Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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32 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Arno Geigers großartiger "Familien"Roman ohne Familiengedöns, 19. September 2005
Am Anfang des Romans stemmt Philipp, der uns die Geschichte seiner Familie und auch seine eigene zu erzählen scheint, mit aller Kraft eine Luke auf den Dachboden des Familienstammsitzes auf. Dort oben schlägt ihm Staub und Gestank von zentimeterdicker Taubenscheisse, Taubenkadavern und verrotteten Balken entgegen, so dass er die Luke sofort wieder zufallen lässt. Dieses Bild zieht sich durch den gesamten Roman, denn es gibt bei allen Familienmitgliedern die da über 60 Jahre portraitiert werden die Tendenz, die Dinge nicht wirklich anschauen zu wollen, die Klappe sofort wieder zuzumachen, wenn's Ernst wird. Anhand von jeweils einem Tag in den Jahren 1938, 45, 55, 62, 70, 78, 82 und 89 werden die Leben der vier Generationen geschildert. Diese grandiose Konstruktion gelingt es, den klischeehaften Aufbau und die langweiligen Figuren der meisten Familienromane zu vermeiden. Geiger erzählt in einer Weise, die der Tatsache gerecht wird, dass es in den meisten Familien darauf ankommt, was NICHT gesagt oder getan wird. Die Entscheidenden Dinge sind die verpassten Gelegenheiten und nichtumgesetzen Träume von einem anderen Leben. Und davon gibt es in jeder Familie mehr als genug. Auch die Figuren in "Uns geht es gut" verharren in dieser geheimnisvollen Gemeinschaft Familie und vertagen ihre Träume und Fluchtgedanken immer wieder, bis sie eben von der folgenden Generation ersetzt werden, die es ähnlich macht. Und besonders das wird in Geigers Roman grossartig beschrieben. Die österreichische Geschichte dient dabei als Hintergrund, aber schimmert nur hinein die Schicksale, ob die Nazizeit, der Krieg oder die progressiveren 70er Jahre. Keine dieser Figuren ist anhand eines einzigen Schlüsselerlebnisses zu erklären. Phillipps Vater nicht, der als junger Mann in den Krieg muss und danach sein ganzes Leben lang nichts mehr riskieren will, der Grossvater nicht, der zufällig nach dem Krieg auf der richtigen Seite steht und Karriere macht und immer bürgerlicher und ordentlicher sein will, als er eigentlich ist, die Tochter, Phillipps Mutter, nicht, die immer so eigenwillig tut, nachdem sie zu Hause in den 50er Jahren rausflog und sich dann aber doch den Bedingungen in ihrer eigenen Ehe bis zur Unglücklichkeit anpasst und auch nicht Philipp selbst, der jüngste Spross, der in seiner seltsamen Passivität und Unentschiedenheit seinem Vater so ähnelt, obwohl er nie wie er sein wollte. Philipps Erzählung aus dem Jahre 2001 sind immer wieder zwischen die historischen Kapitel der sieben Jahrzehnte zuvor geschaltet. Philipp lebt nun in dem großen Haus der Familie, wo auch die allermeisten Szenen der Jahre 39-89 spielen. Während er das Haus neu einrichtet, macht er sich Notizen über seine Familie. Er organisiert sich Schwarzarbeiter, die für ihn den Dachboden reinigen und dabei auch gleich allerlei Artefakte der Vergangenheit, die für ihn keine Bedeutung haben, in Müllcontainer werfen oder verscherbeln. Das Entsorgen löst in Phillipp ein Gefühl der Schuld und Erleichterung zugleich aus, das jeder kennt, der einmal den Keller im Elternhaus ausräumen musste, wo sich der Wohlstandsmüll der Jahrzehnte türmt. Alles Dinge, die einmal Bedeutung hatten und nun nicht mehr zu entziffern sind für die Nachkommen, und deshalb auf dem Müll der Geschichte landen. Von denen man sich aber wünscht, sie könnten einem die Geschichte der Eltern und Grosseltern erzählen, auf dass man auch sich selbst ein wenig besser versteht. Nur durch die Daten am Anfang jedes Kapitels ist überhaupt zuzuordnen, wann der Tag spielt. Das eigentliche Geschehen in den Kapiteln ist meist zeitlos, denn dort agieren einfach Menschen miteinander, dort funktionieren Familien nicht oder kaum - all das unabhängig von Jahreszahlen. Geiger schiebt in Uwe Johnson Manier aktuelle Zeitungsmeldungen zwischen die Kapitel. Sie fassen das "außerfamiliäre" Geschehen 1938 oder 1955 zusammen, ordnen das vermeintlich Grosse, dem Kleinen der Familie unter. Inklusive der Wettervorhersage. Vor allem die Wettervorhersage hat auf mich einen starken Effekt gehabt: Es war immer irgendein Wetter, mit dem diese Leute