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43 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das Buch hat mich tief berührt, 28. Juni 2007
Per Petterson, 1952 in Oslo geboren, hat sich mit "Pferde stehlen" in die Weltelite vorgeschrieben. Verlage nutzen den Sog der Bekanntheit, um ältere Werke auf den Mark zu bringen. "Im Kielwasser" entstand schon 2000, wurde ins Deutsche übertragen und nun in diesem Jahr veröffentlicht. Es geht um einen mässig erfolgreichen Schriftsteller, dem das Schiff (des Lebens) davonschwimmt. Er droht im Kielwasser zu ertrinken. Petterson präsentiert die Handlungsebene im Präsens, was unzweifelhaft Spannung auslöst. Das ist nötig, denn viel passiert nicht. Der geschiedene, 43 Jahre alte Arvid wacht aus einem Suff auf, kehrt in seine deprimierende Wohnung zurück, fängt eine Beziehung mit einer alleinerziehenden Nachbarin an, fährt mit dem Auto zum Einkaufen, besucht seinen Bruder nach dessen Suizidversuch im Spital, isst mit seiner Teenagertochter (die bei der Mutter lebt) Waffeln und offeriert einem anderen Nachbarn, ein Kurde, Kaffee und Kekse. Dies ist alles sehr leichtfüssig geschrieben, hin und wieder durchsetzt mit der den Norwegern (und anderen Skandinaviern) eigenen Halsstarrigkeit. Was das Buch nun aber tiefgründig und wertvoll werden lässt, sind die Rückblenden. Diese sind so geschickt eingefädelt, dass man die Übergänge oft gar nicht mitbekommt. Inhaltlich geht es in diesen Passagen immer wieder um die übergrosse Gestalt des Vaters, der Schuhmacher, der Freizeitathlet, der Gläubige, der mässige Trinker, der nie zu den Besten gehört hat, den nie etwas aus der Bahn geworfen hat, mit einer Ausnahme - seine erste Liebe. Eine Dänin, Tochter eines Abteilungsleiters in einer Schuhfabrik. Die Hochzeit war schon geplant, doch die Frau hielt die steinige Enge Norwegens nicht aus und fährt zurück nach Dänemark. Ein paar Tage lang ist Arvids Vater unauffindbar. Wie zum Trotz heiratet er danach eine andere Dänin und sie zeugen vier Kinder, vier Knaben. Es geht auch um diese Geschwister, vor allem um seinen älteren Bruder, erfolgreich und anders in seiner Art, aber nicht gefeit vor dem Abstieg und dem Alleinsein. Die Scheidung führt zum erwähnten Selbsttötungsversuch. - Dann ist da auch immer wieder das Fährunglück, bei dem die Eltern und die zwei jüngeren Brüder ums Leben kamen. - Am Schluss des Buches finden sich Arvid und sein älterer Bruder im grossen, durch die Scheidung leer geräumten Haus wieder. Sie prügeln sich, trinken "Famous Grouse" und rappeln sich - am Boden angekommen - auf, geläutert und bereit, in den nächsten 40 Jahren ihres Lebens, nicht wieder im Kielwasser schwimmen zu müssen.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Kielwasser als Lebenslinie, 11. November 2007
In Franz Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh" steht das Bild der Treppe für die Generationenfolge und damit für den stetigen Weg aufwärts, bei immer gleichen, fest gefügten Abständen. Petterson wählt das Bild des Kielwassers, welches für das Sich-Treiben-Lassen steht und für den größer werdenden Abstand - ein Bild auch unserer Zeit.
Um das schwierige Verhältnis Vater - Sohn herum entwickelt sich der Roman. Der im hohen Alter bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommene Vater wollte seinen Sohn Arvid nach seinem Bilde formen. Dieser hat sich jedoch schon früh gegen die Bemühungen des Sportfanatikers gesperrt, für den sein Körper ein Tempel war. "Ich scheiß auf Roald Amundsen!" sagt der Sohn über einen der väterlichen Helden. Die für uns gelegentlich bittere Erkenntnis, dass unsere Helden nicht die unserer Kinder sind, erreicht Arvids Vater nie. Das Ergebnis seiner Einwirkungen ist ein inzwischen 43 Jahre alter Hypochonder, der ständig neue Krankheiten an sich diagnostiziert und sich als Schriftsteller relativ erfolglos durchs Leben wurstelt. Eine gescheiterte Ehe gehört auch zu dieser Biografie. Die Versuche, sich vom Vater zu emanzipieren, bleiben halbherzig und wenig erfolgreich.
