Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Gemischtwaren, 11. Juni 2008
Tja, was war das eigentlich, was ich da gelesen habe? Das Ganze kam mir vor, wie ein etwas eigenwillig sortierter Gemischtwarenladen. Eine ganze Reihe des Dargebotenen hat mich nicht sonderlich interessiert, andere Erzählungen waren sehr interessant, unabhängig davon ist der Schreibstil ein Genuss.
Der Autor unterteilt seine Istanbul-Erinnerungen in separate Kapitel. Er beginnt mit einem Rückblick in die eigene Kindheit, was sich etwas zäh liest, nicht sehr informativ ist aber einen wunderbaren, sehr einfühlsamen, den Großteil des Buches ausmachenden Erzählstil offenbart. Er beschreibt sich selbst als ein Muttersöhnchen, in der Kindheit und Jugend ohne soziale Anknüpfungen an Gleichaltrige, der in der Schule ein Streber ist, der nicht anecken will und anderen, die sich gegenüber dem Lehrer auch einmal etwas herausnehmen mit arrogantem Unverständnis begegnet. Derartiges, wie auch den langen Bericht über seine Malversuche als 15jähriger, der offenbart, bei bestimmten Gefühlslagen des Malens ein Onanierbedürfnis zu haben, hätte ich nicht erfahren müssen. Desgleichen gilt für seine ermüdenden seitenlangen Auseinandersetzungen mit verschiedenen, mir nicht bekannten türkischen Schriftstellern. An solchen, im Buch häufiger vorkommenden Stellen wird deutlich, dass der Autor bei seinen Erinnerungen ein recht großes Bedürfnis zu haben scheint, sich und sein Istanbul zu rechtfertigen, vor wem auch immer. Das betrifft insbesondere die von ihm als hervorhebenswert angesehene Sichtweise anderer, insbesondere Europäer und vor allem Franzosen.
Die wohl von ihm ernst gemeinten Vergleiche etwa seiner eigenen Malkunst mit einer Reihe großer Künstler wirken in konsequenter Fortführung seiner bereits in Kindheitstagen offenbarten Überheblichkeit eher arrogant als unterhaltsam.
Als Nichtkenner von Istanbul sind die wenigen Informationen über die Lokalitäten nicht verwertbar gewesen. Unabhängig davon hatte ich nicht das Gefühl, wirklich etwas über Istanbul zu erfahren. Die Sichtweise Pamuks scheint sich auf die Auseinandersetzung mit anderen geistigen Größen, sei es im Bereich der Literatur oder der malenden Künste und einem damit einhergehenden Exibitionismus des Autor zu beschränken, angereichert mit immer wiederkehrenden Bosporuserinnerungen.
Bei aller Kritik am Inhalt des Buchs, gibt es auch einiges recht Interessantes zu erfahren. Äußerst bemerkenswert waren seine Ansichten zum Thema Religion und zu seinem Verständnis der Verwestlichung von Istanbul und die Konsequenzen für seine Sichtweise ("Die Verwestlichung hat dazu geführt, die eigene Vergangenheit exotisch zu finden"). Auch im Übrigen konnte ich eine ganze Reihe positiver Aspekte dem Buch abgewinnen, so richtig überzeugt hat es mich allerdings nicht. Vielleicht lag das auch daran, dass mir der Autor in seiner Selbstdarstellung als nicht sonderlich sympathischer Mensch erschienen ist.
Wer mit der wirklich sehr schönen Sprache und den wenigen interessanten Informationen, die für den nicht Ortskundigen verwertbar sind, auskommt, wird Gefallen an diesem Buch finden. Ich für meinen Teil werde es kein zweites Mal lesen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
36 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mikrokosmos zwischen den großen Welten, 7. Dezember 2006
Als Orhan Pamuk 1952 in Istanbul geboren wird, ist die Metropole am Bosporus schon seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben - einem Verfall, der etwas Malerisches, Melancholisches hat und mit dem Ende des Osmanischen Reichs einsetzte. Der allmähliche Verlust des Familienvermögens spiegelt diesen Verfall wider.