gelebt haben. Das scheint eine banale Erkenntnis, hat aber für diese Art der Erzählung einen besonderen Effekt. Denn die Sonne bescheint bei 30 Grad das Grillfest von Philipp im Jahre 2001 mit seinen Nachbarn genauso, wie Tod in den letzen Tagen des 2. Weltkrieges, beim Häuserkampf in den Gassen Wiens. Der Apfelbaum, den Philipp abholzt, hat seinem Grossvater Schatten an jenem Sommertag gespendet, als die Deutschen in Wien einmarschieren. Das Wetter ist immer nur für diesen einen Tag von Bedeutung und man vergisst es genau wie die nachlässigen Worte oder die Ohrfeige des Vaters. Viele banale Details, die Vergangenheit verständlich werden lassen als die Geschichte von Menschen, deren Leben sich vor allem aus Nebensächlichkeiten zusammensetzt.: Ein Regentag auf dem Sofa mit Buch, der Tag, wo man das Kindermädchen vögelt und abends Besuch von einem NSDAP Funktionär bekommt, der Tag wo man sich mit seinem Vater streitet, der Abend, wo man auf der Veranda sitzt und in alten Fotos stöbert.... An was wird man sich nach 50 Jahren noch erinnern? Dieses Buch ist die Antwort. An die Momente, in denen man gelebt hat. Auch wenn man es in jenem Augenblick gar nicht gemerkt hat.
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Keine Buddenbrooks, 25. Oktober 2005
Philip Erlacher Buddenbrook könnte auch der Name des Protagonisten sein. In liebenswert ironischer Weise erzählt uns der Autor an hand von einigen speziellen Jahrestagen zwischen 1930 und 1990 über das Schicksal derer von Erlacher.Es gibt die aufrührerische Tochter, den strengen und gerechten Familienpatriarchen, der auf Grund seiner Überzeugungen unbequem und überflüssig wird. Es gibt die güte Großmutter, die künstlerische Mutter und den jüngsten Spross der Familie, den gewollt, aber schlecht gekonnten Schriftsteller Philip. Es ist naheliegend, hier autobiographische Züge in der Person des Philips zu vermuten, nicht unbedingt betreffend der Erfolglosigkeit sondern eher von der Grundanlage des Charakters her. Philip ist die liebenswürdigste Person im ganzen Buch und durch seine Augen werden in Rückblenden, Zeitsprüngen und Geschichtsbrüchen die Schicksale seiner Familie mit dem politischen und gesellschaftlichen Schicksal Österreichs verknüpft. Dabei agiert Österreich wie eine weitere, lebendig gewordene Person im Hintergrund, die zwar nicht zu fassen, jedoch großen Einfluss auf die handelnden Personen im Buch nimmt. Wer einen klassischen Familienroman erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die Personenzeichnung erfolgt nicht so dicht wie sie vielleicht wünschenswert wäre; allerdings vermeidet der Autor wenigstens, seinen Charakteren einen zu schablonenhaften Unterbau zu geben so dass man den Eindruck hat, die Lebendigkeit der Protagonisten springe auf den Leser über.
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34 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
ehrlichkeit pur, 26. April 2007
Mich wundert, dass es zu diesem herrlichen Buch noch keine Rezension gibt. Ich habe die Taschenbuchausgabe am Wochenende erstanden und mich seither in das Buch versenkt, in seine Charaktere mich eingefühlt und den Eindruck erhalten, ich lebte beim Lesen mitten unter ihnen. Geiger erzählt mit einer verblüffenden Authentizität, und was besonders gefällt, sind seine Detailbeobachtungen, aber auch seine hohe Sprachbeherrschung, die Einblick in Gedachtes, Unausgesprochenes, auch Unvollenedetes liefert, wie Satzbrüche kommentieren. Hier gibt es für den Leser immer wieder ein déja vu, genau so hat man Dinge auch schon erlebt, gesehen, gefühlt, aber noch nie selbst benannt, wenngleich empfunden.
Dies macht die Qualität dieses Autors bzw. dieses Werkes aus, es kann Emotionen, Gedanken, Lebensfacetten benennen und auf den Punkt bringen, als hätte man selbst sie erlebt. Jeder Ton ist echt. Und alles geschieht ohne den Hauch von Kitsch und Künstelei, durch schlichte, aber hohe Sprachkunst. Fazit: Für mich ein Buch, um drin zu wohnen. Und da ich es heute noch nicht zu Ende gelesen habe, bedauere ich jetzt schon den Abschied von den Figuren diesem Werk.
Ich wünsche ihm viele geneigte Leser, jedoch rein kulinarischer Art, es sollte nicht zergliedert werden als ein Vehikel für Seminare und Unterrichtsstunden. Ein Buch zum Genießen der kleinen Momente.
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