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2.0 von 5 Sternen
Kein rettender Strohhalm, 21. November 2004
Ein holländisches Städtchen, aus dem das Mittelalter noch nicht verschwunden scheint, gottesfürchtige Kleinbürger, ein Marktplatz, in dessen Mitte sich jeden Samstag von drei bis vier ein fahrendes Kasperltheater niederlässt, und Archibald Strohalm: das sind die Ausgangskoordinaten dieses Romans. Archibald Strohalm denkt über manches nach, so auch über das Wesen von Namen, seines Namens, und er träumt davon, aus ihm rauszuspringen auf eine neue, höhere Ebene von Möglichkeiten. Denn Möglichkeiten gibt es hier nicht so viele. Selbst das Kasperltheater zeigt vor allem Schönes und Ernstes. Der Schausteller, Ouwe Opa, macht sich Sorgen, ob auch alle alles ertragen, ob alle sittsam sind, ob auch niemand rebelliert. Lachen ist hier Unwissen, ist gotteslästerlich. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Archibald Strohalm eine Wut in sich wachsen spürt. Dass es schließlich zum Ausbruch kommt. Gefolgt von seinem Hund Moses stürmt er auf den Platz, wirft Ouwe Opa vor, die Kinder durch Rührung und Entsetzen zu verstümmeln, ein faschistisches Prozedere sei das, und propagiert den Weg des Lachens. In einer einzigen Vorstellung will Archibald Strohalm nun selbst mit seinem eigenen Prozedere positiven Einfluss ausüben. Und stürzt sich mit dieser Ankündigung in einen Strudel von Möglichkeiten, Mühen, Gedanken und Erlebnissen. Die LeserInnen stürzt Harry Mulisch dabei in kühnen Rückblicken und Szenenwechseln in das Leben Archibals Strohalms. In einem Schlüsselerlebnis lässte er den Helden des Romans schließlich aus seinem Namen herausspringen und seine absurde Geschichte als archibald strohalm fortsetzen. Skurrile Bilder werden skizziert, die an Salvador Dali erinnern, ohne deren vollendete Ausdruckskraft zu erreichen. Anspielungen an den erst vor wenigen Jahren zu Ende gegangenen Krieg (das Buch erschien im Original 1952) und wirre, wüste Szenen lassen an Picassos Guernica denken, ohne dessen machtvolle Konsequenz zu vermitteln. Einige durchaus komische, manchmal unterhaltsame, bisweilen auch berührende Episoden rücken den Weg des Lachens, der zu Beginn verheißen wurde, mehrmals kurz ins Blickfeld. Und dann wieder tote Vögel. Die Ahnung, die diese bizarren Schilderungen langsam entstehen lassen, erfüllt sich schließlich am Ende: die Ankündigung, mit dem eigenen Stück im Kasperltheater einen neuen Weg, eben den des Lachens, aufzuzeigen, wird nicht wahr gemacht. Archibald strohalm endet im Chaos, das er in den letzten Zeilen nochmals wie im Zeitraffer vor sich sieht. Weder ihm noch den LeserInnen zeigt sich ein rettender Strohhalm. Wie der Romanheld selbst verheißt auch der Beginn dieses Romans vieles, das dann nicht kommt. Vieles wird angedeutet, begonnen - und dann nicht zu Ende geführt. Mehr als ein halbes Jahrhundert wurde gezögert, dieses Frühwerk des mittlerweile sehr bekannten Autors in deutscher Sprache herauszubringen. Und ich stelle einmal mehr fest, dass es im allgemeinen einen Grund hat, wenn lange gezögert wird. Ebenso wie es einen Grund hat, wenn das Zögern schließlich doch abgebrochen wird. Dem Autor ist in so einem Fall wohl erst zu allerletzt ein Vorwurf zu machen. Er hat damals wie später sein Bestes gegeben.
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