgen eines Sieges Hitlers im Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Jedoch legt der Autor hier eher Wert auf die individuelle Welt der Hauptcharaktere als auf die globale politische Lage.
So bricht zum Beispiel für Robert Chandler, einem in San Francisco -- unter japanischer Jurisdiktion stehend wie auch die übrige Westküste -- lebenden Antiquitätenhändler, gleich zu Beginn eine Welt zusammen: Die bei den japanischen Besatzern so beliebten authentischen amerikanischen Kunstgegenstände, Haupteinnahmequelle Chandlers, stellen sich teilweise als Fälschungen in beinahe schon industriellem Ausmaß heraus; öffentlich bekannt, würde das seinen Ruin bedeuten.
Wie viele seiner Landsleute hat sich auch Chandler den Umständen nach dem Krieg angepaßt, und so gehören sowohl die japanischen Wertevorstellungen als auch das I Ching (eine Art Orakel mit jahrtausendealter Tradition) untrennbar zu seinem Leben. Und ebenso wie die Masse der Amerikaner hat er den Glauben an sich selbst verloren, buckelt vor den Japanern und sieht sich, verglichen mit ihnen, nur als Barbar. So verwundert es nicht, daß ein Buch, das sich mit einem Sieg der Allierten und seinen Folgen auseinandersetzt, zum allgemeinen Gesprächsstoff wird.
Dieses Buch benutzt Dick als Mittel, um eine weitere alternative Geschichte zu entwickeln -- denn die Geschichte des Buches ist keineswegs die unsere. Chandler bildet zwar einen Knotenpunkt, auf den die meisten der zahlreichen Handlungsstränge früher oder später treffen, jedoch steht er keineswegs im Mittelpunkt. So beschäftigt sich Dick auch mit Mr. Togomi, einem hohen japanischen Beamten, der unfreiwillig in eine politisch überaus prekäre Lage gerät und für den schließlich auch eine Welt zusammenbricht.
In all dies eingebunden ist noch die verworrene Situation im Nazi-Deutschland nach dem Tod des Führers sowie innenpolitische Kämpfe, die das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können. Und wie so oft in Dicks Büchern lautet die Frage am Ende: Was ist Illusion und was Realität?
Urteil: Selten fiel mir die Bewertung eines Buches so schwer wie im vorliegenden Fall, denn obwohl der literarische Anspruch über jeden Zweifel erhaben ist, mangelt es Dick an der Fähigkeit, den Leser zu fesseln -- jedenfalls in meinem Fall.
Das immer wiederkehrende Motiv der in Frage gestellten Wirklichkeit sowie die teils seitenlangen philosophischen Passagen erschweren das Lesen, und auch die zeitweise recht künstlich wirkenden Dialoge tragen nicht gerade zum Lesefluß bei.
Auf der anderen Seite jedoch kann man dem Buch eine gewisse Faszination nicht abstreiten, zu plastisch und glaubwürdig schildert Dick die Zustände im unter japanischem Einfluß stehenden San Francisco, und zu geschickt verknüpft er die einzelnen Handlungsstränge. Sein Kunstgriff mit dem Buch im Buch, aber auch die Einbindung des I Ching verleihen dem Orakel vom Berge ein ganz besonderes Flair. Liebhaber der seichten Unterhaltung werden nicht auf ihre Kosten kommen -- allen anderen sei es aber ans Herz gelegt. --Oliver Faulhaber
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.