Die Kunst des Fernsehkrimis
Jean Echenoz: «Ich gehe jetzt»
Eine leichte Lektüre ein Buch mit einer Geschichte, die nicht mehr sein will als eben eine Geschichte. Nichts, was dem Leser grössere intellektuelle und emotionale Anstrengungen abfordert. Ab und zu lacht man vielleicht, wundert oder graust sich; am Schluss legt man es beiseite. Man kann es in der Badewanne lesen oder im Zug. Von dieser Art ist der neue Roman von Jean Echenoz. «Ich gehe jetzt» reicht im ICE ungefähr von Frankfurt nach Berlin oder für fünf Vollbäder und enthält: einen Félix Ferrer, seines Zeichens gescheiterter Künstler und Galerist mit wechselndem Erfolg; einen undurchsichtigen Baumgartner, Ferrers Widersacher; an weiblichem Personal Suzanne, Laurence, Victoire, Bérangère, Hélène, die Krankenschwester u. a. m.; ausserdem einen versteckten Schatz, eine abenteuerliche Reise, Kunst, Krankheit und jede Menge Alltäglichkeiten sowie Duft- und Aromastoffe, aber keine Konservierungsmittel. Das soll heissen, dass Echenoz den Anspruch, bleibende Kunst herzustellen, gar nicht stellt. Man darf aber annehmen, dass sich die Mischung sehr lange hält, denn sie ist viel erprobt und hat sich bewährt. Man kann ebenfalls annehmen, dass der erfahrene Romancier Jean Echenoz dieses Musketier- Rezept (schöne Frauen, Geld, Abenteuer) mit Wissen und Ironie angewandt hat. Man braucht aber eigentlich überhaupt nichts anzunehmen, denn schliesslich kommt es darauf an, was uns bei sinkender Badetemperatur weiterlesen lässt. Und das ist ganz gewiss nicht die Ironie. Und auch nicht der Prix Goncourt, den Echenoz für dieses Musterbeispiel gekonnter Leichtigkeit erhielt. Es ist: die gute alte Spannung. Wird der Böse obsiegen? Wer verbirgt sich hinter dem Namen Baumgartner? Wird Ferrer bei seiner Herzschwäche die Reise in die Arktis überstehen? Wird er den Schatz finden? Was führt Hélène im Schilde? Zugegeben, jeder Spannungshöhepunkt in diesem Buch mündet in eine Antiklimax etwa so wie im wirklichen Leben. Ferrers Scheidungstermin verläuft sachlich und kühl, sein Herzinfarkt erstaunlich undramatisch und seine Rekonvaleszenz in einem ruhigen Krankenhaus; nicht einmal die Bergung des Schatzes ruft Exaltationen hervor.
Trotzdem gelingt es Echenoz immer wieder, die Gedanken seiner Leser zu fesseln. Immer wieder beschreibt der Roman kleine Kurven, hinter denen eine neue Wendung der Handlung vermutet werden kann. So bleibt man dabei und kommt in den Genuss der vielen hübschen marginalen Beobachtungen, zum Beispiel über die Qualität von unterschiedlichen Sitzplätzen in der Métro oder über die Kunst, grossformatige Monochrome zu verkaufen; und man amüsiert sich über die scharfe, fast karikaturistische Zeichnung der Nebenfiguren oder die wenig rührselige Schilderung gesellschaftlicher und sexueller Gepflogenheiten des bürgerlichen Pariser Kulturmilieus. Aber eine richtige Satire ist das Buch auch nicht: Dafür ist sein Protagonist ein viel zu alltäglicher Typ. Es gibt Passagen darin, die an Maupassant denken lassen; die Reise in die Arktis hat etwas von dem Irrwitz von Blaise Cendrars' «Dan Yack»; und Ferrers erotische Unternehmungen erinnern an «L'homme qui aimait les femmes», den Truffaut-Film zum Casanova-Komplex.
