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63 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein monumentaler Torso über das düstere Herz der Welt, 5. Dezember 2009
Wie fasst man ein 1100 Seiten Werk kurz zusammen?
Am besten gar nicht, aber wenn man es trotzdem versuchen möchte, muss klar sein, dass die epische Fülle dieses Buches auch nicht ansatzweise deutlich werden kann. önnen.
Da der Inhalt dieses Riesenwerkes aber in sehr vielen Rezensionen falsch oder missverständlich wiedergegeben wurde, will ich es trotzdem versuchen.
Worum also geht es in dem vorliegenden Megaroman?
Das erste Buch (VON DEN KRITIKERN - S. 11-202 ) beginnt so esoterisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Vier Literaturwissenschaftler, drei Männer und eine junge Frau, allesamt Experten für das Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldo lernen sich auf philologischen Kongressen kennen und lieben. Die gemeinsame Suche der vier Literaturwissenschaftler nach dem verschwundenen Archimboli führt sie nach einigen Irrungen und Wirrungen in die nordmexikanische Stadt Santa Theresa, wo sie ihn nicht finden, aber gleichsam en passant von den rätselhaften Frauenmorden hören.
Im Mittelpunkt des zweiten Buches (AMALFITANO - S. 203-284 ) steht Professor Amalfitano, ein chilenischer Wissenschaftler, der mit seiner Tochter Rosa in Santa Theresa lebt. Er ist geplagt von Stimmen Vorahnungen und dem Gefühl eines herannahenden Verhängnisses, während in dem Ort, in dem er lebt, immer mehr ermordete Frauen aufgefunden werden.
Das dritte Buch (FATE - S. 285-428 ) führt den Leser auf den Spuren des afroamerikanischen Reporters Oscar Fate von New York erneut nach Santa Theresa mitten hinein in das widerwärtigste Machimso-Milieu und damit noch etwas näher an das sich immer beunruhigender ausweitende Phänomen der Massenmorde an jungen Frauen heran.
Das vierte Buch (VON DEN VERBRECHEN - S. 429-770) ist zweifellos der düstere Kern des gesamten Werkes. Über Hunderte von Seiten werden die Frauenmorde von Santa Theresa befremdlich detailliert dargestellt - jeder Fall für sich ist schockierend in seiner Anschaulichkeit und doch bald auch ermüdend in der Wiederholung, womit der Autor genau jenen medialen Gewöhnungseffekt simuliert, der das Grauen, zu einem Bestandteil des täglichen Lebens macht. Die kursorischen, teils unsystematischen, teils schlampigen Ermittlungen führen schließlich zur Verhaftung des Deutschamerikaners Kurt Haas, dem die korrupten Untersuchungsbehörden den Mord anzuhängen suchen.
Das fünfte und letzte Buch (ARCHIMBOLDI - S. 770-1085) erzählt die Geschichte des 1920 in Norddeutschland geborenen Hans Reiter, der am zweiten Weltkrieg teilnimmt und nach 1945 unter dem Pseudonym Benno von Archimboldo Romane veröffentlicht, die ihn, wenngleich nach einer längeren Anlaufzeit, weltberühmt machen. Seinen Neffe Klaus Haas verschlägt es nach zahlreichen privaten Bruchlandungen nach Amerika, wo er als Hauptverdächtiger für die Massenmorde an Frauen im Gefängnis von Santa Theresa landet. Über seine Schwester Lotte erfährt der jahrzehntelang im Verborgenen lebende und auch schon über achtzigjährige Archimboldi, dass sein Neffe in Mexiko ins Gefängnis sitzt und macht sich per Flieger auf nach Los Angeles. Das wars.
Soweit die Vogelperspektive auf das vorliegende Werk. Nimmt man das Buch aber dann wirklich auch zur Hand, erwartet den Leser eine phänomenale Üppigkeit an Personen und Schauplätzen, die beinahe Schmöker-Qualität besitzt, Je weiter man liest, je deutlicher entfalten sich die Konturen eines literarischen Universums, dessen Chronologie nahezu das gesamte Zwanzigste Jahrhundert und dessen Geographie den gesamten Planeten umfasst. Doch keine Angst - so unfassbar geräumig der poetische Weltentwurf daherkommt, so leicht liest sich der Leser in die verschiedenen Provinzen dieses Textkosmos ein. Bolanos Sprache ist von einer brillanten Anschaulichkeit und Tiefe zugleich - Personen, Begriffe, Handlungsketten, Theorien defilieren am geistigen Auge des Lesers vorüber, ohne dass einen Augenblick lang Verwirrung oder Langeweile entstünde. Der Roman ist kurzweilig auf eine fast verdächtige Art, ohne banal zu sein, er ist grauenhaft und schockierend ohne auf Effekte zu setzen, und er von einer unglaublichen Gelehrsamkeit, ohne zu verwirren. Vor allem aber ist er große Literatur, in der Szenen und Bilder beschrieben und gefunden werden, wie man sie noch nie gelesen hat.
