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Die wir lieben
 
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Die wir lieben (Gebundene Ausgabe)

von Aleksandar Tisma (Autor)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Mikrokosmos des Begehrens

Aleksandar Tišmas Meisterwerk «Die wir lieben»

Von Andreas Breitenstein

Es soll Zeitungen geben in diesem Lande, die seitenweise Anzeigen einschlägiger Etablissements veröffentlichen – um das ausbeuterische Geschäft mit der käuflichen Liebe im redaktionellen Teil um so «engagierter» anzuprangern. Die Prostitution birgt viele Fallen, doch der serbische Schriftsteller Aleksandar Tišma ist weit davon entfernt, in die plumpste: die der Doppelmoral, hineinzulaufen. «Die wir lieben», sein 1990 in Sarajewo erschienenes und nun in einer formidablen Übersetzung von Barbara Antkowiak auf deutsch vorliegendes Buch, nähert sich dem Thema mit einer Unvoreingenommenheit, die für gewerbsmässig «gute» Menschen an Zynismus grenzen mag. Wie kaum einer verbindet dieser Autor das heisse Herz des Erzählers mit dem kalten Auge des Phänomenologen. Sich einzumischen ist Tišmas Sache nicht – selbst der jugoslawische Bürgerkrieg war ihm keine Intervention wert. Seinesgleichen geschieht in der Geschichte, wie er sie sieht. Dem «Gebrauch des Menschen» – so der Titel seines grossen Romans (1980, dt. 1991) – sind weder im Guten noch im Bösen Schranken gesetzt. Homo homini lupus.

Eros und Thanatos

Im Grenzbereich von Eros und Thanatos, dort, wo sich der Sinnzusammenhang von Motiv und Tat, Schuld und Sühne aufzulösen beginnt, ist Tišma unterwegs. Wer wie er unter den beiden Totalitarismen dieses Jahrhunderts als Halbjude durch «die Schule der Gottlosigkeit» – so der Titel eines Erzählbandes (1978, dt. 1993) – gegangen ist, kennt die Banalität und damit die Unauslotbarkeit des Bösen. Das autobiographisch fundierte «Buch Blam» (1985, dt. 1995) schildert die Qual des Opfers, das allein durch sein Überleben zum Täter geworden ist. Versuchsstation des Weltuntergangs war Tišma stets seine Heimatstadt Novi Sad, diese «Retorte zur Prüfung der Festigkeit und Veränderlichkeit von Material und Menschen unter verschiedenen Druck- und Temperaturverhältnissen». In den erhabenen Gleichungen der Thermodynamik ist das Glück des Einzelnen eine vernachlässigbare Grösse.

Nach dem Makrokosmos der Gewalt nun also der Mikrokosmos des Begehrens. Das Dasein im Novi Sad der Nachkriegsjahre ist ein Überlebenskampf. Man haust in schimmeligen Wohnungen und düsteren Zimmern, füllt seinen Magen mit Suppe, ertränkt seine Sorgen in Alkohol. Viele Frauen verkaufen das einzige, was sie besitzen – ihren Körper: Fallengelassene, Weggelaufene und Verwitwete, Mädchen vom Lande, Fabrikarbeiterinnen, aber auch ganz normale Ehefrauen, die sich ihren schäbigen Luxus – Kino, Kleider und Kuchen – finanzieren müssen. Hinzu kommen jene, die «ihren Dienst an der käuflichen Liebe geleistet» haben und nun, einander die «hübsche und unverbrauchte» Ware abspenstig machend, das Geschäft mit der Kuppelei betreiben. Zwar ist Prostitution «unzweideutig» verboten, doch haben im Reich der Sinne Angebot und Nachfrage noch stets zueinander gefunden.

Auf der rastlosen Suche nach der Wiederkehr des Einmaligen, «nach Leidenschaft, die leicht und ohne Verantwortung zu wecken und zu stillen ist», sind sie alle – der Bautechniker ebenso wie der Uhrmacher oder der Gerichtsreferendar, zumeist honorige Familienväter. Gekaufte Liebe, das ist das kalkulierbare Abenteuer: Der Rausch der Gefahr, entdeckt zu werden, mündet in «Augenblicke äusserster emotionaler Klarheit», gleichzeitig schwingt die Hoffnung mit, einem der Mädchen mehr zu bedeuten als nur den versprochenen Lohn. Wie denn diese umgekehrt von der «Sicherheit bei einem Mann [träumen], der etwas zu schätzen und zu belohnen weiss».

Prosaminiaturen

Die Realität freilich sieht anders aus. Und so wiederholt sie sich denn immer wieder, jene Hinterzimmerszene, die die Gleichgültigkeit der Gefühle mit der Entfesselung des Körpers, das Chaos der Triebe mit der Ordnung des Geldes kurzschliesst – und so den Sexus domestiziert. In 39 kunstvoll miteinander verflochtenen und doch in sich zugespitzten Prosaminiaturen schildert Tišma mit gleichbleibender Lakonik und subtilem Witz die Umstände solcher Begegnungen, ohne – bei allem Detailrealismus – die Figuren in irgendeiner Weise blosszustellen. Leicht wäre es, den Liebesreigen als seelenloses Körperballett zu denunzieren. Tišmas psychologischem Feingespür aber entgeht weder die Macht der Ohnmacht noch deren Erotik: Die Wege des Begehrens sind verknäuelter, als es die marxistische Entfremdungs- und die feministische Ausbeutungsthese wahrhaben wollen.

