Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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60 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Philip Roth kehrt zu seinen Wurzeln zurück, 7. Februar 2009
Mit seinem neuen Roman "Empörung" kehrt der Amerikaner Philip Roth zurück zu den Jahren seines schriftstellerischen Ursprungs. Das Amerika der beginnenden 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist ein sittenstrenges, politisch fragwürdig geführtes und sich gerade im Koreakrieg ausblutendes Land.
Marcus Messner, geboren in Newark, Sohn jüdischer Eltern, kommt in Winesburg an, einer verträumten amerikanischen Kleinstadt mit einem konservativem College, dem ein erzkonservativer Ex-Politiker in Lauerstellung auf den nächsten Gouverneursposten, vorsteht.
Mit dem Studentenleben beginnen für Marcus auch neue Prüfungen des Lebens, das Zusammenleben mit anderen Studenten auf einer Bude, die Akzeptanz von Andersartigkeit in jeglicher Form und - natürlich - die nicht schmerzlose Entdeckung des sexuellen Ichs.
Philip Roth blättert mit seinem neuen kleinen Buch eine Biografie des Scheiterns auf, des Scheiterns eines jungen Mannes an sich selbst und an den Ansprüchen, die ihm von der Gesellschaft aufgegeben werden und die zu erfüllen er nicht bereit ist, nicht bereit sein kann. Die erdrückende Enge des jüdischen Elternhauses und des immer mehr überbesorgt reagierenden Vaters tauscht Marcus mit der provinziellen Enge eines der Tradition verhafteten Colleges ein und so stößt Marcus nicht in die erhoffte Freiheit vor sondern bleibt Gefangener der Umstände, die sein Leben genau wie das Leben von Millionen anderer Amerikaner prägen.
Die Zeit ist gnadenlos und der böse und schwarze Schatten der McCarthy-Ära beginnt sich über das geplagte Land zu legen. Der weit weg stattfindende und sich doch in die alltägliche Wahrnehmung der Amerikaner einbrennende Koreakrieg fordert immer mehr Opfer, Soldaten und Familien, die ihre Söhne und Väter verlieren. Dieses Gespenst des Krieges ist es, dass Marcus Angst einflößt und dem er mit Bestleistungen am College zu entkommen versucht. Gelingen kann ihm das nicht, egal, wie seine ganz persönliche Geschichte auch auszugehen vermag.
Philip Roth schreibt mit der Weisheit des Alters und der Verbissenheit des Mahners, dem zu glauben nicht jeder im Land bereit ist. Anders als noch in seinen frühen Geschichten und Romanen zu den in seinen Werken immer wiederkehrenden Themen der Abnabelung vom jüdischen Elternhaus, der Entdeckung der Sexualität und des Lebens in einer kalten Gesellschaft ist Roth mit zunehmenden Alter immer deutlicher und unverblümter, ja unduldsamer mit seinen Überzeugungen umgegangen und hält mit diesen in seinen Romanen an keiner Stelle hinter dem Berg. Marcus Messner muss scheitern, mit seinem Anspruch hat er im damaligen Amerika kaum eine Chance und hätte sie wohl heute ebenso wenig.
Philip Roth ist ein ganz herausragender Autor und er hat mit seinem beim Hanser Verlag in der wieder ganz vorzüglichen deutschen Übersetzung von Werner Schmitz erschienenen kleinen Roman "Empörung" einen neuen mächtigen Pfahl in sein Alterswerk geschlagen, der dieses noch sehr lange im Bewusstsein der literarischen Welt festhalten wird!
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70 von 81 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Junge, der alles richtig machen will , 7. März 2009
Um zwei Themen kreisen fast alle Werke der Literatur: um die Liebe und um den Umgang zwischen den Generationen. Warum also noch ein Buch über dieses Thema? Die Antwort: Weil es so viele Nuancen dieses Themas gibt wie Menschen, die sie erleiden, und weil jede gute Geschichten darüber es wert ist, erzählt zu werden.