Zunächst wächst der Junge in seiner Großfamilie auf, relativ isoliert von der eigentlichen Stadt. Das ändert sich, als er in die Schule kommt. Mit den Jahren wird er mehr und mehr Teil der Stadt, er beginnt, sie zu zeichnen und zu malen. Doch seine Mutter weiß, dass er selbst als höchst talentierter Maler im Istanbul seiner Zeit keine Chance hätte. Sie nötigt ihn, eine Entscheidung für seine berufliche Zukunft zu treffen. Aber das Beschreiben, die Darstellung, das Erzählen sind seine Welt, wenn nicht mit Farbe, so mit Worten, die Farben vermitteln können. Und so sagt er seiner Mutter: "Ich werde nicht Maler. Ich werde Schriftsteller."
Seine Entscheidung wurde 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur belohnt.
Der Autor schildert seine facettenreiche Heimatstadt aus der Sicht des heranwachsenden Kindes, sodass der Leser ihre Entwicklung hautnah miterleben kann und sie sich nach und nach behutsam erschließt. Pamuk bindet zudem sehr interessante Exkurse über viele Aspekte der Geschichte Istanbuls ein, darunter Kunst und Literatur und selbstverständlich die Politik des Osmanischen Reiches. Zahlreiche persönliche Fotos sowie historische Bilder bereichern das Buch und vermitteln in ergänzender Weise einen Eindruck der im Text beschriebenen Orte und Gegebenheiten.
Orhan Pamuks Schreibkunst ist wie sein Gegenstand eine bezaubernde Mischung aus westlichem Faktenreichtum und orientalischer Farbigkeit. Man könnte auch sagen, er schreibe konkreter als ein orientalischer Erzähler und wesentlich bunter, ornamentreicher als die meisten europäischen Romanciers. Es verwundert nicht, dass er einst Maler werden wollte.
Pamuks Erinnerungen an Istanbul ergeben eine der charmantesten, stimmungsvollsten Autobiografien. Gleichzeitig sind sie die Biografie einer Stadt zwischen den Welten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
51 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Melancholische Erinnerungen an eine Stadt, 11. Dezember 2006
Von seiner Kindheit in Istanbul berichtet der Nobelpreisträger und von den unbekannten Vierteln Istanbuls; von Franzosen und Engländern, die im 19. Jahrhundert in die osmanische Hauptstadt kamen und darüber schrieben oder malten; von türkischen Schriftstellern, die am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Stadt als Thema entdeckten und vom Verfall einer Stadt, die einst Hauptstadt einer Weltmacht war und dann ins Abseits geriet, in Armut und Vergessen.
Das Buch ist eine Liebeserklärung an Istanbul und eine traurige Bilanz des Zerfalls. Das dokumentiert nicht nur der glänzend geschriebene Text, sondern eine Unzahl historischer Schwarz-Weiß Fotos. Und es erklärt uns Hüzün, die schwermütige Stimmung, die Istanbul befallen, sich als Gemeinschaftsgefühl auf die Bewohner gelegt hat.
Auch wenn das Buch das alte Istanbul zwischen 1800 und 1970 beschreibt, die Zeiten, als es "nur" 1 Millionen Einwohner hatte, statt wie heute 15 Millionen, Hüzun begegnet dem Besucher immer noch. Oft habe ich mich gewundert, nicht warum in allen türkischen Läden ein Bild von Atatürk hängt, wohl aber, warum es in den allermeisten Fällen nicht Atatürk als siegreichen Offizier in Uniform, nicht Atatürk als erfolgreichen Staatsmanns zeigte, sondern einen melancholisch in die Ferne blickenden Mann voller Sehnsucht zeigt. Hüzün, kein Zweifel.
Westliche Autoren wie Flaubert, Nerval, Gautier gaben sich im 19. Jahrhundert ihrer Orientbegeisterung hin, zelebrierten ihre eigene Form von Melancholie in der Stadt am Goldenen Horn. Anton Ignaz Melling zeichnete 1819 erstmals die Stadt. Auffällig, dass alle die Militärs und Ingenieure, die erst Preußen, später das deutsche Reich an den Bosporus entsandte, bei Orhan Pamuk nicht vorkommen. Aber preußische Militärs waren anders als französische Schriftsteller nicht dafür berühmt, anschauliche Schilderungen der Länder zu verfassen, die sie besuchten.