Man kann noch eine Menge mehr Vorbilder, Ähnlichkeiten und Zitate finden, wenn man kein Leser, sondern ein Forscher sein will. Aber Forscher werden sich über dieses Buch nur ärgern: Es gibt nicht wirklich etwas zu buddeln darin, denn die Charakterzüge, Liebschaften und Geschäfte des Félix Ferrer liegen offen und ohne Geheimnis zutage. Wir erkennen sie beim Lesen, sofort. Und die komplikationslose Sprache Echenoz', die sich eines munteren und lesbaren Konversationstons bedient, bietet auch keine analysewürdigen Überraschungen. Dass sich gelegentlich ein Erzähler von der guten alten allwissenden Sorte zu Wort meldet und kommentierend aus der Geschichte heraustritt, kennt man ja auch schon seit Diderot: «Also mir persönlich geht dieser Baumgartner so langsam auf die Nerven. Sein Alltag ist zu belanglos. Er wohnt im Hotel, telefoniert jeden Tag und besichtigt alles, was sich nicht wehrt, aber sonst ist nichts los. Da fehlt der Schwung.»
Trotz dieser halbherzigen auktorialen Werkkritik: Bewundernswert ist diese zur Perfektion gebrachte Leichtigkeit des Erzählens in Sujet und Methode allemal. Es ist eine Leichtigkeit, die Hirn und Herz des Publikums gleichermassen schont. Wenn Ferrer an seinem Herzinfarkt gestorben wäre, wäre dem Leser der Abschied nicht schwer geworden. Der Mann ist nicht besonders nett, aber auch nicht wirklich garstig; dabei ziemlich egoistisch und emotional absolut unterentwickelt: Der Umgang mit Frauen ist ihm hauptsächlich als Routinehandlung nach Restaurantbesuchen anlässlich des letzten gemeinsamen Glases in ihrer Wohnung geläufig.
In gewisser Weise ist dieser Ferrer natürlich monströs. Und wenn man über ihn nachdenkt wie man eben in der Badewanne über jemanden nachdenkt, der einem irgendwann einmal vorgestellt wurde , merkt man, dass er das vielfach bekannte windschlüpfige Modell des Zeitgenossen aus einem Werbespot für Kreditkarten oder Ähnliches variiert. Ist Félix (was immerhin «der Glückliche» bedeutet) Ferrer also doch ein Bedeutungsträger? Eine Symbolfigur für die Erfolgsorientiertheit und Beziehungslosigkeit der Jahrtausendwende? Ein aus lauter Äusserlichkeit bestehendes Mannswesen, an dessen Innenleben nur der Bypass von Interesse ist?
Aufgewertet als Romanfigur wird Félix durch seinen Widersacher; ohne diesen, der so viele Kapitel lang auf der Lauer liegt, wäre der ganze Roman ohnehin für die Katz. Mit dem Widersacher muss sich der Held, so will es die Tradition, beim Showdown messen. Im Buch treffen sich Ferrer und Baumgartner, good guy und bad guy, wie es sich gehört, schliesslich Auge in Auge. Und wenn ich jetzt noch weitererzähle, wird man das Buch zwar zu Ende lesen wollen, aber die Spannung wäre dahin. Und das wäre schade, auch wenn man längst weiss, dass Félix Ferrer kein Alpha-Männchen ist. Übrigens gibt es in diesem Buch auch einen Mord, und zwar ungefähr auf der Höhe von Hannover oder beim dritten Vollbad. «Das ist doch so was von banal», argumentiert das Mordopfer verzweifelt, «in jedem blöden Fernsehkrimi werden Leute so umgebracht, das ist wirklich nicht originell.» Und der Mörder räumt ein: «. . . ich bin eben von Fernsehkrimis beeinflusst. Der Fernsehkrimi ist eine Kunst wie jede andere. Egal, jetzt reicht's.» Spricht's und mordet. Woraus folgt, dass nicht einmal ein gewisses Quantum ästhetischer Reflektiertheit in dieser so gelungen leichten Geschichte irgendwelchen Schaden anrichten kann.
Katharina Döbler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2000
Rezensent Eberhard Rathgeb nennt erstmal ein paar Gründe, weswegen man die neue Geschichte des Prix-Goncourt-Preisträgers Echenoz mit etwas Spannung erwarten konnten. Doch die Art und Weise, wie Rathgeb dann die Geschichte des Galeristen erzählt, der ganz offenbar die Hauptfigur des Romans ist, lassen den Rückschluss zu, dass sich der Rezensent weder für dessen Eskapaden noch für den Roman selbst, erwärmen kann. Böse Worte, wie "kunsthandwerkliche Kälte" fallen. Aber für einen saftigen Verriß hat das Buch ihn wohl nicht genügend interessiert.
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