Im Mittelpunkt des vorliegenden Romans steht Marcus, ein junger Mann, der sich viel darauf zugute hält gerade heraus und ehrlich zu sein. Marcus ist zwar Jude, hat aber mit Religion nichts am Hut, stattdessen ist er korrekt und strebsam bis zum Exzess, zuerst als Gehilfe seines Vaters, einem koscheren Metzger aus Newark, dann in der Schule und schließlich auf dem College. Eigentlich hat Markus eine glänzende Karriere vor sich, dann aber kommt doch alles ganz anders - und am Ende ist er tot.
Wie es dazu kommt, soll nicht verraten werden, doch auf dem Weg in dieses Verhängnis passiert der junge Marcus all die anthropologischen Schleusen, die jeder Jugendliche auf seinem Weg ins Erwachsenensein bewältigen muss: das Verhältnis zu den Eltern, das Verhältnis zu den Autoritäten, das Verhältnis zum anderen Geschlecht. Wie Roth diese archetypischen Konstellationen szenisch und dialogisch ausarbeitet, gehört für mich zu den Meisterleistungen der literarischen Miniatur. Man lese nur das Gespräch des Sohnes mit seiner ans Krankenbett geeilten Mutter: wie der junge Markus seiner Mutter aus einem Fachbuch vorliest und diese zwar nichts versteht, aber glücklich darüber, dass der Sohn offenbar etwas lernt, selig entschlummert, hat etwas ungemein Rührendes. Die außerfamiliären Autoritäten treten dem jungen Markus in Gestalt des "Deans" (einer Art Collegevogt) gegenüber, der Markus einem inquisitorischen Verhör unterwerfen will, dann aber vom geistig ungemein regen Jungstudenten intellektuell den Kopf gewaschen bekommt (Bertrand Russel lässt grüßen). Am ergreifendsten aber - wie könnte es anders sein - ist Markus Begegnung mit dem anderen Gespräch, sprich mit der Liebe. Wie eine verlockende Prinzessin erscheint dem scheuen Studenten die schöne Kommilitonin Olivia, die dann aber dem noch jungfräulichen Marcus schon beim ersten Rendezvous ohne großes Federlesen gleich einen "bläst". Kein Wunder, dass das den biederen Markus fast aus der Bahn wirft, auch deswegen, weil er längst sein Herz an dieses zweifelhafte Date verloren hat.
So gehen das 195 unterhaltsamen Seiten lang, bis das Buch nach einem hormonbedingten Aufruhr der männlichen Collegestudenten etwas abrupt endet. Erst auf den letzten fünf Seiten des Romans wird klar, dass die gesamte Erzählung, die der Leser bis hierhin gelesen hat eine Art morphiumverursachte Erinnerungsüberflutung des sterbenden Marcus darstellte. Denn "der Junge der immer alles richtig machen wollte", war am Ende dabei ertappt worden, den Gottesdienstbesuch im College zu schwänzen, so dass er relegiert und dann nach als Wehrpflichtiger nach Korea ( wir schreiben das Jahr 1952 ) verschickt wurde. Dort erleidet er einen elenden Tod, sein Vater überlebt die Nachricht nur achtzehn Monate, seine Mutter dagegen überstand auch diesen Schlag und wurde fast einhundert Jahre alt.
Eine tragische Geschichte fürwahr - wie aber ist sie erzählt? Mit einem Wort: meisterhaft. Alles wird stringent aus Marcus Perspektive berichtet, so dass wir seine Eltern, den Dean, seine Mitstudierenden und die schöne Olivia nur mit seinen Augen sehen - und darauf hereinfallen. Das Outing der verlockenden Olivia von der wunderschönen jungen Frau zum seelischen Wrack erschließt sich nur Schritt für Schritt, am Ende aber umso eindringlicher. Und dann Marcus: er, der so stringent seinen Prinzipien folgte und alle Kompromisse ablehnte, hat sie nur einmal verraten, als er sich beim Gottesdienst vertreten ließt - und das wird ein Untergang. All das erkennt der Leser erst ganz am Ende des Buches, als die verschiedenen Fäden des Romans sich zu dem Knoten schützen, der dem jungen Mann das Leben kosten sollte. Von der ersten bis zur letzen Seite ein sprachlich ausgefeilter und fesselnder Generationen- und Liebesroman der Spitzenklasse. Nur was der Titel "Empörung" bedeutet, ist mir bis zum Schluss unklar geblieben. Marcus ist bestimmt kein "Empörer", viel eher ist die Geschichte selbst "empörend" - wenn man die Sentenzen über Bertrand Russel liest, ist man fast geneigt, zu sagen: "empörend" gegenüber einem vermeintlichen Gott, der solche Tragik zulässt.