Was aber ist sein Thema? Soweit sich das auf der Grundlage des vorliegenden Torsos beurteilen lässt, ist die Handlungsführung zwischen zwei Polen aufgespannt - zwischen dem Leben Benno von Archimoldos (und seiner Adepten) im ersten und letzten Buch und den Frauenmorden von Santa Theresa ( in Wirklichkeit: Ciudad Mexiko an der mexikanisch-amerikanischen Grenze), d. h. es handelt sich um eine Spannweite, wie man sie sich kaum extremer vorstellen kann: Literatur und Wirklichkeit, Mütter und Mörder, Edelrestaurant und Müllhalde, spätbürgerliches Bildungsgehabe und entmenschter Machimso, provinzielle Spießigkeit und dekadente Libertinage, Männer und Frauen, Schwarz und Weiß, Nord und Süd, Reichtum und Armut, Nazis und Juden - das und viel mehr führt den Leser in das düstere Herz der Welt und verbindet sich zu einem literarischen Strudel, der genau in dem Augenblick abbricht, wo die weit verstreuten Fäden sich durch den Aufbruch Archimboldos nach Mexiko zu verbinden scheinen.
Roberto Bolano, der vor der Fertigstellung des Romans, im Jahre 2004 in Barcelona an einer Leberzirrhose im Alter von gerade mal gut Fünfzig Jahren verstarb, hat diese Synthese nicht mehr leisten könne. Er hat ein unvollendetes Werk hinterlassen, von dem sich ein jeder am Ende des Buches fragen mag, welchen gestalterischen Weg der Autor bei der Vollendung des Werkes wohl eingeschlagen hätte. Auch wenn solche Mutmaßungen müßig sind, bin nach der Lektüre des Werke von zweierlei überzeugt. Zunächst glaube ich, dass Bolano nach diesem gigantischen Grundriss noch einmal mindestens eintausend Seiten benötigt hätte, um all die Fäden und Fährten zusammen zu führen. Aber selbst für den Fall, dass dies versucht worden wäre, hätte ich meine Zweifel, ob es auch gelungen wäre. Wie der überdimensionierte Dom von Siena oder Theodor Mommsens "Römische Geschichte", die mit Cäsars Tod abbricht, wie Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Mahlers Zehnte Sinfonie hat es oft seinen Grund, dass große Werke am Ende unvollendet bleiben. Sie können nicht vollendet werden, ihre alle Grenzen sprengender Entwurf erlaubt keine entgültige Gestalt. Ihre Unabgeschlossenheit spiegelt in der ganz großen Form die Fragmentarität der Welt, die allem zugrunde liegt. Ein Beispiel dafür ist für mich das vorliegende Werk. Der Tod des großen Autors muss auch mit diesen Augen gesehen werden.
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49 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schön erzählte Geschichten, 26. September 2009
Zwei Wochen habe ich mich nun durchgekämpft durch den voluminösen Nachlass von Roberto Bolano. Oh, es war ein durchaus vergnüglicher Kampf, "2666" ist ein sehr unterhaltsamer Roman, oder vielmehr ein Sammelsurium von interessanten und spannenden Geschichten, die vielfältig und einfallsreich miteinander verwoben sind.
Das zentrale Motiv des Buchs ist die (leider sehr reale) Mordserie an Frauen im nordmexikanischen Ciudad Juárez (im Roman Santa Teresa genannt). Diese bilden quasi den modernen Gegenpol zum Grauen des Zweiten Weltkriegs, und zwischen diesen beiden Polen spielt der Roman. Zentrale Figur dabei ist der obskure deutsche Gegenwartsautor Benno von Archimboldi.
Der erste Teil handelt von vier europäischen Germanisten (eine Dame und drei Herren), die sich auf das Werk dieses Autors spezialisiert haben, im übrigen auch eine recht undefinierte Ménage à Quatre betreiben. Ihre Jagd nach dem geheimnisvollen Autor endet in Santa Teresa.
Der zweite, recht kurze Teil, schildert das Leben eines fünften Professors, eines Chilenen, der lange in Spanien gelebt hat und schließlich als Professor in Santa Teresa endet.
Fate, Protagonist des viertel Teils, hingegen ist Journalist einer Zeitung für Afroamerikaner, der für den verstorbenen Sportredakteur einspringen soll und von einem Boxkampf aus Santa Teresa berichten soll. Er stößt dabei auf die geheimnisvolle Mordwelle an Frauen in der nordmexikanischen Stadt.