Vier türkische Autoren folgten den Franzosen: Reat Ekrem Koçu, Abdülhak inasi Hisar, Yayha Kemal und Ahmed Hamdi Tanpinar. Allesamt, wie sollte es anders sein, melancholisch (und unverheiratet), allesamt von westlichen Autoren geprägt und gleichzeitig - das ist verblüffend - viel stärker auf das alte Istanbul, die osmanische Kultur bezogen, als ihre Mitbewohner, die sich einfach am Westen orientierten und dem Verfall der alten osmanischen Vierteln und Häusern keine Träne nachweinten, ja sogar die Brände, die einen alten Holzkonak nach dem anderen auffraßen als willkommene Abwechslung und Feierabendvergnügen begriffen.
Der Bezug auf die alte Kultur fällt auch bei Pamuk auf. Dieser Spagat zwischen Bewunderung für den Westen und der Scham für das arme, heruntergekommene Istanbul; die Liebe zur alten Kultur und gleichzeitig das Gefühl, dass diese nichts hervorgebracht habe, das sich mit dem Westen vergleichen ließe. In der Türkei gelten Künstler, erst recht Schriftsteller nichts, sagt Pamuk über sein Land und ich frage mich als Leser: Gab es keine Tausendundeine Nacht, gab es im osmanischen Reich nicht eine eigene Gilde der Geschichtenerzähler, wie Elsa Sophia von Kamphoevner behauptete? Oder ist dies nur eine weitere der orientbegeisterten Mythen, die das Abendland so gerne pflegt?
Überhaupt der Westen in der Türkei. Mit der Verwestlichung kam der Nationalismus, der aus dem osmanischen Vielvölkerstaat einen türkischen Nationalstaat machte und die ethnische Säuberungen 1923 und 1955 brachte. Ebenso die Verteufelung der Homosexualität. Nicht alles Westliche zeichnet sich durch Toleranz aus, auch wenn FAZ und andere Medien das gerne behaupten. Auch heute sind es die westlich orientierten Nationalisten, nicht die Islamisten, die unliebsame Autoren immer aufs neue vor türkische Gerichte zerren.
Einher mit dem Verfall Istanbuls geht der Verfall von Pamuks Familie. Vater und Onkel bringen in immer neuen Konkursen das großväterliche Erbe herunter. Der Sohn beobachtet es, wie er die Schiffe auf dem Bosperus beobachtet, wie er beobachtend die unbekannten ärmlichen Viertel durchstreift, in die sich normalerweise kein gebildeter westlicher Türke verläuft. Überhaupt ist Beobachten, nicht Bewerten die Stärke des Autors.
Manchmal wünsche ich mir als Leser allerdings ein wenig mehr Kommentar zu diesen seinen Beobachtungen. Etwa wenn er erwähnt, dass die rigide Zensur des Osmanenherrschers Abdülhamid II. (1876-1909) türkische Schriftsteller auf unpolitische Themen ausweichen ließ. Und auch über seine eigenen politischen Vorstellungen als er zwanzig war, schreibt er nur, dass er Parka trug und links war. Der Verlag hätte auch gut daran getan, der deutschen Ausgabe ein kommentiertes Personenverzeichnis beizufügen. Welcher Deutsche weiß schon, wann Abdülhamit und die anderen Herrscher regierten?
Die beiden letzten Kapitel sind sehr persönliche Schilderungen. Wie er sich in ein Mädchen, die "schwarze Rose" verliebte und sie in ihn und wie der Vater daraufhin das Mädchen umgehend in ein Schweizer Internat verfrachten ließ. Eine bittersüßte Liebesgeschichte, anrührend und tragisch zugleich. Und die Reaktionen seiner Mutter, als er ihr eröffnete, dass er das Architekturstudium abbrechen und Maler werden wollte. Die Mutter reagierte, wie wohl alle Mütter dieser Welt in solchen Fällen reagieren: Entsetzt.
So gibt uns Orhan Pamuk in "Istanbul" eine sehr persönliche Sicht auf die Stadt, stilistisch meisterhaft formuliert und inhaltlich dicht; macht uns mit ihr bekannt; weckt aber gleichzeitig neue Fragen und lässt uns nachsinnen. Doch was kann man von einem Buch besseres sagen?
(C) Hans Peter Roentgen
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|