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23 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gebt ihm endlich den Nobelpreis, 20. April 2009
Zu Recht haben sich die Kritiker dieses Jahr erneut darüber aufgeregt, dass Philip Roth bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur wieder übergangen wurde. Denn der 76-jährige Amerikaner gehört nun mal zu den besten Erzählern der Gegenwart. Und bräuchte es trotzdem noch einen Beweis, so würden selbst diese 200 Seiten genügen. Kompakter kann man wohl nicht mehr schreiben, ohne dass der Leser das Gefühl hat, nun sei noch an jedem Buchstaben gefeilt worden. Und es ist auch schwierig, Philip Roth beim heikelsten aller Themen, dem Tod, zu übertreffen.
Von meiner selbstauferlegten Regel, keine Belletristik zu besprechen, mache ich hier eine Ausnahme, weil dieses Buch nun auch in der Audiofassung vorliegt, die ich mir nach der Lektüre ebenfalls angeschafft habe. Und so entdeckte ich auch einen neuen Sprecher, dessen Name ich mir merken werde. Joachim Schönfeld war gerade mal sechs Jahre alt, als Philip Roth 1969 mit "Portnoys Beschwerden" für den ersten von vielen Literaturskandalen sorgte. Aber nicht aus Marketinggründen, wie das heute oft bewusst inszeniert wird, sondern mit seiner Klarheit, die ihn auch in den folgenden Jahren auszeichnen sollte. Geht es um Sex, geht es eben um Sex. Will Roth enge kleinbürgerliche jüdische Verhältnisse aufzeigen, werden sie eben in aller Schärfe aufgezeigt. Spricht er über den Tod, dann säuseln keine Barockengel um die Gruft. Hat er Angst vor dem Altern, dann spürt der Leser diese Angst. Ist Empörung angesagt, dann wird sie geäußert.
Wer noch nie einen Roman von Philip Roth gelesen, gehört oder gesehen hat, könnte nun meinen, in diesem Buch stünden schauerliche Dinge im Mittelpunkt. Aber dem ist nicht so. Marcus Messner ist ein Sohn, wie es 1951 viele gab. Und er musste auch nicht unbedingt mehr ertragen als seine Altersgenossen, obwohl er als Metzgersohn nicht der damaligen Schicht angehörte, die automatisch Karriere machten. Er hat nur das Pech, dass er seinen Vater liebt und dieser eines Tages vom Gedanken besessen wird, seinen Sohn vor dem Bösen in der Welt beschützen zu müssen. Also flieht er und gibt damit dem Bösen erst recht die Möglichkeit, ihn einzuholen. Denn weil er sich nicht jeder blöden Anweisung von Lehrern fügt, nicht jede Macke von Mitschülern ertragen will und zur falschen Zeit mit der falschen Freundin schläft, rächt sich der bürgerliche Schicksalsgott an ihm und damit auch an seiner Familie. Und das alles wird von Joachim Schönfeld so vorgetragen, dass es dem Leser unter die Haut geht, obwohl doch alles irgendwie normal ist.
Mein Fazit: Als Einstieg in das grandiose Werk von Philip Roth kann ich diese kurze und dichte Erzählung mit Überzeugung empfehlen. Sie zeigt viel von dem auf, was diesen amerikanischen Romancier so außergewöhnlich macht. Nicht zuletzt, dass man nicht mit Wortungetümen und Satzknäuel aufwarten muss, um stilistische Brillanz zu beweisen.
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