Der vierte Teil kommt ohne einen durchgängigen Protagonisten aus, Bolano schildert hier in erdrückenden 300 Seiten die Mordserie in Santa Teresa, verbunden allerdings mit zahlreichen Geschichten und Portraits rund um die Stadt und ihre Bewohner.
Im letzten Teil schließlich wird das Geheimnis um die Person Benno von Archimboldis aufgelöst, wir erfahren, in welchem Verhältnis er zu den Morden in Santa Teresa steht (mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, um nicht zuviel Handlung vorwegzunehmen).
Bolanos Werk ersclägt den Leser erstmal mit seiner Fülle und seinem schon rein physischen Umfang. Es ist sicher kein Buch für eine Nacht (und im übrigen im Alltag für den U-Bahn-Leser auch etwas unhandlich, da groß und schwer).
Das Buch hat mich vor allem mit seiner klaren und unprätentiösen Sprache überrascht, gepaart mit einer unbändigen Fabulierlust. Bolano will Geschichten erzählen, und er tut dies in einer flüssigen, stilsicheren Sprache. Er versucht nicht, Sprachkunst zu erzeugen, er verliert sich auch nicht in seitenlangen Beschreibungen eines Kaffeeflecks. Tempo des Buchs und seine Handlung sind gut ausgewogen, der Stil ist ruhig und freundlich. Einfach erzählte Geschichten, ironisch, unterhaltsam, auch traurig und bitter, aber vor allem Geschichten und keine Manifeste.
Dabei verwirrt die Beschreibung des Verlags etwas. Ich weiß nicht, was sich die Damen und Herren bei Hanser bei der Abfassung des Klappentextes gedacht haben. Von diesem ausgehend könnte man glauben, es ginge um den Nazi-Stützpunkt auf dem Mond und die dunklen Geheimnisse der Area 51.
Nein, der Verlagstext rückt den Roman denkbar in ein falsches Licht und ist auch nicht fehlerfrei. So ist Benno von Archimboldi eben kein Nazi, und der Roman ist manches, aber definitiv keine Science Fiction (das einzige derartige Motiv ist eine Lebensbeschreibung eines russischen Science Fiction-Autors, der den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fällt).
Ein kleines bißchen Stirnrunzeln hatte ich auch bei der Übersetzung des Romans. Ich spreche leider kein Spanisch, kenne nur die vorliegende deutsche Übersetzung, kann also an einzelnen Stellen auch nicht beurteilen, ob eine "komische" Formulierung nicht doch sehr bewußt gewollt ist. Aber an ein paar Stellen habe ich schon gestutzt, z.B. als vom "baltischen Meer" die Rede war, das man doch gemeinhin hierzulande als Ostsee referenziert. Da kriegt das Lektorat bei mir ganz leichte Abzüge in der B-Note.
Aber das sind Randnotizen, und diese sollen den Eindruck des Buchs nicht schmälern.
"2666" ist ein Buch für Leute mit langem Atem, die sich an vielen großen und kleinen Geschichten freuen, die sich auf einen manchmal aberwitzigen und skurrilen Humor einlassen und dennoch auch mit dem tragischen Rahmengeschehen umgehen können.
Ob's der große Jahrhundertroman ist, das mögen andere entscheiden, das ist mir ziemlich egal. Zumindest ist es ein sehr, sehr vergnügliches Buch.
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48 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ist Literatur im Internetzeitalter möglich? Weltliteratur ist möglich!, 11. September 2009
Zuerst einmal zum Preis von ¤ 29,00 ohne Inhalt: Ein Buch, wunderschöner Dünndruck, gefärbter Schnitt, über 1.000 dichtbetextete Seiten ... eine Buchschrank-Schönheit. Schon vom Gegenwert her ist dies Buch eine Ausnahmeerscheinung.
Man sollte sich nicht vom Thema schrecken lassen (Serienmorde in Mexiko). Bolano erzählt humorvoll, meist ausgelassen, hundert Fäden spinnend. Es gibt herbe, ja brutale Stellen, aber nichts ist auflagesteigernd reißerisch, alles wird gehalten vom Erzählfluss und einem Erzähler, dem eine Vision die Worte schreibt. Joseph Conrad und 'Das Herz der Finsternis' fällt mir hier am ehesten ein.
5 Teile hat das Buch, jeder ist völlig anders als der andere in Stil und Blickwinkel. Letztendlich schwebt die Bedeutung in den leeren Zwischenräumen. Die 5 Teile stehen nebeneinander, irgendwie fremd, obwohl das Thema nie losgelassen wird. Es gibt wenig Bücher, die man irgendwo aufschlagen kann, um gefesselt zu werden.
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