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39 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bedrückende Kriegerlebnisse in Frankreich, 4. Juni 2007
Ein bedrückendes, dramatisches und beklemmendes Werk ist dieses Buch der 1942 in Auschwitz ermordeten Schriftstellerin Irène Némirowsky.
Wie eine musikalische Fuge ist der Roman angelegt, von dem, ursprünglich fünf Teile vorgesehen, nur zwei Teile fertig gestellt werden konnten. I.N. wurde in Auschwitz ermordet. Ihre Töchter hatten das Manuskript über die Jahre gerettet.
Im ersten Teil wird die bevorstehende Besetzung von Paris durch die Nazis Mitte des Jahres 1940 erzählt.
In einem ganz eigenen Erzählstil gibt es zuerst kaum Protagonisten, an denen man Schicksale festmachen könnte.
Wie eine wabernde, dumpfe Menschenmenge rafft jeder an sich, was er nur kann, sucht zu retten, was möglich ist. Charaktere unterschiedlichster Couleur werden beschrieben: rücksichtslose, verbitterte, egoistische, mitfühlende, traurige, verzweifelte und hilfsbereite. Die ganze Palette menschlicher Eigenschaften wird zum Leben erweckt und vermittelt eine Stimmung ratloser und rastloser Hast, mit dem man dem Untergang zu entrinnen versucht.
Ich fühlte eine dumpfe Bedrückung beim Lesen, die mir fast den Atem nahm.
Im zweiten Teil wird ein Dorf in Frankreich beschrieben. Man hat sich mit der Besetzung durch die deutschen Soldaten einzurichten.
In jedem Haus ist einer von ihnen stationiert.
Es ist der Sommer 1941 und wunderbare Stimmungsbilder der Natur, der Gerüche und der Jahreszeit auf einem herrlichen Fleckchen Erde wechseln ab mit der einen grausamen Tatsache: es ist Krieg, man kann nichts machen. Es gibt Soldaten, die im Netzwerk des Kriegsablaufes stecken und Franzosen, die den Feinden Abneigung und zuweilen zögerliches Wohlwollen entgegen bringen
Ein adliges Haus, ein Bürgerhaus und eine Bauernfamilie bieten nähere Einblicke in die Lage.
Im Gegensatz zum ersten Teil kann man an der Gefühlswelt einzelner Personen teilhaben.
Es gibt u.a. die totale Ablehnung und den Hass der Dorfbewohner auf die Besatzer. Es gibt aber auch den einzelnen, der als Rädchen eines Ganzen beschrieben wird: Menschen, deren Empfindsamkeiten sich gleichen, die Glück, Liebe, Zuneigung und Eifersucht empfinden, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur einen oder anderen Seite. Letzteres wird dargestellt in der Person von Lucile, einer unglücklich verheirateten jungen Französin, die sich zu einem liebenswerten und attraktiven deutschen Offizier durch zarte Bande hingezogen fühlt. Hier begegnen sich zwei Menschen, die zu einer anderen Zeit ihrer Liebe Ausdruck geben dürften. Unter den gegebenen Umständen bleibt dieses Fühlen für Lucile sträflich, sowohl in den Augen ihrer Mitbewohner als auch vor dem eigenen Gewissen.
I. Némirowsky beschreibt nüchtern und doch mit Empathie, klar und unparteiisch, wie es Menschen ergeht, die in unmenschlicher Zeit in ihrem Denken und Fühlen blockiert bleiben, weil Krieg die Völker entzweit.
Beim Leser bleibt der Gedanke an eine irrationale, irrwitzige und unmenschliche Kategorie von Leben, das eigentlich von niemandem mit rationalem Verstand begriffen werden kann.
Das scheint für mich die Größe dieser Kriegserzählung auszumachen: dass vieles aus der Sicht des Individuums nicht zu verstehen und im Ablauf der Geschichte nur als Wahnsinn zu betrachten ist, ---was es im Kern ja wohl auch war.