Aber auch der trug hinter seiner Fassade Blessuren durchs Leben. Die ersehnte Olympiateilnahme hat er nicht erreicht, als Sportler blieb er Mittelmaß. Er heiratete eine Frau, die er eher zufällig kennen gelernt hat. Vielleicht, weil sie aus Dänemark kam, wie die eigentlich geliebte. Weder Vater noch Sohn, weder Körper noch Geist, sind an ihr Ziel gekommen. Der Selbstmordversuch des Bruders bringt Arvid schließlich zu sich, auch die Beziehung zu einer Nachbarin. Mit diesem Lichtblick endet der Roman.
Als Plot scheint mir Arvids Leben, in das auch Autobiografisches eingeflossen ist, ein wenig dünn. Manches bleibt zudem nur Skizze, die Abreise zum Bruder nach England beispielsweise. Pettersons Stil dagegen ist immer ein Genuss. Kurz und gut: "Im Kielwasser" ist kein ganz großer Wurf aber das lesens- und nachdenkenswerte Buch eines großen Schriftstellers.
P. S. Aus dem Einband hat der Hanser-Verlag eine kleine Mogelpackung gemacht. Von den drei Zitaten stammen zwei aus Besprechungen zu "Pferde stehlen." Steht zumindest da. Eigentlich hätte den Damen und Herren Einbandgestaltern aber auch auffallen können, dass die Ausschnitte der Besprechung von Gabriele v. Arnim tatsächlich das vorliegende Buch meinen.
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24 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Per Petterson ist ein außergewöhnlich begabter und begnadeter Erzähler, 20. März 2007
Mit seinem wunderbaren Roman Pferde stehlen" wurde Per Petterson 2006, besonders nach der Empfehlung Elke Heidenreichs im ZDF, auf einen Schlag in Deutschland bekannt.
Sein schon 1999 bei Hanser erschienenes Debüt Sehnsucht nach Sibirien" hätte dazu mindestens genauso viel Anlass gegeben, doch es blieb leider bisher fast unbekannt.
Im Sog des Erfolgstitels des letzten Jahres legt man nun bei Hanser Pettersons zweiten Roman aus dem Jahre 2000 vor. In Im Kielwasser" beschreibt er, stark autobiographisch geprägt, die Geschichte des 43-jährigen Schriftstellers Arvid, der schreibend seinem Leben nachdenkt und es so - wie sollte es auch anders gehen ? - aus einer lang schon andauernden Krise herausführt.
Sechs Jahre ist es schon her, dass Arvids Vater zusammen mit seiner Frau und Arvids beiden kleinen Brüdern bei einem Schiffsbrand ums Leben kam. Dass der Vater, 78 - jährig, zu diesem Zeitpunkt schon schwer an Krebs erkrankt war, mildert den Schmerz und den Schock kein bisschen.
Arvids älterer Bruder ist der einzige, der ihm von der Familie geblieben ist, doch Arvids Trauer verbaut ihm lange den Weg, um zu seinem Bruder eine Beziehung aufzubauen. Indem er Stück für Stück sich in die Geschichte seiner Familie vortastet, indem er schreibend, um sein Leben schreibend, Schicht um Schicht dieser Geschichte und der mit ihr verbundenen Personen freilegt, kommt er zu erstaunlichen, ihn befreienden und seine Trauer auflösenden Erkenntnissen über seinen Vater.
Ein außergewöhnliches, persönliches Buch eines außergewöhnlichen und begnadeten Erzählers mit einer wunderbaren und poetischen Sprachmacht.
Ich kann es nur empfehlen. Und: wer Sehnsucht nach Sibirien" noch nicht gelesen hat, sollte es schnellstens nachholen. Es lohnt sich.
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