Verschiedene Zeiten, Schicksale und Temperamente treffen in Tišmas Buch aufeinander. Die strikte Ordnung bei der Zuhälterin Tante Ruza atmet noch den Geist der Habsburgermonarchie, zu der Novi Sad einst gehörte. Vormittags, wenn der heimlich trinkende Gatte abwesend ist, verwandelt sich ihr Eheschlafzimmer in ein «Reich der Liebe». Weniger diskret geht es in Paulas Mansarde zu, weshalb Kontrollen der Miliz hier keine Seltenheit sind. Konkurrenz wächst beiden in Katarina heran, die nach dem Tod ihres Mannes beschliesst, das Gelegenheitsgeschäft zum Beruf zu machen und daher eine «neue Wohnung ohne neugierige Nachbarn» sucht.

Tišmas Freudenhäuser sind ein Ort aberwitziger Koexistenzen: Die Schöne hat hier ihren Auftritt neben der Hässlichen, die Vitale neben der Verhärmten, die Berechnende neben der Verträumten, die Jungfrau neben der Schwangeren. Für die vielfältigen Charaktere findet der Autor so hinreissend schlichte wie schlagende Bilder: «Envera stürzt sich in die Umarmung wie ein junger Krieger in die Schlacht»; «aufrecht und unbekleidet steht Frau Natas Körper da wie ein reifer Baum»; Mara mustert die Tische voller Müssiggänger im Café «wie eine fröhliche Gärtnerin ihre Beete». So sind die Frauen nicht nur Opfer, sondern auch Protagonistinnen in einem intimen Theaterstück, das – ein Nichts als «Alles», eine Erregung als «Erlösung» verheissend – aus Biedermännern Narren der Liebe macht. «Alle sind enttäuscht, und doch kommen alle wieder», denn der Reiz des Ephemeren ist subtil und die Dialektik der Verführung ohne Ende.

Vor-sexindustrielle Welt

Die Prostitution schafft eine virtuelle Realität. Schmerzlich erwacht, wer das «zweite Leben» mit dem ersten verwechselt wie Devic, der das scheue Dorfmädchen Emina in einer «hochherzigen Mission» zu einem humaneren Dasein unter den «Bedingungen einer zivilisierten Stadt mit wohlgesinnten Menschen» führen will, ohne sein Ehedasein zu tangieren. Das Geheimnis der gegenseitigen nächtlichen Zuneigung erweist sich bei Tageslicht besehen als Missverständnis. Es ist die Fremdheit, die am anderen fasziniert – und zugleich die bleibende Nähe unmöglich macht.

Zeitlos ist das Verlangen nach käuflicher Liebe, doch geht die Geschichte auch an dieser Form des Warenverkehrs nicht spurlos vorbei. Es ist eine dem Untergang geweihte, vor-sexindustrielle Welt, die Tišma ohne falsche Sentimentalität in ihrer Würde und Einfachheit beschwört. Noch herrscht eine fast rührende Geselligkeit, noch ist die Arbeit der Frauen von handwerklichem Ethos und das Benehmen der Männer von bürgerlichem Stilbewusstsein getragen. Die alte matriarchalische Ordnung aber wankt, mit dem wachsenden Wohlstand beginnt sich das Karussell der Lust immer schneller zu drehen. Selber der «leichtsinnigen Kriegsgeneration» zugehörig, stemmt sich Paula vergeblich gegen die Unrast, die sich mit dem Einzug «mutwilliger kleiner Mädchen» in ihrer Mansarde breitmacht: «Muskulöse, biegsame Körper und blitzende weisse Zähne – das war keine Grundlage mehr für einen sinnvollen Umgang mit dem Begehren.» Mit der Uniformierung männlicher Wünsche wachsen Anonymität und Aggressivität, aber auch die Angst, «diese frischen jungen Körper könnten jeden Augenblick die Überlegenheit der eigenen Schönheit begreifen und sich den begierigen Händen verweigern».

Unauflöslich sind Sexualität und Tod ineinander verschlungen. So hell Tišma die Einzelszenen ausleuchtet, so wenig verliert er diesen dunklen Horizont aus dem Blick. Das Leben mit seinen Zu- und Hinfälligkeiten ist ihm ein Elend, das nur in Momenten «flüchtigen Selbstvergessens» überwunden wird. Die Liebe reisst die Welt auf einen anderen Zustand hin auf; als Utopie personaler Ausschliesslichkeit freilich, wie sie heute imaginiert wird, stellt sie wohl ein übermenschliches Programm dar. Wie leicht anderseits das objektlose Begehren in nackte Gewalt umschlägt, hat Tišma wiederholt mit schockierender Präzision beschrieben. Sein jüngstes Buch scheut sich daher nicht, den Frieden als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu denken. So bekommt, was literarisch meisterhaft gelingt, auch moralisch seinen Sinn – als unzeitgemässes Plädoyer für die Würde und Weisheit der käuflichen Liebe.



Kurzbeschreibung

Der 1924 im ehemaligen Jugoslawien geborene Aleksandar Tisma beschreibt das Geschäft mit der Liebe in seiner Heimatstadt Novi Sad nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem größten Respekt für die Frauen und Mädchen, die Gelegenheitsprostituierten, die sich verkaufen, um die Haushaltskasse aufzubessern und ihre Familien durchzubringen, schildert er die trostlose Jagd nach Geld und ein klein wenig Glück.

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