Wahrlich ein großartiger Roman von hohem inhaltlichen und literarischem Wert.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Wiederentdeckung der Irene Nemirovsky, 7. Mai 2008
Über die Exilanten in Frankreich während der Nazizeit wurden viele Romane geschrieben. Irene Nemirovsky nähert sich dem Thema aus anderer Perspektive, indem sie in ihrer Suite francaise die Sicht der Franzosen einnimmt, die 1940, mit der Besetzung Frankreichs durch Hitlers Armee, die Flucht Richtung Süden in die unbesetzte Zone ergreifen. Panisch verlassen viele Pariser mitsamt eines Teils ihrer Besitztümer die Stadt. Dieser Massenexodus führt zu Chaos auf den Straßen und Bahnhöfen, so dass bald kein Durchkommen mehr möglich ist und viele der Flüchtenden nie ihr Ziel erreichen. Dies ist das Thema des ersten Teils, der als Episodenroman angelegt ist. Viele Personen ganz unterschiedlichen Charakters werden eingeführt, die sich in dieser äußerst angespannten Situation sehr unterschiedlich verhalten und ihr wahres Wesen offenbaren.
Der zweite Teil des von der Autorin auf fünf Teile angelegten Romans spielt ein Jahr später in einem besetzten Dorf. Dort wird jeder Familie ein deutscher Soldat zum Wohnen zugewiesen. Nachdem viele Franzosen erkannt haben, dass die Mehrheit der Deutschen den Krieg genauso wenig will wie sie, macht in vielen Familien die anfängliche Reserviertheit nach und nach einem zaghaften Miteinander Platz. In Einzelfällen kommt man sich sogar näher. Andernorts beschwört Eifersucht Tragödien herauf. Dieser Teil und damit das Buch endet mit dem Abzug der deutschen Soldaten und deren Verlegung nach Russland. Der Roman bleibt unvollendet.
Im umfangreichen Anhang folgen Notizen der Autorin zum weiteren geplanten Verlauf des Romans, den sie auf fünf Teile anlegen wollte. Der letzte Teil sollte das Ende des Krieges beschreiben. Damit sollte es ein Buch ganz dicht am Zeitgeschehen werden. Weder das Ende noch der Zeitpunkt desselben waren absehbar. Dies zu lesen hat etwas Gruseliges, es verursacht Gänsehaut.
Dieses Gefühl von Beklemmung geht auch nicht mehr weg, denn als Nächstes folgt ein Briefwechsel, den Michel Epstein, Irene Nemirovskys Ehemann, nach deren Verhaftung durch die Gestapo mit Freunden, Verlegern und Bekannten von Freunden bis zum Zeitpunkt seiner eigenen Verhaftung wenige Monate später geführt hat. Diese Briefe zeigen den Versuch Epsteins, den Verbleib seiner Frau zu erforschen und geben zugleich detailliert Auskunft über die Zuspitzung der Situation für ihn und die Töchter.
Schließlich endet das Buch mit einem Nachwort. Die Entdeckungs- und Entstehungsgeschichte dieses Buches ist sehr interessant, denn das Manuskript wurde erst 2004 in den wenigen Überbleibseln des Nachlasses Irene Nemirovskys gefunden. Eine kurze Biografie der Autorin vervollständigt das Nachwort.
Dieses Buch verdient es unbedingt, gelesen zu werden. Es nimmt, wie schon erwähnt, eine ungewöhnliche Sichtweise ein. Die verschiedenen Charaktere und Schicksale sind anrührend und erschüttern teilweise bis in Mark. Der auch handwerklich perfekte Roman berührt sehr nachhaltig und gehört zum Besten, was über den Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Beeindruckend große Literatur, 9. Dezember 2007
Das Erstaunliche an Suite francaise liegt in zwei Bereichen: zum Einen ist da diese Art der Beschreibung der Charaktere, mit klaren und einfachen Worten zeichnet uns die Autorin ganz lebendige und uns nahe Personen, pointiert diese aber gleichzeitig so, dass wir die unterschiedlichsten Geisteshaltungen und Eigenarten vorfinden. Zum Anderen beeindruckt, dass der Gegenstand des Werkes keineswegs eine einzige Heldenhuldigung des französischen Volkes während der Nazibesatzung ist und die Deutschen nicht in der fantasielosen Art als armselige, dumme und brutale Mörder oder Nazis gezeichnet werden; im Vordergrund steht auch hier der einzelne Mensch mit all seinen Fehlern, Hoffnungen, Egoismen. Gerade weil hier die Menschenschicksale einzeln beschrieben werden und nicht so sehr das Epos des Weltkrieges, gelingt eine so klare Zeichnung der Zeit. Es steht endlich mal nicht die Versuchung im Vordergrund, unsere vorgefertigte Meinung über die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges selektiv bestätigt zu bekommen, sondern es eröffnen sich neue und mitunter aufregende Erkenntnisse über uns Menschen.
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